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Anna-Lena. Roman einer Karriere oder Deutschland 215 Jahre nach Schiller

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In meiner Schulzeit ließ ich ab den Oberstufenjahren keine Gelegenheit aus, mich auf jede sich bietende Bühne zu drängen, vor allem die Theaterbühne der Schulaula oder die Kleinkunstbühne in der städtischen Szenekneipe, was in meiner Heimatstadt bürgerlicher war als es klingt. Nie aber wäre ich ernsthaft auf die Idee gekommen, nach dem Abitur Schauspieler oder Kabarettist zu werden. Dreizehn Jahre staatlicher Schulbesuch hatten in meinem Kopf nicht die Überzeugung ersticken können, ein Mann müsse für Frau und Kinder sorgen können, was mit dem Verdienst eines hin und wieder engagierten Theaterschauspielers mit gelegentlichen Nebenrollen im Vorabend-Krimi nicht zu vereinbaren war.

Anscheinend hegten mehrere Jungen meines Abschlussjahrganges diese Weltsicht aus dem Vor-Merkel. Wer sein Hobby zum Beruf machen wollte, studierte sein Lieblingsinstrumente auf Lehramt statt mit abertausenden hochausgebildeten Russen und Chinesen um die wenigen Orchesterstellen zu konkurrieren. Hervorragende Sportler wurden Industriekaufmänner, mein Rivale um die Hauptrollen im Oberstufentheater verschlug es in die Betriebswirtschaftslehre.

Die Mädchen hegten allerlei Vorstellungen von Wanderreisen durch Syrien oder den Oman, um auf dem Land für Frauenrechte zu werben. Kündigte ich diesen Mädchen gegenüber an, mir später auf YouTube die Videos ihrer Steinigung anzusehen, galt ich als zynisch. Anderen Mädchen schwebten Karrieren als Society-Expertinnen in schon damals vom Auflagenschwund erfassten Klatschmagazinen vor, wollten Pferdewissenschaften studieren und sahen sich schon als kommende Botschafterinnen der Bundesrepublik Deutschland. Natürlich in London und Paris, nicht in Ulan-Bator. All diesen Mädchen stellte der Staat einige Monate später ein Reifezeugnis aus.

Und dann war da noch Anna-Lena. Klemmte es mal mit den Noten, fing sie gern an zu weinen. Ließ sich des Lehrers Herz durch Tränen nicht erweichen, ließ sie sich auf ernsthafte Sachargumentationen ein („Reli ist ein Laberfach und ich will jetzt meine Eins haben!“). Auch Anna-Lena interessierte sich sehr für Theater und Literatur, kellnerte in der besagten Szene-Kneipe, sagte Gedichte auf, gab dramaturgische Ratschläge („Die Brecht-Figuren könnten doch alle auf großen Kunststoff-Pilzen sitzen“) und spielte immer irgendwo am Rande mit. Überhaupt schloss Anna-Lena sich gern irgendwo an.

Sie trug weiße Converse-chucks zu Röhrenjeans und Streifenpullis, gab als Lieblingsband „Wir sind Helden“ an und war anti-amerikanisch, bis ein gewisser Barack Obama auf der Bildfläche erschien. Im Geschichtsunterricht lief Anna-Lena schon mal Gefahr, sich in einen Konflikt widerstreitender Meinungen, die beide vertretbar und doch unvereinbar sind, hineinzuversetzen. Bei derlei Anflügen von Tragik witterte Anna-Lena zuverlässig die herrschende Meinung und verteidigte sie mit den gängigen Argumenten in ihrer eigenen Sprache („Natürlich war der Beitritt der DDR nach Artikel 23 besser als die Wiedervereinigung nach Artikel 146, weil der 146, das ist halt voll der Lappen.“).

