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Postmoderne Wissenschaft – Getrollt wird net

22. Mai 2024
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Dem Physiker Alan Sokal gelingt es im Jahr 1996, einen Nonsense-Artikel in der renommierten sozialwissenschaftlichen Zeitschrift โ€žSocial Textโ€œ zu verรถffentlichen. In intellektuell anmutendem Jargon mit zahlreichen erfundenen Wรถrtern schreibt der Physiker, der sich selbst als einen altmodischen Sozialisten bezeichnet, den Artikel โ€žTransgressing the Boundaries: Towards a Transformative Hermeneutics of Quantum Gravityโ€œ, zu Deutsch: โ€žDie Grenzen รผberschreiten: Hin zu einer transformativen Hermeneutik der Quantengravitationโ€œ. Dort verlautbart er, dass die Quantengravitation ein sprachliches und soziales Konstrukt sei โ€“ was natรผrlich vรถlliger Unsinn ist.

Diesen Coup verarbeitet er spรคter mit einem Freund in seinem Buch โ€žEleganter Unsinn โ€“ Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften miรŸbrauchenโ€œ. Darin zerpflรผckt er auch Denker wie den Philosophen Gilles Deleuze und den Psychoanalytiker Jacques Lacan und verkรผndet, was in der โ€žWissenschaftโ€œ heutzutage schieflรคuft:ย 

1.) Die weitschweifige Darstellung naturwissenschaftlicher Theorien, von denen man gรผnstigstenfalls eine รคuรŸerst vage Vorstellung hat.

2.) Die รœbernahme von Begriffen aus den Naturwissenschaften in die Geistes- oder Sozialwissenschaften ohne die geringste inhaltliche oder empirische Rechtfertigung.

3.) Die Zurschaustellung von Halbbildung, indem man schamlos mit Fachbegriffen um sich wirft, die im konkreten Zusammenhang vรถllig irrelevant sind.

4.) Die Verwendung von im Grunde bedeutungslosen Schlagworten und Sรคtzen.

Man kรถnnte meinen, โ€ždie Wissenschaftโ€œ hรคtte aus diesem Eklat Schlรผsse gezogen und sich einer sinnvolleren, nicht bis zur Unkenntlichkeit abstrahierten Philosophie gewidmet. Im Gegenteil: Radikale Konstruktivisten, die Nachkommen der Poststrukturalisten, haben die Kulturwissenschaften immer mehr vereinnahmt. Anstatt aber wirklich wissenschaftsorientiert und ohne die Annahme von fixen Strukturen zu forschen, sind sie mit Tausenden politisch korrekten Vorurteilen beladen.

Zwischen 2017 und 2018 haben zwei US-amerikanische und eine britische Wissenschaftlerin โ€“ die sich auch allesamt als links und liberal bezeichnen โ€“ auf den Zerfall der akademischen Welt und die sinkenden Standards mit einer dennoch immer komplizierteren Sprache hinweisen wollen. โ€žWenn Sie beispielsweise Grundsรคtze der feministischen Philosophie infrage stellen, werden Sie mรถglicherweise als sexistisch eingestuft oder beschuldigt, eine verinnerlichte Frauenfeindlichkeit zu habenโ€œ, heiรŸt es in einer spรคter verรถffentlichten Rechtfertigung. Den grรถรŸten Handlungsbereich sehen sie in der Postcolonial Theory, den Gender Studies, der Queer Theory, der Critical Race Theory, dem Intersectional Feminism und den Fat Studies. Laut dem Trio lassen sich diese Wissenschaften als โ€žangewandte Postmoderneโ€œ bezeichnen, denn sie alle sind politisch voreingenommen, bezeichnen alle Gegebenheiten als Konstrukt und bauen auf den poststrukturalistischen Annahmen Michel Foucaults auf.

