Woke Ideologie – Noch einmal richtig aufdrehen

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Der „Panikrocker“ Udo Lindenberg leidet unter den zahlreichen Kriegen und Krisen der Gegenwart: „Ich habe als Pazifist gerade sehr schwere Zeiten und schlaflose Nächte“, gestand der 79-Jährige auf Facebook. Er sei immer Pazifist gewesen und sei es heute noch, aber:

„Sollte eine echte Bedrohung auf uns zurollen und unsere Werte in Frage stellen und uns von der Panikbühne runterfegen wollen mit allem, was wir glauben und wofür wir einstehen, zum Beispiel die freie bunte Republik, dann müssen wir uns verteidigen können.“

Da kann Udo ganz beruhigt sein. In diesen Tagen und Wochen wird die „freie bunte Republik“ landauf, landab gefeiert und hofiert – auf Straßen, im Fernsehen, in den Gazetten. Im Zeichen des Regenbogens plädiert, wie zuletzt in Köln, die queere Community mit ihrer Anhängerschaft lautstark und farbenfroh für die Freiheit, zu lieben, wen man will: LGBTIQ+ – Lesben, Schwule, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche sowie weitere queere Menschen, zu denen auch asexuelle Personen zählen – sie alle stellen die biologisch geprägte zweigeschlechtliche Ordnung in Frage und opponieren gegen die damit verbundene soziale Norm der Heterosexualität.

Beginnen wir mit dem gebührenpflichtigen TV: Bereits im achten Jahr wird die queere ARD-Sommerreihe ausgestrahlt. Sie wurde vor sieben Jahren vom Rundfunk Berlin-Brandenburg (RBB) ins Leben gerufen, beginnt jeweils im Pride-Monat Juni und endet im August. Beteiligt sind neben dem RBB der Bayerische Rundfunk (BR) und der Mitteldeutsche Rundfunk (MDR). Bei sechs der insgesamt 14 Filme handelt es sich um deutsche Erstausstrahlungen, anschließend stehen alle für jeweils 30 Tage in der ARD-Mediathek. Am häufigsten dargestellt wird das Leben aus der Perspektive von Lesben und Schwulen. Diesmal jedoch sticht der Film „Slow“ (BR, 17. Juli) der litauischen Regisseurin Marija Kavtaradze besonders heraus, denn er zeigt die viel seltener dargestellte Sicht eines Asexuellen.

„Zart und ruhig“, lobt die „Märkische Allgemeine Zeitung“ (MAZ), „zeichnet der Film ein Bild der Beziehung zwischen der Tänzerin Elena und dem Gebärdendolmetscher Dovydas.“ Er übersetzt einen Tanzkurs für Gehörlose, den sie anleitet. Schon vom ersten Moment an haben beide das Gefühl, sich schon lange zu kennen. Doch während Elena ein aktives Liebesleben gewohnt ist, ist sexuelle Anziehung ein Gefühl, das Dovydas weder kennt noch braucht. „Mit viel Gefühl“, so die MAZ, „begeben sie sich dennoch auf den Weg als Paar, auf der Suche nach einer Form von körperlicher Initimität, die für beide stimmig ist.“ Auch das Liebesdrama „Laurence Anyways“ (RBB, 10. August) des kanadischen Regisseurs Xavier Dolan findet den Beifall der MAZ. Das vielfach ausgezeichnete Opus erhielt beim Filmfestival in Cannes 2012 die „Queer Palm“. Laurence und Fred führen eine „erfüllte, schwungvolle Beziehung“, doch dann outet sich Laurence als trans und möchte endlich als Frau leben. Die beiden bleiben vorerst zusammen, Fred will Laurence unterstützen. Aber der Druck der Gesellschaft und Freds Hadern mit Laurences Transition strapazieren ihre Liebe bis über die Grenze.

Einen „bunten Strauß queerer Lebensentwürfe“ nennt Till Burandt von Kameke, beim RBB verantwortlicher Filmregisseur, die ARD-Sommerreihe: „Queeres Leben ist fester Bestandteil der Gesellschaft. Wir machen Programm für alle, da hat die queere Community Anspruch darauf, ihre Lebenswelten auch im fiktionalen Bereich wiederzufinden – bestenfalls aus ihrer eigenen Perspektive.“

Nicht fiktional, sondern laut und offen auf der Straße zeigt die queere Gemeinschaft bei ihren alljährlichen „Pride-Paraden“, was es heißt, schwul, lesbisch oder trans zu sein. Als am 28. Juni, einem Samstag, mehr als 100.000 Menschen trotz Verbots der Regierung mit Regenbogenfahnen und wummernder Musik durch Budapests Straßen ziehen, ist der Jubel im Westen groß. Noch im April hatte das ungarische Parlament ein Gesetz verabschiedet, das es unter Strafe stellt, öffentliche Versammlungen zu organisieren oder daran teilzunehmen, die für die „Abweichung von der Identität des Geburtsgeschlechts, für Geschlechtsumwandlung oder Homosexualität werben oder diese darstellen“. Liberale, Linke und die EU waren sich einig: Dieses Gesetz ziele nicht nur darauf ab, die LGBTIQ-Community um eine Plattform zu bringen, sondern es schränke rigoros die Versammlungsfreiheit und damit ein Grundrecht ein.

Und was ist mit dem Kinderschutz? Schon 2021 hatte Viktor Orbans Regierung ein Gesetz beschlossen, das es verbietet, im Schulunterricht homosexuelle Beziehungen zu thematisieren und Bücher oder Filme mit LGBTIQ-Inhalten Minderjährigen zugänglich zu machen. Seit jenem Jahr befaßt sich der Europäische Gerichtshof (EuGH) mit dem Gesetz, weil es nach Ansicht der EU-Kommission gegen die Grundwerte der EU verstoßen soll. Ein Urteil steht bis heute aus.

