Stellungnahme eines Boomers

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1980 war ich neun Jahre alt. Ich bin somit kein vollwertiger Boomer. Trotzdem erwische ich mich dabei, mich wie ein Abkömmling dieser Spezies zu benehmen. Ich sehne mich, nun fast fünfzigjährig, nach Riesenbreze und dunklem Weißbier unter Kastanienbäumen im Biergarten, höre immer noch gerne Nena, finde, Eddy Merckx war der größte Rennradfahrer aller Zeiten, und ein Abend ohne Derrick ist ein verlorener Abend.

Ach ja, ich grille auch für mein Leben gerne, und wenn mir jemand einen Rasenmäher zum Draufsetzen schenken würde, nähme ich ihn mit Handkuss. Einerseits. Andererseits versuche ich, mit der Technik und dem damit verbundenen Fortschritt mitzuhalten. Was ein Backup in der Cloud ist, wie man ein Smartphone auf Werkeinstellungen zurücksetzt, eine Festplatte partitioniert, all das hat mir YouTube beigebracht.

Nun stehe ich hier und versuche, mich zu verorten. Ich stoße auf die Kritik der KRAUTZONE an jenen Boomern, denen ich nicht mehr wirklich zuzuordnen bin, und deren Kritik graphisch untermalt wird durch einen Look, der angelehnt ist an die Achtziger Jahre, des großen Jahrzehnts der Videospielkonsolen, Night Rider und Miami Vice.

Das Jahrzehnt, in dem ich jung war, das erste Mal verliebt, meine Nächte am Wochenende in Pullovern mit Flügelärmeln und auftoupierten Haaren in Dorfdiscos verbrachte, tanzend zur Musik von Billy Idol, Duran Duran, Eurythmics und wie sie alle hießen. Ich frage mich, was ich mit dieser Kritik anfangen soll.

Richtig schlau werde ich daraus nicht. Ich bin nicht neurechts, und altrechts bin ich auch nicht. Ich bin konservativ, habe mir meine eigene Definition dieses Begriffs gegeben. Sie liest sich folgendermaßen (auch ein Boomer-Wort?): Ich finde es wichtig, dass Menschen sich bilden. Das bedeutet für mich, sich ein breites und tiefes Wissen anzueignen. Dieses Wissen sollte möglichst neutral vermittelt werden, damit man sich anschließend eine eigene Meinung formen kann, es geht also um Faktenwissen.

Ich vermute, da stimmen mir die Autoren der KRAUTZONE zu. Auch der Tatsache, dass irgendwie jede Generation ihr eigenes Vokabular hat und es zu einer Art Binnensprache ausformuliert, finden wahrscheinlich beide Seiten knorke. So ergeben sich am Ende doch Gemeinsamkeiten, vielleicht nicht unbedingt in der Art, wie sie vermittelt werden als eher inhaltlicher Natur.

Daher meine Bitte: Liebe KRAUTZONE, habt Nachsicht mit uns Zwitterwesen. Wir tun unser Bestes, euch zu unterstützen, denn eure Arbeit ist uns wirklich wichtig. Wenn wir dabei manchmal in unsere alten Gewohnheiten verfallen, zeigt euch nachsichtig. Wir können halt auch nicht aus unserer Haut.

2 Comments

  1. "Ich bin konservativ, habe mir meine eigene Definition dieses Begriffs gegeben. Sie liest sich folgendermaßen (auch ein Boomer-Wort?): Ich finde es wichtig, dass Menschen sich bilden. Das bedeutet für mich, sich ein breites und tiefes Wissen anzueignen." Die Autorin widerspricht sich hier selbst. Hätte sie sich ihrem eigenen Anspruch (Bildung!) unterworfen, dann wüsste sie, dass man den Begriff einer politischen Gesinnung nicht fröhlich frei selbst definieren sollte. Ich empfehle "Was ist Bildung?" (RECLAM); insbesondere die Festrede von Peter Bieri "Wie wäre es, gebildet zu sein?" von 2005.

    • Ich stimme Peter weitestgehend zu. Jemand, der das Bildungsideal hoch hält, sollte diesen Anspruch auch erfüllen. Da fehlt der Autorin noch etwas Substanz. Außerdem ist der Konservatismus nicht unbedingt die richtige politische Strömung, wenn man ihn "für sich selbst definiert". Konservatismus zeichnet sich durch eine Rücknahme des Individuums aus. Das Kollektiv hat Vorrang.

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