Am 18. Januar 1871 marschierte eine uniformierte Gruppe von Befehlshabern, Offizieren, protestantischen Feldgeistlichen und einem Musikcorps in den Spiegelsaal von Versailles und proklamierte dort das zweite Deutsche Kaiserreich. Für ein Magazin, das Kaiser Chillhelm auf den Thron gehoben hat, muss es also an Hochverrat grenzen, nun ausgerechnet dieses Reich kritisch zu beäugen. (Anm. d. Red.: Freut Euch auf unsere nächste Ausgabe!)
Heute, wo die Ausstrahlung, Kompetenz und Bartpracht unserer politischen Führung geradezu negativ ist, die Steuerlast jedes Jahr Hunderttausende außer Landes treibt und es nicht einmal eine anständige Militärparade gibt, schauen viele mit positiver Nostalgie auf diese glorreiche Zeit des zweiten Kaiserreichs.
Jedoch hatte dieses Preußen-Deutschland zwei große Verlierer: Preußen und den Rest der deutschen Staaten. Was meine ich damit? Quasi alle Staaten, die zum Deutschen Reich werden sollten, hatten einen eigenen besonderen Tugendenkatalog, und es hatte sich eine Art idealer Persönlichkeitstyp entwickelt, welcher in der jeweiligen Bevölkerung besonders häufig vertreten war oder als besonders ideal galt. Dieser war etwa in Sachsen Frömmigkeit, Höflichkeit und Gepflegtheit oder in den Hansestädten: Verlässlichkeit, Pragmatismus und Zurückhaltung. Oder die berühmten, berüchtigten preußischen Tugenden: Disziplin, Fleiß, Pünktlichkeit, Sparsamkeit, Sauberkeit, Zielstrebigkeit, Gründlichkeit, Verlässlichkeit, Opferbereitschaft und Ordnungssinn. Jeder Staat hatte seine ganz eigenen Tugenden, denen es galt, nachzueifern. So verfügte jede kulturell gewachsene Region in Deutschland über ein eigenes Verständnis dessen, was als idealtypisch angesehen wurde.
Dabei sollte ein besonderes Augenmerk auf die preußischen Tugenden gelegt werden. Viele, wenn nicht alle dieser Tugenden erscheinen uns heute als typisch deutsch oder als „typisch deutsche Tugenden“. Dies ist kein Zufall: Preußen machte 65 % der Fläche und 62 % der Bevölkerung Deutschlands aus. Doch dies war schon nicht mehr das wahre Preußen, es war durch zahlreiche Annexionen vergrößert, aber auch innerlich entfremdet worden: durch katholische Rheinländer oder durch Westelbische Freibauern. Die eigentlichen preußischen Gebiete machten gerade mal 52 % von Preußen und 31 % Deutschlands (Bevölkerung) aus. Allein aufgrund des numerischen Ungleichgewichts war es illusorisch, aus Deutschland ein Großpreußen zu machen. Durch die Entstehung dieses neuen Nationalstaates ging das Preußentum im Deutschtum unter. Denn während sich in Preußen mit knapp der Hälfte der Bevölkerung die andere Hälfte noch majorisieren ließ, war dies im Deutschen Reich unmöglich.
Zuvor war es der alten preußischen Elite gelungen, die nach dem Wiener Kongress gewonnenen Gebiete zu dominieren und zu „verpreußen“. Das Gleiche versuchte man nun im neu errichteten Deutschen Reich und geriet so in Konflikt mit katholischen Rheinländern, welfischen Hannoveranern und gemütlichen Süddeutschen. Dies war auch nicht völlig erfolglos. Preußentum eignete sich sowohl für die moderne Industriegesellschaft als auch für den Aufbau einer nun nationalen Bürokratie. Doch wirkliche Preußen sind Hessen oder Badener nie geworden, von Bayern ganz zu schweigen, wo der Ausdruck Saupreiß bis heute eine beliebte Beleidigung für alles Nördlich des Mains ist. Den anderen deutschen Kulturen, besonders in mehrheitlich katholischen Regionen, gelang es oftmals, gerade in Abgrenzung zu Preußen ihre kulturellen Eigenheiten zu bewahren. Sie leisteten frechstirnig Widerstand, indem sie blieben, was sie immer gewesen waren.
Der preußische Geist ist unter spezifischen historischen, wirtschaftlichen und geographischen Umständen entstanden. Besonders anschaulich wird dies bei Denkmälern: Preußen als ein ärmlicher Staat war stets darauf angewiesen, dass seine Bauern fleißig, sein Adel treu und seine Beamten unkorrumpierbar waren, damit die wenige Industrie und der karge Sandboden das Rückgrat des Staates, seine Armee, finanzieren konnten. Darum zeugten auch seine Denkmäler von Sparsamkeit.
Dies zeigt sich besonders beim „Nationaldenkmal für die Befreiungskriege“. Als sein oberste Baumeister Karl Friedrich Schinkel dem König die Pläne für eine gewaltige gotische Kathedrale vorzeigte, erschrak dieser über die Kosten. Kurzerhand wurde entschieden, die obersten drei Meter des Vierungsturms auf einem Berg außerhalb Berlins zu errichten. Das Kreuz auf dem Berge (später wurde dies zum Kreuzberg, wonach der Berliner Bezirk seinen Namen hat) war von Berlin aus gut zu sehen und damit war dem Nationaldenkmal auch Genüge getan. Jedoch hatte das neue Deutschland Geld, und es wollte dies vor allem auch zeigen. So wurde das Reich überzogen mit riesigen, protzigen Denkmälern, welche mit ihrer Masse und Größe den Geist des alten Preußens vermissen lassen.
Die preußische Oberschicht, besonders die Junkerklasse, blieb zwar überproportional einflussreich, besonders aufgrund ihrer Verwobenheit mit dem preußischen Königshaus und ihrer Bedeutung für das Militär und Teile der Verwaltung. Doch sie war nicht mehr die dominierende Kraft. Dies wird etwa augenscheinlich daran, dass nach Bismarck die Mehrheit der Reichskanzler nicht mehr aus dem eigentlichen Preußen kam. Jedoch verlor Preußen seine Eigenheit, statt Großpreußen zu werden, ging Preußen im Deutschtum auf. Wenn Fontane im Stechlin den Protagonisten bemerken lässt, dass es nicht mehr der Junkeradel ist, der die Garde stellt, sondern Prinzen aus allen Teilen des Reiches, so ist dies ein gutes Bild. Preußen gab seine Uniform, seine Verwaltungsstruktur, seine Hauptstadt und einen Teil seines Geistes her, damit Deutschland sie tragen konnte. Damit gab Preußen Deutschland Form und prägte es bis heute, es selbst hörte jedoch ab einem gewissen Punkt auf, zu sein.


Guter Beitrag von einem Saupreißen.
Saupreiß ist keine Beleidigung, sondern eine wahrheitsmäßige, objektive Gattungs- und Herkunftsbezeichnung!