Anna-Lena gehört heute zum aufstrebenden Nachwuchs im deutschen Subventionstheater. Trotz ihres noch vergleichsweise jungen Alters hat sie bereits an einigen sehr namhaften Schauspielhäusern Deutschlands gearbeitet und einige Nachwuchsstipendien an Land gezogen. Handelt es sich ausnahmsweise lediglich um ein halb-staatliches Stipendium, steht der Name Augstein drauf. Anna-Lenas Aufstieg hat gerade erst begonnen.

Nach dem Abitur studierte Anna-Lena Theaterwissenschaften an einer äußerst linkslastigen Universität. Als die damalige schwarz-gelbe Landesregierung in einem Anfall aus Sparsamkeit und bürgerlicher Vernunft den Studiengang der Theaterwissenschaften an der besagten Universität streichen wollte, zeigten die angehenden Regisseure, Dichter und Dramaturgen, was der Nachwuchs der deutschen Kreativszene zukünftig gedachten, dem deutschen Steuerzahler in Rechnung zu stellen. Für ihre Kampagne zum Erhalt des Studiengangs der Theaterwissenschaften fertigten die sich selbst schon damals als Student*innen Bezeichnenden eine schwarz-weiß-Fotographie ihres Stadtbildes an, unterlegten es mit den Jubelrufen zu Goebbels Sportpalst-Rede und fügten die Losung „Universitäten zu Unternehmen“ hinzu. Irgendwann gingen die „Sieg Heil“-Rufe in Maschinengewehrschüsse über. In schwarz-weiß gehalten war auch die Fotographie eines übergewichtigen Mannes mit ungewaschenen Haaren im verschmutzen Unterhemd, der vor einer Wand kniete, die bis auf das Landeswappen neutral gehalten war. Vor dem knienden Mann stand ein Pappschild mit der Aufschrift. „Seit 20 Tagen ein Gefangener der CDU-FDP-Koalition.“

Bei der nächsten Landtagswahl flog die FDP aus dem Landtag, die CDU koalierte fortan mit der SPD, die sich ihre ideologische Kaderschmiede nicht nehmen lassen wollte, gefangen in dem Irrglauben, der Staatskünstler von Morgen wandere nicht zur SED oder Bündnis90/Die Grünen ab. Glück für unsere kleine Anna-Lena, die mit dem Master in der Tasche ihren Siegeszug durch die deutsche Theaterlandschaft antreten durfte.

Ich selbst interessierte mich in diesen Jahren immer weniger für das Subventionstheater. In einer konservativen Kleinstadt groß geworden glaubte ich, die im dortigen Stadttheater gezeigten Inszenierungen, werkgetreu wie sie waren, seien an deutschen Bühnen der Regelfall. Für mein Studium zog ich in eine etwas größere und deutlich progressivere Stadt, besorgte mir ein Abonnement des dortigen Theaters und sah sogleich eine lausige Aufführung von Kleists „Der zerbrochene Krug.“ Die anschließende Podiumsdiskussion zwischen der Regisseurin, den Schauspielern und zwei Jura-Professoren ließ in mir den Gedanken aufkeimen, einer Branche entkommen zu sein, in der ich keine Wurzeln hätte schlagen können. In den Folgejahren sah ich Aufführungen von Shakespeares „Was ihr wollt“ und den „Sommernachtstraum“, angereichert durch eigene Zusätze der Schauspieler („Dir hat man wohl ins Hirn geschissen“) oder mit Technomusik, gern auch mal durchgehend nackt gespielt.

Nicht ganz nackt, sondern mit pinken Bikinis bekleidet und blonden Langhaarperücken geschmückt spielten in Oscar Wildes „Ein idealer Gatte“ ausschließlich Männer die Frauenfiguren. In den Uraufführungen des eigenen Hausautoren brachten Kinder aus deutschen Spießerfamilien sich stets gemeinschaftlich um, weil sie den Rassismus ihrer Eltern gegenüber den Mitschülern nicht ertragen konnten. Spießer arbeiteten in diesem Weltbild stets bei der Sparkasse oder der AOK.

