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Vanillestrudel

10. Juli 2020

Ich fühle mich schlecht. Denn es geht mir gut, sogar verdammt gut. Ich bin einigermaßen gesund, habe den in meinen Augen besten Mann der Welt an meiner Seite, lebe im eigenen Haus, habe einen Job, der mir Spass macht und für meine Bedürfnisse ausreichend bezahlt ist. Ich sehe vollkommen normal aus, kann eins und eins zusammenzählen. Ich verbringe viel Zeit mit Hobbys, die ich mir leisten kann und die mich bereichern. Wenn morgens der Wecker klingelt und mich aus meinem bequemen Bett dirigiert, freue ich mich auf den Tag.

Schlecht fühle ich mich, weil nicht jeder andere Mensch sich so glücklich schätzen kann wie ich. Und weil ich mich dabei ertappe, es anderen vorzuwerfen, dass sie mir mein Glück nicht gönnen und ihr Streben nach ähnlichen Gütern auf meine Kosten erfüllen möchten. Oder weil sie versuchen, mir ihre Vorstellung von einem erfüllten Leben aufzuzwingen. Ja, ich fühle mich schlecht, weil es mir andere einreden.

Das bedarf einer genaueren Betrachtung. Es ist an der Zeit, einmal etwas klarzustellen: Außer der Tatsache, dass ich in einem sehr reichen westlichen Land das Licht der Welt erblickte, wurde mir nicht viel geschenkt im Leben. Ich wuchs in verworrenen Verhältnissen auf, die geprägt waren von der Krankheit meiner Mutter und dem verzweifelten Versuch meines Vaters, drei Kinder und die Krankheit der Mutter sowohl zeitlich als auch finanziell zu meistern. Beide Eltern starben viel zu früh, und ich wurde zu einem wüsten Wildfang, der anderen das Leben erschwerte. Kurz gesagt: Ich musste bald lernen, was es heisst, auf sich allein gestellt zu sein und die Reise ins Erwachsenenleben anzutreten mit nichts mehr als ein paar Lebensweisheiten meines Vaters und einem notorisch leeren Geldbeutel im Gepäck. Von einem behüteten Heim mit frisch gekochtem Mittagessen nach der Schule konnte ich nur träumen.

Irgendwann stand ich dann schließlich an einem Scheideweg: Sich in Illusionen und Tagträume flüchten, in Selbstmitleid zu versinken und dem Rest der Welt zurufen: „Rutsch mir doch den Buckel runter“? Oder das eigene Leben in die dazugehörigen Hände zu nehmen, mein gottverdammtes Schicksal selbst gestalten und dabei im stillen Kämmerlein den anderen zuzurufen: „Rutscht mir doch den Buckel runter“?

Ich entschied mich für die zweite Variante. Sie können mir glauben, das war, milde gesagt, nicht immer leicht. Während meine Altersgenossen sich in den Semesterferien Urlaube im Süden von den Eltern finanzieren ließen, sass ich im Supermarkt an der Kasse. In der raren Freizeit lernte ich das nach, was ich in der Schule verpasst hatte, weil mein wirrer Geist in meiner Jugend zu beschäftigt damit war, sich eine Mädchen-Traumwelt zu gestalten ohne Probleme im Elternhaus oder den Haushalt zu schmeißen, weil die Mutter es nicht mehr schaffte, anstatt sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. Und der kleine Bruder musste ja auch noch bespaßt werden.

Ich möchte hier nicht ins Detail gehen oder in Selbstmitleid zerfließen. Nach Details können Sie in Ihrem eigenen Leben suchen, ich bin mir sicher, Sie werden fündig. Und Selbstmitleid ist mir zutiefst zuwider.

Das Leid anderer Menschen lässt mich jedoch nicht unberührt. Ich habe Mitleid mit anderen, die verzweifelt versuchen, Miseren in ihrem Leben zu meistern, die ihnen ohne eigenes Zutun widerfahren sind. Ich weiss, wie schwer das sein kann, und ich weiss, dass diese Anstrengung manchmal die eigenen Kräfte übersteigt. Da hört man gerne zu, nimmt sich Zeit, spendiert ein Glas Wein und redet die ganze Nacht. Da teile ich gerne, wenn ich kann.

Deswegen fühle ich mich manchmal schlecht, wenn ich mein Glück betrachte.

Warum fühle ich mich aber auch schlecht, wenn ich mit „Schicksalen“ konfrontiert werde, die die eigene Situation ausnutzen, um den Weg des kleineren Übels zu wählen oder sich auf Kosten anderer und derer Gutmütigkeit bereichern? Diese Art der Vorteilsbeschaffung grenzt ans Verbrecherische, und es spielt dabei absolut keine Rolle, wer diese Person ist. Da wendet man sich ab und nimmt die andere Wegzweigung. Da macht man dicht und redet nicht. Die feine Trennlinie zwischen Eigenverantwortung und Fremdzuschreibung gibt den Ausschlag.

So bleibt mein Leben das, was es eigentlich schon immer war: Eine glückliche und manchmal zugleich betrübte Existenz. Aber miesmachen lassen will ich mir meine Errungenschaften eigentlich nicht von dahergelaufenen Versagern. Oder, wie es Karl Obermayr einmal so schön zum ewigen Stenz gesagt hat: „Du ziehst mich nicht mit rein in Deinen selbstzerstörerischen Strudel, Du nicht“.

Auf ins nächste Level im Spiel des Lebens: Erhöhe Deine Fähigkeit, guten Vanillestrudel von schlechtem zu unterscheiden und dem schlechten aus dem Weg zu gehen. Klingt leichter gesagt als getan. Aber so ist es nun mal, wenn man die Verantwortung übernimmt.

Johanna Blum

„In der Provinz beginnt‘s“, dachte sich Johanna Blum und zog aus einer deutschen Großstadt nach Irland in ein altes Bauernhaus auf dem Land. Von dort versorgt sie die Krautzone mit Berichten von der Westfront Europas und frönt ihrer Leidenschaft für Bücher und dem Anhäufen gebrauchter Gegenstände, denn man kann ja nie wissen, ob nicht doch eines Tages alles gut wird und der Kaffee wieder handgefiltert werden muss.


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