Am Christopher Street Day in München nahmen am 28. Juni rund 250.000 Demonstranten an der Parade teil, darunter, wie die „Süddeutsche Zeitung“ berichtet, viele Kleinkinder, einige mit speziellen Kopfhörern gegen den Lärm. Von den Erwachsenen bekommen die Kinder Regenbogenfähnchen; Seifenblasen und Luftküsschen gehen in ihre Richtung. Mit dabei ist auch eine Bimmelbahn von Regenbogenfamilien, vertreten etwa durch die Vereine „Regenbogenväter“ oder „Lesmamas“. Die Parade fand unter dem Motto „Liberté, Diversité, Queerité“ statt. Von der Bühne rief Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD): „Es ist geil, daß so viele da sind.“ Er möchte nicht in einer Stadt leben, in der nicht alle, die es wollen, offen Händchen halten oder sich küssen können. „München lebt seit vielen Jahren und Jahrzehnten von eurer Vielfalt“, so der OB. Er sei bereit, „alles zu tun, um euch zu unterstützen“. Sein Appell zum Schluß: „Bleibt laut, bleibt unüberhörbar!“

Mittlerweile müssen sich Juristen sogar mit der Regenbogen-Flagge in einem Kinderhort in Berlin-Köpenick befassen. Dort, so SZ-Redakteur Ronen Steinke, hängt die Fahne an einer Tafel – aus Papier, selbstgemalt im Format A3. Die Eltern einer Grundschülerin gingen vor Gericht und erklärten, in einer Einrichtung zur Kinderbetreuung habe die Pride-Fahne nichts verloren; der Anwalt der Familie argumentierte, die Flagge stehe für „woke Lebensart“ und beeinflusse die Kinder auf unzulässige Weise. Das Verwaltungsgericht Berlin entschied: Die Flagge darf hängen bleiben. Steinke zufolge ging es im Kern um die Frage, ob die Flagge „nur“ für Werte steht, wie sie das Grundgesetz sowieso schon garantiert (also etwa Gleichberechtigung), oder auch für „Vielfalt und Toleranz verschiedener Geschlechter und Lebensformen“, wie die Schulbehörde Treptow-Köpenick vor Gericht ausführte. Oder ob es darüber hinaus um eine bestimmte politische Agenda geht, wobei sich ein Kinderhort dann lieber neutral verhalten sollte. Die Richterin war jedoch der Meinung, das staatliche Neutralitätsgebot bedeute nicht, daß auf die Darstellung „wertender Inhalte“ verzichtet werden müsse. Eine Überschreitung der Schwelle zur „unzulässigen politischen Indoktrinierung“ sehe sie hier nicht. Ob dieses Urteil Bestand haben wird, ist indes ungewiß; noch ist eine Berufung möglich.

Das am 1. November 2024 in Kraft getretene „Gesetz über die Selbstbestimmung in Bezug auf den Geschlechtseintrag“ (SBGG) hat in Deutschland den seit langem schwelenden Kulturkampf endgültig in die Öffentlichkeit getragen, wo die Kontroverse immer hitzigere Züge annimmt. Schließlich kann jetzt jeder Volljährige einmal im Jahr problemlos sein Geschlecht selbst bestimmen und die Änderung des Vornamens sowie des Geschlechtseintrags in den Ausweispapieren vornehmen. Weder ist ein ärztliches Attest erforderlich noch trifft das Gesetz irgendwelche Regelungen zu geschlechtsangleichenden medizinischen Maßnahmen. Kein Wunder, wenn es nun vermeintliche Frauen mit Penis und vermeintliche Männer mit Brüsten und Vagina geben wird.

Groß war die Aufregung, als Bundestagspräsidentin Julia Klöckner verbot, die Regenbogen-Fahne zum nächsten Berliner CSD am 26. Juli auf dem Reichstagsgebäude zu hissen. In der ARD-Talkshow „Maischberger“ verteidigte Bundeskanzler Merz seine Parteikollegin mit den Worten: „Der Bundestag ist ja nun kein Zirkuszelt“, auf dem man beliebig Fahnen hisse. Es gebe einen Tag im Jahr, das sei der 17. Mai – der Tag gegen Homophobie –, an dem die Flagge gehißt werde. Auf einer ganzen Seite durfte die SZ-Redakteurin Constanze von Bullion am 28. Juni ihrer Wut über Trump, Musk und die Männer im allgemeinen freien Lauf lassen, schließlich seien sie schuld am gegenwärtigen Kulturkampf:

„Die angeblich naturgegebene Ordnung der Geschlechter und der Geschlechtsteile wird zum obersten Gebot erklärt, sie sichert das autoritäre System… Nicht zufällig fällt der Angriff auf die sexuelle Sebstbestimmung in eine Zeit, in der die traditionelle Rolle des Mannes in vielen Ländern angefochten ist wie nie: als Autorität, als Ernährer der Familie, auch als Erzeuger. So gut wie jedes dieser Felder bewirtschaften Frauen und queere Gruppen inzwischen auch selbst, bisweilen mithilfe der Samenbank. Gebraucht wird bestenfalls, was der Mann in der Hose hat. Und selbst das ist ersetzbar.“

Hoffentlich hat Frau von Bullion am 4. Juli im eigenen Blatt den Artikel unter der Rubrik „Braucht es Mama bald nicht mehr?“ gelesen. Dort heißt es anläßlich der ARD-Sendung „Sex and the Scientists“ über die Zukunft menschlicher Reproduktion: „Werden wir den weiblichen Körper dazu bald gar nicht mehr benötigen? Lassen sich Eizellen auch aus männlichen Zellen gewinnen?“