Wie stets zu Ostern lieรen die bundesdeutschen Gazetten auch in diesem Jahr ihre Leser nicht im Stich: โJetzt ist die Zeit, zu hoffen!“ Angesichts der Auferstehung Christi ermunterte Annette Kurschus, die Ratsvorsitzende der EKD, Glรคubige und Unglรคubige zu Optimismus und Zuversicht โ trotz allem. In einem ganzseitigen Interview fรผr die rund sechzig Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland (RND) zeichnete die Reprรคsentantin der auf knapp 20 Millionen Mitglieder geschrumpften Evangelischen Kirche ein dรผsteres Bild. In vielen Bereichen des tรคglichen Lebens nahm die Theologin eine โEndzeitstimmung“ wahr: Es gehe zu Ende mit der Art, wie wir gewohnt sind zu leben; es gehe zu Ende mit den natรผrlichen Lebensgrundlagen; es gehe zu Ende mit unserem Wohlstand; es gehe zu Ende mit der Sicherheit, wir kรถnnten in Europa in Frieden leben. Bei immer mehr Menschen sinke der Toleranzspiegel und das Vertrauen in Demokratie und demokratische Institutionen.
Die Kirchenobere hat recht. Die krisenhaften Zeichen mehren sich von Jahr zu Jahr. Doch nur wenige Bundesbรผrger dรผrften wie Annette Kurschus Trost im Glauben finden: โOstern lรครt mich hoffen โ auch in aussichtslosester Lage kann sich das Blatt noch einmal wenden“ (Mรคrkische Allgemeine Zeitung, 6./7. April 2023). Im vereinten Deutschland hat sich aus der einstigen โnivellierten Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky) lรคngst wieder eine Klassengesellschaft mit einer stets grรถรer werdenden Unterschicht entwickelt; in den Abstiegsstrudel drohen auch immer mehr Angehรถrige des arrivierten Mittelstands und der Akademikerschicht zu geraten. Diese รถkonomischen und sozialen Verwerfungen, potenziert durch jahrzehntelange und bis heute regellose Zuwanderung in die Wohlfahrtssysteme und durch dramatische demographische Verรคnderungen, haben die รถffentlichen Haushalte Ende 2022 mit einer Rekordverschuldung von bald 2,5 Billionen Euro an den Rand des Staatsbankrotts gefรผhrt. Pro Kopf ist jeder Bรผrger jetzt mit 28.155 Euro verschuldet, dem hรถchsten Betrag seit Bestehen der Bundesrepublik.
Wรคhrend die Westdeutschen die parlamentarische Demokratie in den fรผnfziger und sechziger Jahren parallel zum โWirtschaftswunder“ erlebten und sie somit als eine Staatsform erfuhren, die ihre Lebenssituation stetig verbesserte, erging es den Mitteldeutschen Jahrzehnte spรคter genau umgekehrt. Fรผr sie war der Einzug der Demokratie begleitet von wachsender Arbeitslosigkeit und sozialer Degradierung. So wie im Westen die Enttรคuschung darรผber, daร die โfreie und soziale Marktwirtschaft“ schon lange nicht mehr hรคlt, was sie versprochen hat, dem politischen System angelastet wird, so ist es auch im Osten: Der Block der Nichtwรคhler wird stรคndig grรถรer, die Volksparteien schrumpfen auf Werte zwischen 20 und hรถchstens 30 Prozent, Protestparteien erhalten Zulauf. Damit aber stellt sich nicht nur fรผr die Wirtschafts- und Sozialordnung, sondern auch fรผr die Politik die Systemfrage, denn eine bis dahin fรผr unumstรถรlich gehaltene Wahrheit hat sich als Lebenslรผge entlarvt: daร Demokratie Voraussetzung und Garant fรผr รถkonomischen und wissenschaftlichen Fortschritt ist.
Von Aristoteles รผber Giambattista Vico bis Alexis de Tocqueville ist immer wieder auf die entscheidende Schwachstelle eines Denkens hingewiesen worden, das in allen staatlichen und gesellschaftlichen Bereichen das Mehrheitsprinzip zur Geltung bringen will. Der Kern der Kritik an der Herrschaft der grรถรten Zahl bleibt dabei stets derselbe:
โWas den groรen Geistern die Gesellschaft verleidet, ist die Gleichheit der Rechte bei der Ungleichheit der Fรคhigkeiten.“
Schopenhauer
Wo das Mittelmaร regiert, kann sich das Groรe nur schwer, wenn รผberhaupt, durchsetzen; wo das Groรe sich zu erheben wagt, wird es zurechtgestutzt.
In Zeiten innerer und รคuรerer Ruhe mag ein Land relativ gut mit den Prinzipien der Demokratie fahren, gleichwohl sollte es zu denken geben, daร Deutschland โ BRD und DDR zusammengenommen โ nach 1945, also in fast acht Jahrzehnten, lediglich zwei Staatsmรคnner hervorgebracht hat: Konrad Adenauer und Helmut Schmidt. Allenfalls staatsmรคnnische Momente mag man Willy Brandt (Berlin-Krise 1961, Ostpolitik) und Helmut Kohl (Wiedervereinigung) attestieren. In der Berliner Republik ist indes noch niemand aufgetreten, der das Format eines jener Politiker hรคtte.
