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Die falschen Hände

12. Oktober 2020

Momentaufnahme der letzten Tage: In Berlin wurden 1.500 Polizisten bemüht, um die Räumung eines seit Jahren illegal besetzten Hauses nicht außer Rand und Band geraten zu lassen. Der amerikanische Präsident hat sich mit einem Virus infiziert, das die ganze Welt in den Ausnahmezustand versetzt und einen Großteil der Weltbevölkerung in die eigenen vier Wände sperrt, mit allen erdenklichen Konsequenzen wie Arbeitsplatzverlust, Zukunftsängsten, dauerhafter Frischluftmangel.

Nach drei Tagen und einem offensichtlich hilfreichen Medikamentencocktail nimmt der über siebzig Jährige wieder frisch wie ein Fisch im Wasser seine Regierungsverpflichtungen wahr. Ein russischer Regierungskritiker, der angeblich mit einem der tödlichsten Gifte der Welt aus dem Weg geräumt werden sollte, gibt fleißig Interviews, in denen er dem russischen Regierungschef die Schuld in die Schuhe schiebt, und die deutschen Wortführer stimmen ihm wohlgesonnen zu, ohne zu bedenken, dass ein solcher Anschlag, ausgeführt von einem der effizientesten Geheimdienste der Welt, garantiert nicht gescheitert wäre. Ein YouTuber, dessen Kanal gesperrt wurde, weil er gegen die Richtlinien dieses Internetgiganten verstoßen hat, schafft es, binnen weniger Stunden so viel Geld durch Spenden zu sammeln, dass er vor dem höchsten Gericht eine endgültige Entscheidung darüber erstreiten kann, ob man sich öffentlich dahingehend äußern darf, Menschen, die im Land lediglich geduldet werden und planen, einen Zug in die Luft zu sprengen, weil sie mit ihren Lebensumständen unzufrieden sind, besser wieder in ihre Heimat zurückzubegleiten.

Das Verteidigungsministerium vergibt Aufträge für neue Sturmgewehre, zieht sie wieder zurück, weil sich der bis dahin als Haus-und Hoflieferant gediente Hersteller benachteiligt sieht. Schuldirektoren rufen dazu auf, dass Mitschüler Maskenverweigerer anprangern, Durchschnittsalter: 8 Jahre. Der Friedensnobelpreis wird vergeben an eine Institution mit dem eigenartigen Namen Welternährungsprogramm (bei dem ich unweigerlich sprachliche Assoziationen herstelle zu Begriffen wie Schüleraustauschprogramm), deren Leitung in den Händen eines Mannes liegt, der zugleich Mitglied des Beratergremiums für Humanitäre Investitionsvorhaben des Weltwirtschaftsforums ist. Für die Heiligen Drei Könige gibt es dieses Jahr im Ulmer Münster keinen Platz. Melchior mit stark überzeichneten Lippen und Federkopfschmuck, ein solches Stereotyp könne man in der heutigen Zeit den Gläubigen nicht mehr zumuten.

Ich mache mich auf den Weg. In der besten aller Welten bleibt mir nichts anderes übrig. Essen muss ich irgendwie, wenn ich überleben will. Und der virtuelle Supermarkt der Firma, die einst damit begann, Menschen Bücher auf digitalem Weg zu verkaufen, ist in meiner Heimat noch nicht verfügbar. Kommt aber bestimmt noch. Dann darf ich mit dieser netten virtuellen Stimme sprechen, um meine Bestellung aufzugeben, während Algorithmen im Hintergrund mein Persönlichkeitsprofil erstellen, fleißig passende Daten sammeln und mich beim nächsten Einkauf mit Angeboten versorgen, denen ich vermutlich nicht widerstehen kann. Die Bücher, die ich gerne gelesen hätte, gibt es dann dort sowieso nicht mehr im Sortiment. Aber Alexa the Great, die Schauer des Tages und mein asiatisches Modem werden mich auch weiterhin mit allen wichtigen Neuigkeiten versorgen, in appetitlichen Häppchen und feinsäuberlich ausgewählt, um mein Seelenheil nicht zu gefährden. Mein Seelenheil, das ich um ein Haar in die falschen Hände gegeben hätte: die meines eigenen Verstandes.

Johanna Blum

„In der Provinz beginnt‘s“, dachte sich Johanna Blum und zog aus einer deutschen Großstadt nach Irland in ein altes Bauernhaus auf dem Land. Von dort versorgt sie die Krautzone mit Berichten von der Westfront Europas und frönt ihrer Leidenschaft für Bücher und dem Anhäufen gebrauchter Gegenstände, denn man kann ja nie wissen, ob nicht doch eines Tages alles gut wird und der Kaffee wieder handgefiltert werden muss.


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