Seit der Abwendung der USA von Europa muร die geopolitische Landkarte neu entworfen werden. Besonders im Westen des alten Kontinents, der fast acht Jahrzehnte unter Amerikas nuklearem Schirm stand, ist die Aufregung groร. Wรคhrend Deutschland mit Schulden in Milliardenhรถhe die Bundeswehr โkriegstรผchtig“ machen will und die EU-Kommission fรผr europรคische Rรผstungsprojekte 800 Milliarden Euro in Aussicht stellt, ist Italien zutiefst zerstritten โ Grund ist das โManifest von Ventotene“ aus dem Jahr 1941.
Wie die โSรผddeutsche Zeitung“ am 22. Mรคrz berichtete, waren am Samstag davor in Rom Zehntausende fรผr Europa auf die Straรe gegangen. Eingeladen hatten vornehmlich liberale und linke Intellektuelle unter dem Motto โPiazza per lยดEuropa“ (โEin Platz fรผr Europa“). Das historische Manifest spielte dabei eine wesentliche Rolle. Giorgia Meloni, Regierungschefin und Vorsitzende der postfaschistischen Partei Fratelli dยดItalia, nahm spรคter im Parlament kurz Stellung zur Demonstration. Dabei zitierte sie einige Passagen aus dem Manifest mit der abschlieรenden Bemerkung: โDas ist nicht mein Europa!“ Anschlieรend, so die „SZ“, kam es zu tumultartigen Szenen. Die Linke nannte es eine โSchande“, das ehrenhafte Dokument so niederzumachen. Die Rechte hingegen sprach von einem โschrecklichen Text“.
Tags darauf ging die Debatte im Senat weiter und setzte sich schlieรlich bis nach Brรผssel fort. Dort รคuรerte Roberta Metsola, die Prรคsidentin des Europa-Parlaments, die sich eigentlich gut mit Meloni versteht, ihre Wertschรคtzung fรผr das Manifest, das โdie ersten Spuren der Idee eines fรถderalen Europas“ enthalte. In der Tat handelt es sich um eine programmatische Schrift, die drei italienische Antifaschisten unterschiedlicher politischer Richtung unter dem Titel โFรผr ein freies und einiges Europa“ auf der Insel Ventotene verfaรt hatten. Wรคhrend der Mussolini-Herrschaft befanden sie sich seit 1939 in Gefangenschaft auf der im Golf von Gaeta zwischen Rom und Neapel gelegenen Insel. Einer der Mรคnner schrieb den Text heimlich auf Zigarettenpapier, der Ehefrau eines anderen gelang es laut Wikipedia, im Bauch eines gebratenen Huhns das in vier Abschnitte geteilte Schriftstรผck aus dem Gefรคngnis zu schmuggeln.
In der Souverรคnitรคt der Nationalstaaten sieht das Manifest, das in Italien bis heute fast wie ein Nationalheiligtum verehrt wird, die Ursache fรผr den Zweiten Weltkrieg. Zum Erhalt von Frieden und Freiheit fordert es statt dessen die Grรผndung eines europรคischen Bundesstaates durch eine revolutionรคre Bewegung; es gilt als einer der bedeutendsten frรผhen Entwรผrfe einer fรถderalen Integration Europas. Im Zuge der Corona-Pandemie zitierte EU-Kommissionsprรคsidentin Ursula von der Leyen im April 2020 daher nicht von ungefรคhr im Plenum des Brรผsseler Parlaments einen Auszug des Manifests und rief die Europรคer zur Einigkeit auf.
