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Filmrezension: “Pandemie” von Kim Sung-su

5 Min lesen

Von Arbogast Cann

Als ein Container mit illegalen Einwanderern in Südkorea eintrifft, sterben alle seine Insassen bis auf einen an einer rätselhaften Krankheit. Schnell verbreitet sich die Seuche im Ort Bundang bei Seoul, immer mehr Menschen sterben an dem Virus, das sich als aggressive, mutierte Form des Vogelgrippe-Virus rausstellt.

Die südkoreanische Regierung kann die Situation irgendwann nicht mehr herunterspielen, worauf sie beginnt, Panik zu verbreiten, und versucht, Bundang abzuriegeln, um ein Übergreifen der Epidemie auf andere Gebiete zu verhindern und den deutschen Titel von Kim Sung-sus Katastrophenthriller Lügen zu strafen (der Originaltitel „Gamgi“ bedeutet einfach „Grippe“). Dabei schreckt die Regierung auch vor Brachialmethoden nicht zurück. Der „Lockdown“ nimmt hier apokalyptische Ausmaße an, angesichts derer man sich als Muttis Untertan wie auf Bewährung freigelassen fühlt.

Aber zum Glück gibt es Helden: Die Virologin Kim In-Hae (Su Ae) und der Rettungshelfer Kang Ji-Koo (Jang Hyuk) versuchen, begleitet von In-Haes kleiner Tochter Mi-reu (beeindruckend: Park Min-ha), der Krankheit auf den Grund zu gehen und einen Impfstoff zu finden. Als die Regierung auf Demonstranten schießen lässt, stehen sie an vorderster Front. Als aber Leo Snyder (Boris Stout), der US-Botschafter oder militärische Befehlshaber oder WHO-Vertreter (der Rezensent hat Snyders Amt und Funktion ehrlich gesagt nicht ganz verstanden, jedenfalls ein fieser Ami, der in Südkorea etwas zu sagen hat), einen Luftschlag gegen die renitenten Infizierten starten will, macht der südkoreanische Präsident (Cha In-pyo) nicht mehr mit, denn im Grunde ist er einer von den Guten und muss nur auf dem von ihm regierten verlängerten Flugzeugträger des US-Imperiums jede Verantwortung ablehnen…

Sieben Jahre nach seinem Entstehen kommt ein südkoreanischer Virenthriller auch in Deutschland in die Kinos – aus aktuellem Anlass. Und seien wir ehrlich: Es ist dieser aktuelle Anlass, also der „prophetische“ Charakter des Films, und nicht die wenig originelle und unglaubwürdige Story, die uns fasziniert ins Kino treibt. Dennoch ist festzuhalten, dass „Pandemie“ ein gut gemachter und streckenweise recht spannender Thriller ist, mit Herz und wohldosierten Gags zur Auflockerung. Wie bei allen asiatischen Realfilmen ist die deutsche Synchro ein einziger Running Gag, was aber nicht den Synchronisateuren vorzuwerfen ist. Übersetzt man ein Drehbuch adäquat in eine sehr fremde Sprache, passt die Synchro nicht. Zwingt man die Texte in die Synchro, klingen die Dialoge teilweise nach Ernie und Grobi in der „Sesamstraße“.

Ist „Pandemie“ unsere Zukunft? Wenn es oben hieß, die Story sei „unglaubwürdig“, so bezog sich das auf die menschlichen Schicksale und Verhaltensweisen und wohl auch auf die Strukturen an der südkoreanischen Regierungsspitze mit den Interventionen des sinistren Amis, aber nicht auf die Grundkonstellation der brutalen Antwort staatlicher Akteure auf einen Virenausbruch. Noch werden in der realen Welt (soweit wir wissen) keine Infizierten verbrannt, noch wird auf Demonstranten nicht geschossen. Aber noch brechen ja auch keine bluthustenden Menschenmassen auf den Straßen zusammen. Darf man die derzeitige Lage weiterdenken? Will man das überhaupt?

„Pandemie“ ist kein politischer Film, sondern ein Katastrophenthriller, und in ihm freiheitliche Tendenzen zu sehen, wäre ein Hinweis darauf, wie bescheiden man schon in seinen Erwartungen geworden ist. Tatsächlich verlässt der sieben Jahre alte Film einfach den „antitotalitären Grundkonsens“ nicht, der bis Anfang dieses Jahres auch bei real existierenden Regierungen noch für gewisse Hemmungen sorgte, und gibt sich keinen Illusionen über die politische Welt hin, auch wenn der große Bösewicht am Ende nicht die Politik an sich, sondern „nur“ der Weltpolizist USA ist.
Wer sich freut, dass er wieder ins Kino gehen kann, um mal abzuschalten und das Elend da draußen für zwei Stunden zu vergessen, was ja völlig legitim ist, wird „Pandemie“ natürlich meiden. Wer jedoch nichts gegen einen durchaus unterhaltsamen vorweggenommenen Kommentar zum Weltgeschehen hat, darf dem Film gerne eine Chance geben.

Pandemie (Gamgi), Südkorea 2013; 121 min.; Regie: Kim Sung-su; Hauptdarsteller: Su Ae, Jang Hyuk, Park Min-Ha, Yoo Hae-jin; FSK: 16; Kinostart Deutschland: 06. August 2020.

3 Comments

  1. Dieser Film und Artikel wären ein guter Anlass gewesen, das Verhältnis von Realität (realer Welt/Corona) und Phantasie (phantastischer Welt/Pandemie) zu beleuchten.

    Hier herrscht ja das sehr ärgerliche Missverständnis, dass sich beide Welten antipodisch gegenüberstehen, ja, dass Phantasik einfach nur die Ersatzwelt sei, die mit der Realität nichts zu tun habe, sich von dieser wegbewege.

    Dabei können Realität und Phantastik nicht ohneinander gedacht werden, sie sind gänzlich abhängig voneinander und die gängiste Beschreibung dieses reziproken Verhältnisses ist: die Phantasik ist die Kompensation der Realität, und das Morgen für alle, die sich im Heute nicht zurechtfinden.

  2. Dieser Film und Artikel wären ein guter Anlass gewesen, das Verhältnis von Realität (realer Welt/Corona) und Phantasie (phantastischer Welt/Pandemie) zu beleuchten.

    Hier herrscht ja das sehr ärgerliche Missverständnis, dass sich beide Welten antipodisch gegenüberstehen, ja, dass Phantasik einfach nur die Ersatzwelt sei, die mit der Realität nichts zu tun habe, sich von dieser wegbewege.

    Dabei können Realität und Phantastik nicht ohneinander gedacht werden, sie sind gänzlich abhängig voneinander und die gängiste Beschreibung dieses reziproken Verhältnisses ist: die Phantasik ist die Kompensation der Realität, und das Morgen für alle, die sich im Heute nicht zurechtfinden.

  3. Dieser Film und Artikel wären ein guter Anlass gewesen, das Verhältnis von Realität (realer Welt/Corona) und Phantasie (phantastischer Welt/Pandemie) zu beleuchten.

    Hier herrscht ja das sehr ärgerliche Missverständnis, dass sich beide Welten antipodisch gegenüberstehen, ja, dass Phantasik einfach nur die Ersatzwelt sei, die mit der Realität nichts zu tun habe, sich von dieser wegbewege.

    Dabei können Realität und Phantastik nicht ohneinander gedacht werden, sie sind gänzlich abhängig voneinander und die gängiste Beschreibung dieses reziproken Verhältnisses ist: die Phantasik ist die Kompensation der Realität, und das Morgen für alle, die sich im Heute nicht zurechtfinden.

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