Judith Butler sehen die drei Wissenschaftler als einen der Profiteure dieser angewandten Postmoderne, die sich an Universitรคten immer weiter ausbreitet. Also reichen sie in diesen Teilbereichen der Sozialwissenschaften 20 Artikel bei Fachjournalen ein und fangen รคuรŸerst offensichtlich an. So kritisieren sie in den ersten Artikeln beispielsweise Alan Sokal, weil sein Fake-Artikel zu Mobbing gefรผhrt habe. Werden die Artikel innerhalb des Peer-Review-Prozesses abgelehnt, werden sie entsprechend bearbeitet und โ€“ von Mitwissern oder unter Pseudonymen โ€“ neu eingereicht. Mit der Zeit kommen die ersten Erfolge, und einige Artikel werden nach einem Peer-Review angenommen.

Die erste Studie, die tatsรคchlich verรถffentlicht wird, untersucht die โ€žrape cultureโ€œ bei Hunden, bezieht diese auf Mรคnner und leitet daraus eine eventuell notwendige Dressur der Mรคnner ab (โ€žHuman reactions to rape culture and queer performativity at urban dog parks in Portland, Oregonโ€œ). Der Artikel wird โ€“ kein Scherz โ€“ sogar wegen seiner besonderen Qualitรคt geehrt. Ein anderer verรถffentlichter Artikel heiรŸt โ€žWho Are They to Judge? Overcoming Anthropometry and a Framework for Fat Bodybuildingโ€œ. In ihm wird das Abhalten von โ€žFattylimpicsโ€œ gefordert. Ein anderer leistet eine feministische Schreibweise von โ€žMein Kampfโ€œ.

In einem weiteren Artikel wird der Penis des Menschen mit toxischer Maskulinitรคt gleichgesetzt und in Verbindung mit dem Klimawandel gebracht. Selbst ein Artikel mit dem Titel โ€žGoing in Through the Back Door: Challenging Straight Male Homohysteria, Transhysteria and Transphobia Through Receptive Penetrative Sex Toy Useโ€œ wird verรถffentlicht. Besonders lustig: Ein weiterer zur Verรถffentlichung bestimmter Artikel in der Zeitschrift โ€žHypatia. A Journal of Feminist Philosophyโ€œ behandelt eine feministische Perspektive auf Satire und kommt zu dem Schluss, dass โ€žakademische Streiche und andere Formen satirischer oder ironischer Kritik an Social-Justice-Forschung unethisch und ignorant sindโ€œ. Im Oktober 2018 gibt das Trio den Schwindel zu, weil Journalisten herausbekommen, dass โ€žHelen Wilsonโ€œ, das Pseudonym hinter einem in der Zeitschrift โ€žGender, Place & Cultureโ€œ verรถffentlichten Artikel, nicht existiert. Zu diesem Zeitpunkt wurden vier Artikel abgelehnt, es befinden sich noch sieben Artikel im Review-Prozess, sieben weitere wurden bereits verรถffentlicht.

Ohne Zweifel hatten die Ersteller dieser โ€žStudienโ€œ einiges an SpaรŸ, wie sie danach auch in einem YouTube-Video offenbarten:

Aufmerksam machen wollten sie derweil auf die Voreingenommenheit der Sozialwissenschaften, in denen โ€žMรคnnlichkeitโ€œ oder selbst โ€žWeiรŸ-seinโ€œ etwas grundlegend โ€žToxischesโ€œ sein soll.

Die โ€žSokal-Squared-Affรคreโ€œ zeigt sehr gut, wie eine beinahe endlos abstrahierte Sprache und Philosophie trotz ihrer Lebensferne in akademischen Kreisen ernst genommen wird. Sie zeigt auch, dass Wissen und Macht Hand in Hand gehen. Und dass das Fundament der Gleichheitsfanatiker brรถckelt. Dass sich diejenigen, die solche Skandale initiieren, zur Sicherheit als links bezeichnen mรผssen, spricht รผbrigens ebenfalls eine recht eindeutige Spracheโ€ฆ

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