Ebenfalls am 22. Mรคrz verรถffentlichte die โSรผddeutsche“ einen lรคngeren Essay des mittlerweile 96-jรคhrigen Philosophen Jรผrgen Habermas, der die jรผngst beschlossene Aufrรผstung der Bundeswehr in einer vรถllig anderen Perspektive sehen will, โals uns die hรถchst spekulativen Annahmen รผber eine aktuelle Bedrohung der EU durch Ruรland suggerieren“:
โDie Mitgliedslรคnder der Europรคischen Union mรผssen ihre militรคrischen Krรคfte stรคrken und bรผndeln, weil sie sonst in einer geopolitisch in Bewegung geratenen und auseinanderbrechenden Welt politisch nicht mehr zรคhlen. Nur als eine selbstรคndig politisch handlungsfรคhige Union kรถnnen die europรคischen Lรคnder ihr gemeinsames weltwirtschaftliches Gewicht auch fรผr ihre normativen รberzeugungen und Interessen wirksam zur Geltung bringen… Nur mit kollektiver Handlungsfรคhigkeit auch im Hinblick auf den Einsatz militรคrischer Gewalt gewinnt sie geopolitische Selbstรคndigkeit.“
Somit gehรถrt auch Habermas zu jenen, die zumindest im Verteidigungsbereich fรผr einen europรคischen Bundesstaat plรคdieren. Mit der Aussage, der Nationalismus sei โhistorisch lรคngst รผberwunden“, erteilt er indes auch dem gegenwรคrtigen Europa der Nationalstaaten eine klare Absage.
Demgegenรผber fordern zwei konservative Denkfabriken aus Polen und Ungarn eine grundlegende EU-Reform. Wie einem Artikel von Matthias Nikolaidis am 21. Mรคrz in โTichys Einblick“ zu entnehmen ist, haben das Budapester Mathias-Corvinus-Collegium (MCC) und das polnische Ordo-Juris-Institut einen entsprechenden Bericht verรถffentlicht โ in Zusammenarbeit mit der amerikanischen Heritage Foundation, einer Stiftung, die den Republikanern um Trump nahesteht. Die beiden Institute kritisieren, daร sich die EU von einem Forum รถkonomischer Zusammenarbeit zu einem โmรคchtigen supranationalen Gebilde“ entwickelt hat, das Wรคhrungen und Gerichte kontrolliert und Finanzsanktionen gegen miรliebige Mitgliedsstaaten verhรคngt.
โWas mit freiem Handel und Frieden begann, hat zu einer zentralisierten Machtstruktur gefรผhrt, die auf Kosten der nationalen Souverรคnitรคt geht.“
Erforderlich sei eine โRรผckkehr zu den Grundwerten Europas, zu Demokratie, Souverรคnitรคt und Gleichgewicht“.
Die heutige EU habe ein Demokratiedefizit, weil ihre wichtigsten Institutionen nicht gewรคhlt worden seien. Die Autonomie der Nationalstaaten werde immer mehr eingeengt; der Europรคische Gerichtshof weite seine Befugnisse stรคndig aus. Die beiden Institute fordern daher, daร nationale Souverรคnitรคt und nationale Verfassungen wieder Vorrang vor Gemeinschaftsinstitutionen haben mรผssen. Jeder Staat mรผsse selbst entscheiden, wo und wann er sich an einem engeren Verbund beteiligen wolle. Der Rat der Staats- und Regierungschefs mรผsse zum entscheidenden Gremium werden und nicht die durch keine Wahl legitimierte Kommission. Im รผbrigen, so der abschlieรende Vorschlag, sollte die Union umbenannt werden in โEuropรคische Gemeinschaft der Nationen“ (European Community of Nations, ECN).
Das Projekt einer โever closer union“, einer immer engeren Union, geistert zwar seit 1983 durch Politik und Medien, doch die Realitรคt sieht anders aus. Auch wenn die Ost-West-Spaltung lรคngst รผberwunden und der Kontinent zumindest geographisch wieder eine Einheit geworden ist, bleibt die Weltlage unverรคndert: Die Europรคer, ob vereint oder solitรคr, spielen nicht mehr in der Ersten Liga. Mochte das 19. Jahrhundert noch das britische gewesen sein, das 20. Jahrhundert war schon das amerikanische, und das 21. wird, wenn nicht das chinesische, auf jeden Fall das asiatische Jahrhundert. Zwar ist Europa ein miteinander verwandter Kulturkreis, eine einheitliche Nation mit gemeinsamer Sprache war es jedoch nie und wird es auch nie werden.

