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Nein, die Science ist nicht deins

25. April 2023
in 4 min lesen

Es ist noch nicht lange her, seit die Funk-Quotenwissenschaftlerin Mai Thi Nguyen-Kim ihren Zusehern den durch den GEZ-Zwangsbeitrag finanzierten Song โ€žScience ist meinsโ€œ um die Ohren schmetterte. โ€žWissenschaft ist das, was uns die Richtung weist โ€“ anscheinend nicht so deins, aber Science ist meinsโ€œ, heiรŸt es dort.

Nicht nur dรผrfte die Inszenierung in jedem mรผndigen Bรผrger unsรคgliche Fremdscham ausgelรถst haben, der ein oder andere ist รผber ihre Vereinnahmung der Wissenschaft bestimmt auch gehรถrig wรผtend geworden. Die Verantwortlichen fรผr dieses Werk hat das mit Sicherheit nicht geschert: Emotionen gegen โ€ždie Wissenschaftโ€œ wirken vom Plateau der โ€žScienceโ€œ nun mal wie Schwurbelei. Auch deshalb wirken die als Wissenschaftler in Szene gesetzten Leschs, Scobels, Bosettis und Mais dieses Landes so arrogant, schlieรŸlich wollen sie dem dummen Volk die Wissenschaft der allwissenden Obrigkeit in strahlend weiรŸen Laborkitteln auf dem Plastiktablett servieren, wรคhrend sie auf den รถffentlich-rechtlichen Kanรคlen so lustig durchs Bild hรผpfen.

Schon klar, โ€ždie Wissenschaftโ€œ ist in vielen Bereichen natรผrlich maรŸgebend fรผr technischen Fortschritt und unser Verstรคndnis der Welt. Laut dem Philosophen Karl Popper, dessen Ansicht man natรผrlich erst einmal widerlegen mรผsste, ist Wissenschaft immer falsifizierbar und deshalb gar nicht so eindeutig, wie sie uns prรคsentiert wird. โ€žDie Wissenschaftโ€œ gibt es nรคmlich gar nicht โ€“ man stellt Vermutungen in irgendwelchen Fachbereichen auf, die als Konsens gelten, bis man eben bessere Vermutungen aufstellt und die alten รผber den Haufen wirft.

Wenn man in den letzten Jahren ein wenig die Ohren gespitzt hat, lรคsst sich das ganz leicht beweisen. Diejenigen, die sich noch an den โ€žR-Wertโ€œ, an โ€žflatten the curveโ€œ oder an die wissenschaftlich geprรผften Ausgangssperren nach 22 Uhr erinnern kรถnnen, werden wahrscheinlich nostalgisch. โ€žUnd nein, ein Buch auf einer Bank lesen ist nicht erlaubt!โ€œ

Ja, angebliche โ€žScienceโ€œ kann sich eben auch irren. Klammheimlich springt man im Diskurs also lieber zum Klima, zur Atomkraft, zur Cannabislegalisierung oder zu anderen Themen (nicht Nord Stream 2!). Eine wichtige Angelegenheit lรถst die andere in ihrer Brisanz ab, und โ€ždie Wissenschaftโ€œ sucht sich ein neues Opfer. Alte Behauptungen sind nicht mehr wichtig, denn da gibt es etwas Neues, das ebenfalls fรผrs Weltbild passend gemacht werden soll; der Paradigmenwechsel ist vollzogen.

โ€žWissenschaftโ€œ ist nun mal selektiv, sie sucht sich ihre Probleme und Lรถsungen selbst aus und orientiert sich dabei am Alarmismus der Lautesten. Vom alles zerstรถrenden Ozonloch รผber die Geflรผgelgrippe, die Schweinepest und den Meeresspiegel, der schon bald bis in die Alpen steigt, wurde das in den letzten Jahrzehnten schon eindrucksvoll bewiesen. Nun gut, im Nachhinein ist die Welt noch nicht untergegangen, aber zu diesem Zeitpunkt wusste man es eben nicht besser. Wenigstens war man kein wissenschaftsleugnender โ€žSchwurblerโ€œ und konnte sich in der Selbstgefรคlligkeit des minimalen sozialen Aktivismus sonnen.

