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Wie wandere ich aus?

20. Januar 2022

Auf der anderen Seite ist das Gras immer grüner – wer kennt ihn nicht, diesen Spruch, der uns mit Verlockungen ruft, wenn wir wieder einmal nur noch den Kopf schütteln können über das, was im besten Deutschland, das es je gab, tagtäglich passiert. Man will einfach nur noch die Koffer packen und dem Irrsinn für immer entfliehen.

Weil das so ist und mehr und mehr Menschen ernsthaft erwähnen, auszuwandern, möchte ich als sogenannter Ex Pat, der vor zehn Jahren den Schritt unternahm, ein wenig aus dem Nähkästchen plaudern und mit Ihnen teilen, was es dabei zu beachten gilt.

Niemals zurückschauen

Bitte behalten Sie dabei stets im Hinterkopf, dass es sich hier um einen persönlichen Blick auf dieses Thema handelt. Menschen sind unterschiedlich, und was für mich gilt, mag für andere keine Bedeutung haben. Ich hoffe trotzdem, allen, die das Auswandern in Erwägung ziehen, mit meiner Erfahrung bei ihrer Entscheidung behilflich zu sein. Stürzen wir uns also in das Abenteuer:

Zehn Jahre ist es nun her, dass ich die Koffer packte, ein One-Way Flugticket in der Tasche, und mich auf diese Reise begab. Ich hatte meine Hausaufgaben gemacht, mir vorab eine Unterkunft und einen Job im neuen Land gesucht, das Gepäck sorgfältig ausgewählt, den Rest meines Hab und Guts verkauft. Ich fühlte mich relativ gut vorbereitet und freute mich wirklich auf den neuen Lebensabschnitt.

Viel ist passiert in der Zwischenzeit, und das meiste kam anders als erwartet. Ich hatte Irland als neue Heimat gewählt, denn ich sprach leidlich zufriedenstellend Englisch, die Insel liegt nicht am Ende der Welt, ich mag das Meer und wollte endlich wieder freundliche Menschen beim Einkaufen oder Spaziergang treffen…

Ziehe ich heute Bilanz, stelle ich fest, dass einige meiner Erwartungen erfüllt wurden. Jedoch lauerten auch mindestens genauso viele Überraschungen hinter verborgenen Ecken, die ich im Vorfeld nicht bedacht hatte, und genau diese Punkte möchte ich mit Ihnen teilen:

Erstens: Alltag

Seien Sie ehrlich. Wenn Sie vordergründig gelungene Geschichten von Auswanderern lesen, geraten Sie ins Träumen. Manch einer ließ sich nieder in sonnigen Gefilden, und vielleicht folgen Sie ihm auf seinem Instagram Kanal, lassen sich entführen in andere Welten, die einem Paradies ähneln.

Aber seien Sie gewarnt. Egal, wohin die Reise Sie verschlägt, ein Teufel folgt Ihnen auf Schritt und Tritt: der Alltag. Und er enttarnt sich schneller als erwartet. Kaum ist die erste Euphorie verflogen, das ersparte Startgeld aufgebraucht und die Routine im neuen Job eingekehrt, klopft er an die Tür. Kurze Zeit später kommt oft das erste böse Erwachen für manchen Neuankömmling.

Mich traf diese Erkenntnis relativ hart. Plötzlich sah ich mich mit mir selbst konfrontiert und fragte mich ernsthaft: Warum hast du dir das eigentlich alles aufgehalst? Strom und Internet beantragen, TÜV Termine organisieren, sich über einen absolut unerträglich schlechten öffentlichen Nahverkehr ärgern, Wohnung putzen, Miete zahlen, nervige Kollegen mit einem aufgesetzt freundlichen Lächeln begrüßen… die Liste ließe sich beliebig ergänzen, aber sie gleicht dem, was mich in meiner alten Heimat in den Wahnsinn getrieben hat, eins zu eins. 

Zweitens: Rückzug 

Ein weiterer Grund, warum ich nicht mehr in Deutschland leben wollte, war die dichte Besiedlung des Landes. Ich bin ein Eigenbrödler, und ich brauche meine Abgeschiedenheit (falls Sie diesbezüglich anders gestrickt sind und sich Ihr eigenes Leben nicht anders wünschen als in einem Hochhaus in einer Stadt, überspringen Sie diesen Abschnitt bitte). Rein statistisch schien Irland da eine gute Alternative. So verschlug es mich aus einer deutschen Großtstadt erst in ein irisches Dorf und schließlich komplett aufs Land.

Aber auch hier wurde ich bald eines Besseren belehrt. Das Leben auf dem Land ist alles andere als einsam. Im Gegenteil, aufgrund der besonderen Situation, hat man ein viel engeres Verhältnis zu den Nachbarn als in der Anonymität der Stadt. Es vergeht kein Tag, an dem nicht jemand an der Tür klopft. Mal benötigt jemand Starthilfe am Auto, mal muss beim Kuhtreiben geholfen werden, wenn die sturen Viecher einfach nicht auf das Feld wollen, auf das sie sollen.

