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Thomas Mann hat alles zu „unserer Demokratie“ gesagt

13. Juni 2025
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Thomas Manns verheerendes Urteil รผber die Demokratie war radikal, so radikal, daรŸ sich auch anlรครŸlich seines 150. Geburtstags bislang niemand getraut hat, die Worte zu wiederholen:

โ€žFort also mit dem landfremden und abstoรŸenden Schlagwort ยดdemokratischยด! Nie wird der mechanisch-demokratische Staat des Westens Heimatrecht bei uns erlangen. Man verdeutsche das Wort, man sage ยดvolkstรผmlichยด statt ยดdemokratischยด โ€“ und man nennt und erfaรŸt das genaue Gegenteil: denn deutsch-volkstรผmlich, das bedeutet ยดfreiห‹ โ€“ nach innen und auรŸen, aber es bedeutet nicht ยดgleichยด โ€“ weder nach innen noch auรŸen….Entfaltung, Entwicklung, Mannigfaltigkeit, Reichtum an Individualitรคt war immer das Grundgesetz deutschen Lebens. Dies Leben widerstrebte immer der Zentralisierung, bezog niemals Konvenienzen von einem kapitalen Mittelpunkt. Der Deutsche war frei und ungleich, das heiรŸt aristokratisch.“

Statt Deutschlands bedeutendsten Erzรคhler des 20. Jahrhunderts im Original zu zitieren, heiรŸt es im medialen Expertenreigen vielerorts lapidar und abwertend: โ€žIm Oktober 1918 bekannte er sich in den ยดBetrachtungen eines Unpolitischenห‹ auf mehr als 600 Seiten zum reaktionรคren Lager.โ€œ Oder: โ€žBis Anfang der 1920er-Jahre war er Anhรคnger eines deutschtรผmelnden Obrigkeitsstaatesโ€œ. Trotz des seit Jahren zu beobachtenden Niedergangs unserer โ€žbunten Republik der Vielfalt und der Weltoffenheitโ€œ nehmen Deutschlands geistige und politische Reprรคsentanten Thomas Mann immer gern fรผr ihre ideologischen Interessen in Anspruch, nicht zuletzt als angeblichen Vertreter auch โ€žunserer Demokratieโ€œ.

Als er die als eine Art Jugendsรผnde inkriminierten โ€žBetrachtungenโ€œ verfaรŸte, war Thomas Mann 43 Jahre alt. Die Verรถffentlichung seines Bestseller-Romans โ€žBuddenbrooks โ€“ Verfall einer Familieโ€œ, fรผr den er 1929 den Nobelpreis erhielt, lag 17 Jahre zurรผck. Er wuรŸte also sehr wohl, was er damals schrieb. Im heutigen โ€žKampf gegen Rechts“ werden ihm seine aufklรคrerischen Worte indes รผbel angelastet, am liebsten aber verschweigt man sie:

โ€žDemokratie, das bedeutet Herrschaft der Politik; Politik, das bedeutet ein Minimum von Sachlichkeit. Der Fachmann aber ist sachlich, das heiรŸt unpolitisch, das heiรŸt undemokratisch. Fort mit ihm! Seine Nachfolger sind der Advokat als Wochenschriftbesitzer, der Journalist, der rhetorisch begabte Kรผnstler. Sie machen die Sache mit ein wenig Geist, โ€“ und so will es die รœberlieferung der Demokratie….Wir werden sie haben, die Demokratie, โ€“ als welche Gleichheit ist und also HaรŸ, unauslรถschlicher und eifersรผchtiger RepublikanerhaรŸ auf jede รœberlegenheit, jede sachverstรคndige Autoritรคt…Noch einmal: Demokratie, das bedeutet Herrschaft der Politik. Es darf, es wird nichts geben, kein Denken, Schaffen und Leben, woran die Politik nicht Anteil hรคtte, wobei nicht Fรผhlung mit ihr, Beziehung zu ihr unterhalten wรผrde.“

Seinerzeit gab es im Hause Mann einen erbitterten โ€žBruderkrieg“. Wรคhrend Thomas den Ersten Weltkrieg als Verteidigungskrieg des deutschen Kaiserreichs guthieรŸ, nahm sein รคlterer Bruder Heinrich die Gegenposition ein. Bereits 1914 gab er in seinem Roman โ€žDer Untertanโ€œ den deutschen Obrigkeitsstaat der Lรคcherlichkeit preis und plรคdierte stets fรผr die Demokratie, deren Vorbild er in der franzรถsischen Republik sah. Thomas verspottete seinen Bruder als โ€žZivilisationsliteratenโ€œ, wรคhrend Heinrich in Thomas einen deutschtรผmelnden SpieรŸbรผrger sah. Es sollte noch einige Zeit dauern, ehe sich die Brรผder versรถhnten und Thomas den Pfad dessen einschlug, was offiziell โ€žDemokratieโ€œ genannt wird. Gleichwohl muten nachstehende Zeilen aus seinen โ€žBetrachtungen“ wie ein visionรคrer Vorgriff auf heutige Verhรคltnisse in beider Geburtsland an, in dem Wokeness und Gendern einen Kern โ€žunserer Demokratieโ€œ bilden:

โ€žWelche Sache und Frage รผberhaupt wird nicht sofort im fรคlschenden, verzerrenden Lichte, das heiรŸt der Parteipolitik stehen? Die Politik als Erkenntnismittel, durch welches alle Dinge gesehen werden; die Verwaltung โ€“ geรผbt im Geiste der gerade herrschenden Kammermajoritรคt; das Offizierskorps โ€“ politisch zersetzt; die Justiz โ€“ politisch verseucht; die Dichtung โ€“ Thesentheater und Seelenkunde auf Grund sozialer Vergleichung bis zum Tout-est-dit (Es ist alles gesagt, d. Verf.); und Affรคren, Skandale, prรคchtige, den Bรผrger erhebende und entzรผndende politisch-symbolische Zeitkonflikte in wechselndem Reigen, jedes Jahr ein neuer, โ€“ so werden wirยดs haben, so werden wir alle Tage leben.โ€œ

Letztlich waren es schon zu Thomas Manns Lebzeiten zwei Totalitarismen, die noch heute die Existenz der Menschheit bedrohen: Auf der รคuรŸersten Rechten die nationale Volksvergรถtzung, die in einem Fรผhrerstaat auf eine gleichmacherische Vermassung der Gesellschaft hinauslรคuft โ€“ auf der Linken die Individualvergรถtzung, die durch Auflรถsung aller Bindungen an Familie, Volk, Nation und Staat zu einer ebenfalls gleichmacherischen Atomisierung fรผhrt. Thomas Mann, so sagt er selbst, sah sich stets in der Mitte: โ€žIch bin, um es ganz schlicht zu sagen, fรผr Freiheit. Das Wort, der Geist sei frei.“ Nicht nur Friedrich Merz, Markus Sรถder und ihre angeblich konservativen Parteien sollten zur Kenntnis nehmen, was fรผr Thomas Mann vor 110 Jahren selbstverstรคndlich war, wenn von Konservatismus die Rede ist. Es gilt nach wie vor:

โ€žKonservativ sein, heiรŸt nicht, alles Bestehende erhalten wollen. Konservativ sein heiรŸt: Deutschland deutsch erhalten wollen โ€“ und das ist nicht eben der Wille der Demokratie….Deutsch ist es vor allen Dingen, das Volk nicht mit der aus Individual-Atomen zusammengesetzten Masse zu verwechseln.โ€œ

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