Dabei kann โ€žScienceโ€œ sogar ganz einfach die Rollen tauschen โ€“ recht eindrucksvoll hat das ein YouTuber gezeigt, als er zwei Beitrรคge von โ€žSpiegel TVโ€œ verglichen hat. In einem Beitrag von 2021 wurden dort in einer Manier, die einem Erich Honecker die Schamesrรถte ins Gesicht gezaubert hรคtte, die Querdenker-Impfgegner durch den Schmutz gezogen. Natรผrlich immer mit dem Kommentar eines โ€žWissenschaftlersโ€œ, der die Ungefรคhrlichkeit der Impfung auรŸer Frage stellte. Im Beitrag von 2023 wurden dann ebenfalls mit hรถchst wissenschaftlicher Zustimmung die vielen Impfschรคden thematisiert, welche wohl absichtlich verschwiegen wurden. Video und YouTube-Kanal wurden nach einiger Zeit รผbrigens gesperrt und sind von der Plattform verschwunden โ€“ warum auch immer.


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โ€žDer Wissenschaftlerโ€œ ist eben, wie seine Plattformen und deren Betreuer, parteiisch. Besonders in irgendwelchen Funk-Formaten kann man davon ausgehen, dass er in allererster Linie ein Journalist oder ein Aktivist ist. Bei gesellschaftspolitischen oder philosophischen Themen ist das deshalb so gefรคhrlich, weil es sich dabei eben nicht um empirische Wissenschaften handelt, sondern um das Zusammenleben, das von weltanschaulichen Mustern bestimmt wird. Selbstverstรคndlich lassen sich dort nicht im gleichen AusmaรŸ โ€žWahrheitenโ€œ finden, im Gegenteil: Man will seine Weltanschauung realisieren, sei sie auch noch so weltfremd. Dafรผr muss man gar nicht jede Diskussion zu Ende fรผhren und auf die besseren Argumente hoffen โ€“ es reicht, dem Pรถbel emotional das Gefรผhl zu geben, man wรคre auf der Seite der Guten und der Wissenschaft.

Wen kรผmmert es, ob tatsรคchlich noch Krieg in Syrien herrscht? Da haben Kinder in den dafรผr eingerichteten Lagern und an den nicht vorhandenen Grenzen geweint. Trump? Ein bรถsartiger Idiot! Atomstrom? Kernexplosion. Gendern? Du hasst wohl Frauen! Tja, die โ€žScienceโ€œ und ihre journalistischen Vermittler. 2014 war das Unwort des Jahres โ€žLรผgenpresseโ€œ, der Journalist des Jahres 2014 hรถrte auf den Namen Claas Relotius.

Wie aber soll man auf diese politische Aneignung von Wissenschaft reagieren? Als Erstes sollte man auf die Worte des lauteren Wirtschaftsjournalisten Peter Lustig hรถren: โ€žIhr wisst schon Bescheid: Abschalten!โ€œ Als Nรคchstes muss man dieses Spiel aber mitspielen, denn sonst verliert man es. Wer einfach nur mit seinem Sohn im Garten Fleisch grillen will, macht das ansonsten bald mit seiner Tochter und Insektenhack.

Na gut, diese Aussicht ist vielleicht ein wenig von Emotionen geprรคgt. Aber vom Klima-Weltuntergang รผber das Sterben im Mittelmeer hin zum ungeimpften Oma-Mรถrder โ€“ die weiรŸen Ritter auf dem hohen Ross kรคmpfen lรคngst mit Emotionen, um sich โ€ždie Wissenschaftโ€œ anzueignen. Warum sollten wir es unterlassen? Als Schwurbler genieรŸt man wenigstens Narrenfreiheit. Mag der Kampf gegen die โ€žWissenschaftโ€œ der groรŸen Medienhรคuser auch auf den ersten Blick unfair sein โ€“ es geht um nicht weniger als um unsere Zukunft. Wer sich in diesem Kampf scheut, Emotionen auszulรถsen, hat ihn bereits verloren. Holen wir uns also die โ€žScienceโ€œ von Mai Thi Nguyen-Kim und Konsorten zurรผck!

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