Mal ist Stromausfall und man benötigt eine Kerze (aufgrund der minderwertigen Qualität des Netzes, ein grundsätzliches Problem, unabhängig von irgendwelchen Klimaschutzabkommen). Oder im Pub ist Quiz-Abend, und der Nachbar braucht dringend ein weiteres Mitglied in seiner Runde, weil sein Lebensglück gefährdet ist, wenn er an diesem Abend nicht gewinnt…

Auch diese Aufzählung ist nicht vollständig, und ja, die Frage ist gerechtfertigt, ob ein Umzug in die Oberpfalz mir nicht mehr Einsamkeit beschert hätte als der Kauf eines ach so abgelegenen alten Hauses hier.

Drittens: Sprache 

„English is the easiest language to be spoken badly“. Mit diesem Spruch begrüßte uns einst ein Engländer, der blöden deutschen Schülern seine Muttersprache beibringen sollte. Dieser arrogante Sack, dachte ich damals. Mittlerweile gebe ich ihm recht (auch wenn er wirklich arrogant war). Ich hatte die Sprachbarriere gewaltig unterschätzt.

Jeder, der einen Fachartikel in einer englischsprachigen Zeitschrift lesen kann, denkt heute von sich, er wäre ein zweiter Shakespeare. Glauben Sie mir, dem ist nicht so. Es macht einen großen Unterschied, ob man im beruflichen Alltag mit Muttersprachlern aus aller Herren Länder ein Gespräch auf fachlicher Ebene in Englisch führt oder in einem englischsprachigen Land jede noch so kleine Lebenssituation mit sprachlichen Vollprofis diskutieren muss (abgesehen davon, dass die Iren für ein so kleines Land über eine riesige Palette an Dialekten verfügen, von denen einer unverständlicher ist als der andere).

Und selbst wenn man im Laufe der Jahre sein Vokabular aufpoliert und endlich versteht, wenn der Mechaniker einem empfiehlt, den Keilriemen zu wechseln, die wahren Feinheiten werden einem für immer verborgen bleiben. Unterschätzen Sie diese Erkenntnis nicht. Die wenigsten Menschen geben zu, dass sie schlicht nicht in der Lage sind, sich mit einem Menschen mit anderer Muttersprache in der Tiefe auszutauschen, wie sie das mit einem eigenen Landsmann können.

Ein Vergleich sei gestattet: Betrachten wir all die zwischenmenschlichen Beziehungsdramen, die nicht selten von Beteiligten so begründet werden: „Er versteht einfach nicht, was ich meine“. Wir alle waren schon in einer solchen Situation. Sprechen dann zwei oder mehr Menschen noch dazu unterschiedliche Sprachen, führt das nicht zu einer Vereinfachung des Konflikts. Man muss schon sehr von sich überzeugt sein oder extrem ignorant, wenn einen das auf Dauer kalt lässt.

Ich habe mich nie ganz damit abgefunden und bin dankbar, dass ich meine Herzensangelegenheiten immer noch mit meinem deutschsprachigen Mann erörtern kann.

Fazit 

Dies sind nur einige Themen, über die man nachdenken sollte, bevor man sich entscheidet, auszuwandern. Es gäbe noch viele weitere: Freunde und Familie, die man zurücklässt, das Wetter (unterschätzen Sie auch diesen Punkt nicht), Essen, die politische und wirtschaftliche Lage eines Landes und vieles mehr. Die Gründe, warum man auswandern will, sind so vielfältig wie die Veränderungen, auf die man stößt, wenn man den Schritt schließlich macht. Ic
h kann und möchte hier keine Empfehlung für oder gegen das Auswandern, aber Denkanstöße geben. 

Die Frage, ob ich meine Zelte hier wieder abbrechen soll und die Heimreise antreten, stellte sich mehr als einmal, wenn auch immer seltener in den letzten Jahren. Ich habe sie stets verneint, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auch in Zukunft so bleiben wird. Denn eines habe ich gelernt in all den Jahren: Irland ist das schönste Land der Welt – für mich.

Fragen Sie mich nicht, warum. Ich kann es nicht beantworten, am Ende ist es ein Gefühl, ein sehr persönliches. Vielleicht liegt es daran, dass der Alltag hier eben doch nicht ganz der gleiche ist wie in Deutschland, dass es eben einen Unterschied macht, ob die Kassiererin einen anlächelt und sich entschuldigt für die Unannehmlichkeiten, wenn man fünf unterschiedliche Gutscheine einlösen möchte statt dass sie genervt mit den Augen rollt und mich insgeheim zum Teufel wünscht, weil sie nun fünf Minuten länger auf ihre Kaffepause warten muss…

Gastautor

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