Anna-Lena hatte mit diesen Aufführungen nichts zu tun. Sie studierte oder arbeitete schon an bedeutend größeren Schauspielhäusern, betrieb mal eifriger, mal nachlässiger einen eigenen Blog, auf dem sie sich zunächst mit eher esoterischen Themen beschäftigte. Noch Ende 2013 hielt sie Angela Merkel trotz der seinerzeit schon beschlossenen Energiewende und Euro-Haftungsunion für eine radikale Neo-Liberale. Sie nahm an Theaterfestivals mit nicht unter zwanzig staatlichen Sponsoren teil, organisierte teils selber derartige Veranstaltungen. Den Sprung an ein ganz besonders renommiertes Theater schaffte Lena mit Hilfe eines Intendanten, der im Herbst 2015 die Parole ausgab: „Kommt aller her und bleibt, solange ihr wollt.“ Die Zuschauerzahlen sanken unter diesem Intendanten spürbar.

Seither beschäftigen sich Anna-Lenas Blogeinträge häufig mit Themen wie Migration, Rassismus, Sexismus und Post-Kolonialismus. Immer wieder betont die gute Anna-Lena, radikal neue Perspektiven zu vertreten und dabei weit ab der eingetreten Pfade zuvor nie dagewesene Ideen zu entwickeln, die im Spät-Merkel gegen den Zeitgeist verstießen und daher in der veröffentlichten Debatte unterrepräsentiert seien wie: Weiße Männer sind Rassisten. Weiße Männer sind Kapitalisten und zerstören die Erde. Die westliche Zivilisation ist an allem Schuld. Vor allem weiße Männer sind an allem Schuld. Weiße Männer pflegen einen ideologischen Scheuklappenblick und weigern sich, neue Denkschablonen zu verwenden. Besonders emsig kreisen die Gedanken von Anna-Lena und ihren Freund*innen wieder und immer wieder um den verschwitzen Männerrücken eines weißen Kolonialisten in Afrika um die vorletzte Jahrhundertwende. Nichts verdeutliche männliche Unfähigkeit besser als
der verschwitzte Rücken eines unterseetelegraphenkabelverlegenden Eisenbahnen-, Straßen-und Brückenbauers. Oder eben den uneingestandenen Wunsch nach Unterwerfungssex mit einem hartgesottenen Naturburschen.

In ihren alltäglichen Sprachgebrauch hat Anna-Lena inzwischen das *-innen ganz selbstverständlich aufgenommen. Zumindest tat sie es in einem Interviewiew, in dem sie auf ihre Zusammenarbeit mit der polnischen Theaterszene sprach, die unter Subventionskürzungen seitens der nationalkonservativen Regierung Polens leide. Sich selbst bezeichne Anna-Lena als „daughter of the witches you couldn’t burn.“

Natürlich ist Anna-Lena ein Pseudonym. Ihren bürgerlichen Name wird eine breite Öffentlichkeit vermutlich niemals kennen lernen, Anna-Lenas Rolle im Subventionstheater spielt sich hinter den Kulissen ab. Dort, wo künftig nur noch die Anna-Lenas dieser Republik darüber entscheiden, wessen Stücke gespielt werden, wer spielen darf und wer inszeniert. Kraft ihres Geschlechts und ihrer Gesinnung steht der Laufbahn als Kultur- Apparatschik nichts entgegen. Lediglich ihre weiße Hautfarbe könnte Anna-Lena beim Kampf um das knapper werdendes Steueraufkommen zum Problem werden. Bis dahin wollen wir Anna-Lenas Aufstieg in einem weniger künstlerischen denn künstlichen Biotop nicht auch noch künstlich beschleunigen, indem wir Anna-Lenas bürgerlichen Namen ausgerechnet in der KRAUTZONE nennen und sie zur Symbolfigur des kommenden deutschen Subventionstheaters erheben. Denn Kaiserreich, das ist halt voll so 1933 und so.

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