Ist die in Westdeutschland gewachsene Parteiendemokratie mit ihrem Klรผngel- und Proporzwesen auรerstande, politische Talente heranzuziehen? Offensichtlich. In Parlamenten, die in keiner Weise die Lebenswirklichkeit des Volkes widerspiegeln, sitzen mehrheitlich Beamte und Funktionรคre. Und unter den jungen Leuten ist es Praxis, sofort nach dem Studium, ohne je einen Beruf ausgeรผbt zu haben, รผber Listenplรคtze ins politische โGeschรคft“ einzusteigen; sie leben, um ein Wort Max Webers zu zitieren, statt fรผr die Politik von der Politik. Kein Wunder, daร angesichts einer derartigen classe politique das Land weit unter den Erfordernissen des Tages regiert wird.

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Zu den subjektiven Schwรคchen kommen die objektiven Mรคngel des Systems: So steht der Regierung nicht das Parlament als Kontrolleur gegenรผber, sondern die jeweilige Mehrheit stellt die Regierung, so daร die Gewaltenteilung zwischen Legislative und Exekutive aufgehoben ist. Auch das Verhรคltniswahlrecht, das klare Mehrheiten verhindert, sowie das Fehlen plebiszitรคrer Elemente auf Bundesebene haben ebenso wie der wuchernde Parteienstaat der Demokratie in Deutschland schweren Schaden zugefรผgt. Hinzu kommt ein exzessiver Fรถderalismus, der das Bildungssystem ruiniert hat und statt einer Bestenauslese nahezu jedem zweiten ein Hochschulstudium ermรถglicht.
Seit langem schon steht sich in fast allen demokratisch regierten Lรคndern des Westens die Bevรถlkerung in zwei Blรถcken gegenรผber, die man, wie vereinfachend auch immer, als โlinkes“ und als โrechtes“ Lager in jeweils allen Schattierungen von gemรครigt bis radikal bezeichnen kann. Zwischen diesen Lagern wird โ mal leiser, mal lauter โ ein Bรผrgerkrieg ausgefochten, der sich in ruhigen Zeiten auf geistiger Ebene abspielt. Doch das Klima wird desto erhitzter, je krisenhafter sich das Geschehen in Wirtschaft und Politik zuspitzt. Versagen die Krรคfte der demokratischen Mitte bei der Bewรคltigung der Probleme, dann suchen sich die Probleme Ihre eigene Lรถsung, denn im Schoร jeder Demokratie schlummern zwei Alternativen, die sich in ihrer Radikalitรคt in nichts nachstehen.
Die eine Alternative deutete Adolf Hitler an, als er am 27. Januar 1932 in einer Rede vor dem Dรผsseldorfer Industrieklub erklรคrte:
โDas Privateigentum ist nur dann moralisch und ethisch zu rechtfertigen, wenn ich annehme, daร die Leistungen der Menschen verschieden sind. Dies zugegeben, ist es jedoch Wahnsinn zu sagen: Auf wirtschaftlichem Gebiet sind unbedingt Wertunterschiede vorhanden, auf politischem Gebiet aber nicht! Es ist ein Widersinn, wirtschaftlich das Leben auf dem Gedanken der Leistung, des Persรถnlichkeitswertes, damit praktisch auf der Autoritรคt der Persรถnlichkeit aufzubauen, politisch aber diese Autoritรคt der Persรถnlichkeit zu leugnen und das Gesetz der grรถรeren Zahl, die Demokratie, an dessen Stelle zu schieben. Der politischen Demokratie analog ist auf wirtschaftlichem Gebiet aber der Kommunismus.“
Die faschistische Lรถsung ist somit die รbertragung des in Wirtschaft und Gesellschaft herrschenden Prinzips der Autoritรคt der Persรถnlichkeit auch auf die politische Ebene, mithin der Fรผhrerstaat. Wรคhrend das Privateigentum, staatlich reguliert und kommandiert, in diesem Modell weiterexistiert, soll die Bevรถlkerung durch den Appell an das Nationale jegliches Klassenbewuรtsein und allen Standesdรผnkel รผberwinden, um in einer homogenen โVolksgemeinschaft“ aufzugehen. Diesem Konzept eines โnationalen Sozialismus“ steht die andere kollektivistische Alternative gegenรผber. Sie beruht auf der รbertragung des demokratischen Prinzips der Regierungsform auch auf die Wirtschaft und alle anderen Bereiche, bis im Namen der Gleichheit die privaten Einzelinteressen in einer an einem fiktiven Gemeinwohl orientierten โklassenlosen Gesellschaft“ aufgehen.
Daร sich Deutschland im Gegensatz zu vielen EU-Staaten (so die skandinavischen Lรคnder sowie Italien, Holland, Ungarn und Frankreich) auf dem zweiten Weg befindet, resultiert aus der โVorarbeit“ der 68er. Durch Politisierung und Vergesellschaftung alles Privaten haben sie nicht nur Werte wie Autoritรคt, Disziplin, Fleiร, Pflicht etc. in Frage gestellt, sondern den Weg bereitet fรผr die heutige Atomisierung der Bevรถlkerung durch Bevormundung in sprachlicher, biologischer und klimapolitischer Hinsicht. Aus dem deutschen Staatsvolk, pro forma nach wie vor der Souverรคn des Landes, ist lรคngst eine amorphe Masse unpolitischer Individuen geworden.

