Geschichte wiederholt sich nicht, heiรt es, doch es gibt Interpretationen von Epochen, die verblรผffende Parallelen zum jeweiligen Hier und Heute aufweisen. So warnte vor mehr als 200 Jahren Johann Gottlieb Fichte, seinerzeit neben Kant und Hegel einer der berรผhmtesten Philosophen, die Deutschen vor einer Politik, die ein Charakteristikum auch unserer Gegenwart sein kรถnnte.
Angesichts der Eroberungen Napoleons versuchte Fichte seine Landsleute aus ihren Trรคumereien wachzurรผtteln. Im Winter 1806/07 plรคdiert er quasi in Ergรคnzung seiner berรผhmten โReden an die Deutsche Nation“ in der Kampfschrift โMachiavelli“ fรผr eine harte, rรผcksichtslose Realpolitik. Die damalige Stimmungslage geiรelt er als โflach, krรคnklich, armselig, darbietend als ihr hรถchstes Gut eine gewisse Humanitรคt, Liberalitรคt und Popularitรคt, flehend, daร man nur gut sein mรถge, und dann auch alles gut sein lassend, รผberall empfehlend die goldene Mittelstraรe, d.h. die Verschmelzung aller Gegensรคtze zu einem stumpfen Chaos, Feind jedes Ernstes, jeder Konsequenz, jedes Enthusiasmus, jedes groรen Gedankens und Entschlusses und รผberhaupt jedweder Erscheinung, welche รผber die lange und breite Oberflรคche um ein weniges herausragt, ganz besonders aber verliebt ist in den ewigen Friedenโ.
Mit einer solchen Einstellung groรe Politik abwehren oder bekรคmpfen zu wollen, war in Fichtes Augen nichts als armseliger Kรถhlerglaube, der zwangslรคufig in den Untergang fรผhrt. Um 1800 setzte sich das geographische Deutschland aus einem โFlickenteppich“ von mehr als 300 Klein- und Mittelstaaten zusammen, die zwar miteinander verbunden waren, aber keinen einheitlichen Staat bildeten. Unter Napoleons Besatzungspolitik siegte der Partikularismus endgรผltig: Sechzehn Reichsfรผrsten, die zusammen ein Drittel des Reichsgebiets beherrschten, traten im Juli 1806 aus dem Reichsverband aus, schlossen sich unter franzรถsischem Protektorat zum โRheinbund“ zusammen und verpflichteten sich, Frankreich Heerfolge zu leisten. Am 8. August 1806 legte Franz II. die Kaiserkrone nieder. Damit war das Ende des Heiligen Rรถmischen Reiches Deutscher Nation auch offiziell besiegelt.
Im beginnenden Kampf gegen Napoleon fรผhlten sich jedoch die Deutschen weithin zusammengehรถrig, wenn auch als ein zerrissenes Volk. Mancher Zeitgenosse drinnen und drauรen mag damals erstaunt festgestellt haben, daร es รผberhaupt eine deutsche Nation und einen deutschen Nationalgeist gab. Diese Verbundenheit hat sich รผber alle Mentalitรคtsunterschiede hinweg bis heute erhalten: Wรคhrend der katholische Rheinlรคnder die Herausforderungen des Lebens leichten Sinnes mit dem Spruch โEt kรผtt wie et kรผtt“ annimmt, ruft sich der protestantische Norddeutsche mit einem strengen โWat mutt, dat mutt!“ zur Selbstdisziplin auf. Allen gemein sind bis heute Stammesverwandtschaft, Sprache, Kultur und historisches Schicksal. Zur nationalstaatlichen Einigung kam es erst 1871 unter preuรischer Fรผhrung โ als kleindeutsche Lรถsung, denn รsterreich schied als separates Kaiserreich aus dem einstigen Verbund aus.
Wรคhrend es im 19. Jahrhundert eines Angriffs von auรen bedurfte, um die Mehrheit der Deutschen politisch zu einen und ihre kleinstaatliche Atomisierung zu beenden, droht in der Gegenwart das krasse Gegenteil. Heute ist es die individuelle Atomisierung der Einheimischen in Verbindung mit einer seit Jahren unkontrollierten Zuwanderung, die nicht nur die nationale, sondern zugleich die staatliche Bindung aufzulรถsen droht. Maika Foroutan, seit 2017 Leiterin des Deutschen Zentrums fรผr Integrations- und Migrationsforschung, hat den Deutschen ihr Schicksal unverblรผmt vor Augen gefรผhrt:
โSie haben das Gefรผhl, ihr ยดeigenesห Land nicht mehr wiederzuerkennen. Zu Recht, mรถchte man sagen โ denn es sieht anders aus, es ist jรผnger geworden, es spricht anders, es iรt anders, es betet anders, es liebt anders, es hat neue Konflikte, es kleidet sich anders, es ist lauter als in den Jahren, die fรผr viele bis heute ihr Deutschlandbild prรคgen.“
Zu Fichtes Zeiten gab es eine deutsche Nation, aber keinen Nationalstaat, heute sind selbst die Begriffe โdeutsch“ und โNation“ verpรถnt โ seitens einer elitรคren Herrschaft, die das eigene Volk verachtet und es am liebsten in der Utopie einer universellen Menschheit auflรถsen mรถchte. De-Industrialisierung im Namen des Klimaschutzes, freie Geschlechterwahl als hรถchste Stufe der Selbstbestimmung sind die Boten eines sich abzeichnenden Niedergangs. Als einer der wenigen hat Sigmar Gabriel die Zeichen der Zeit erkannt. Im August letzten Jahres lieร der einstige SPD-Chef und Vizekanzler die Alarmglocken schrillen:
โWir sind an einem Punkt angekommen, an dem eine grundlegende Neuausrichtung fรคllig ist, nicht nur in der Sicherheits- und Verteidigungspolitik, auch nicht nur in der Asyl- und Flรผchtlingspolitik. Mein frรผherer Kabinettskollege Thomas de Maiziรจre von der CDU hat so etwas wie eine Staatsreform ins Gesprรคch gebracht. Ich glaube, daร er damit genau richtig liegt.“
Eine immer heterogener werdende Gesellschaft, so Gabriel in dem Interview mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland, โist angewiesen auf eine Kraft, die stark genug ist, alles zusammenzuhalten und Regeln durchzusetzen. Ohne Law and Order zerbricht leider alles: das Liberale, das Europรคische, aber auch das Soziale“ (โMรคrkische Allgemeine Zeitung“, 19. 8. 2023).
Doch auch dieser Ruf in der Wรผste ist ohne Echo verhallt. Dem โHandelsblatt“ zufolge verlassen daher immer mehr gut ausgebildete autochthone Deutsche ihr Heimatland, andere bringen zumindest ihr hart verdientes Geld im Ausland in Sicherheit.

