Deutschlands Volk – Herz oder Pass?

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Deutschsein wurde von 1913 bis 1999 durch die Volkszugehörigkeit bestimmt, seit Anfang 2.000 reicht dafür die Staatsangehörigkeit. Das im Grundgesetz verankerte Deutschsein wurde keineswegs abgeschafft, sondern einfach uminterpretiert und dadurch verallgemeinert. Daher hat der Deutsche Fußballbund (DFB) seit Jahren kein Problem damit, Spieler ausländischer Herkunft in die Nationalmannschaft zu berufen – so wie Chefcoach Antonio di Salvo, als er kürzlich sein Aufgebot für die U-21-Elf bekanntgab. Für das Mittelfeld sah er Said El Mala, Forzan Assan Ouedraogo, Mert Kömür und Muhammed Damar vor. Die Nennung derartiger Namen, so die „Süddeutsche Zeitung“ am 9. Oktober, „spiegelt die gesellschaftliche Realität wider“. Mit Blick auf die AfD räumen die linksliberalen Autoren aber ein, was ihnen als multikulturelle und multiethnische Selbstverständlichkeit gilt, sei „geeignet, bei Menschen mit gewissen politischen Gesinnungen für Unwohlsein zu sorgen“.

In der Tat äußern viele einheimische – also deutschstämmige – Zuschauer ihren Ärger darüber, daß nicht nur im Fußball deutsche Sportler vermehrt durch Ausländer dank des jeweiligen Doppelpasses verdrängt werden. Auf der anderen Seite ist das Ringen um begabte junge Spieler, denen durch Herkunft, Leistung und doppelte Staatsbürgerschaft die Fußballwelt ein Stück weit offensteht, „eines der großen Zukunftsthemen der Nationalmannschaft – nicht nur in Deutschland“, konstatiert DFB-Geschäftsführer Andreas Rettig gegenüber der „SZ“. Er verweist auf Beispiele in der Schweiz, wo sich das Thema ebenso wie hier allein aus den demographischen Entwicklungen ergebe: Im Nachbarland haben nach staatlichen Angaben 40 Prozent der Über-15-Jährigen einen Migrationshintergrund. Jüngste Statistiken zeigen, daß hierzulande 43 Prozent aller Kinder unter fünf Jahren nicht-deutsche Wurzeln haben.

Der DFB sieht sich daher häufig in der Lage eines Vereins, der seine Spitzentalente vor dem Zugriff ausländischer Konkurrenz zu bewahren versucht. Unter der Überschrift „Das Herz ist größer als der Bundesadler“ berichtete die SZ, wie Sportdirektor Rudi Völler, U-21-Trainer di Salvo und Andreas Rettig im Februar 2024 in Nürnberg mit dem damals 18jährigen Can Uzun zusammensaßen, um ihn für ein Bekenntnis zum deutschen Fußball zu bewegen – vergebens. Uzun, als Sohn türkischer Eltern in Regensburg geboren, spielte damals beim Club in Nürnberg und brachte seinen Vater sowie einen Berater mit zum Gespräch. Am anderen Tag teilte der Senior die Absage seines Sohnes mit. „Ich habe auf mein Herz gehört“, erklärte Can Uzun später. „So eine Entscheidung ist keine Karrierefrage wie bei einem Vereinswechsel, sondern eine Herzensentscheidung.“ Ähnlich begründete Hoffenheims 23jähriger Spieler Fisnik Asllani, warum er für Kosovo, das Land seiner Eltern, und nicht für die Mannschaft der Bundesrepublik Deutschland spielen möchte, obwohl er in Berlin geboren und aufgewachsen ist. Eine patriotische Entscheidung traf auch Kenan Yildiz, geboren in Regensburg, ausgebildet beim FC Bayern, jetzt ein Star bei Juventus Turin und wie Can Uzun Stammspieler der türkischen Nationalelf.

Daß die mittlerweile zur Staatsdoktrin avancierte Trias „Vielfalt, Weltoffenheit und Toleranz“ automatisch zu gesellschaftlicher Bereicherung führt, glaubt heute niemand mehr. Überfremdung, Parallelgesellschaften, Kriminalität und erhöhte Staatskosten sind die Kehrseite. Das wird zwar gern unterschlagen, ist aber täglich in irgendeiner Form in allen Medien zu lesen, zu hören oder zu sehen. Das linksgrüne Zauberwort heißt nach wie vor „Toleranz“. Ein fast historisches Beispiel ist Potsdam. Am 10. Oktober 2008 gab sich Brandenburgs Hauptstadt ein „neues Toleranzedikt“; es sei das Ergebnis eines über acht Monate hinweg geführten offenen und breiten Stadtgesprächs. In einem entsprechenden Newsletter heißt es:

„Das neue Potsdamer Toleranzedikt beschreibt das demokratische Selbstverständnis der Potsdamer Bürgerschaft. Es ist ein Bekenntnis zu Weltoffenheit und Toleranz. Das neue Edikt lehnt sich an das historische Edikt von Potsdam (1685) an. Die Auswirkungen des alten Edikts prägten Potsdam und bereichern die Stadt noch heute. Dieses Erbe lehrt, was gelungene Integration bedeutet… Potsdam erfindet sich neu. Die vielfältige Stadtgesellschaft ist wieder erwacht. Sie braucht die Toleranz wie die Luft zum Atmen.“

Was es mit dem historischen Edikt in Wahrheit auf sich hatte, schilderte die „Märkische Allgemeine“ am 7. Oktober in einem Bericht über den Historiker Alexander Schunka von der Freien Universität und seine Studentin Emily Krüger. Beide haben das Edikt, dessen Wortlaut im Berliner Hugenotten-Museum raumhoch an der Wand zu lesen ist, in modernes Deutsch übertragen. Kurfürst Friedrich Wilhelm von Brandenburg, der das Edikt 1685 im Potsdamer Schloß unterzeichnete, lud alle in Frankreich verfolgten Protestanten, die Hugenotten also, nach Preußen ein, um sich dort neu anzusiedeln. Er ermunterte die Zuwanderer zum Wiederaufbau, denn Jahrzehnte nach dem 30jährigen Krieg war Brandenburg in weiten Teilen verwaist, die Häuser verfallen und die Felder unbestellt. Durch die in der Regel hochqualifizierten Hugenotten erhoffte man sich einen Aufschwung des Manufakturwesens. Ihren Glauben durften die Zuwanderer frei in französischer Sprache ausüben. Der Kurfürst, selber Calvinist, tolerierte in Religionsfragen nur seinesgleichen, der Katholizismus war im Edikt daher ausdrücklich verboten.

Schwierigkeiten gab es nach Angaben des Historikers Schunka damals mit den Einheimischen. Schließlich mußte sogar eine Zwangsabgabe eingeführt werden, weil „die Bevölkerung in Kurbrandenburg keine Lust hatte, Hugenotten irgendwie weiterzuhelfen“. So beklagten sich 1689 die Neusiedler in Halle an der Saale, daß sie „Beleidigungen in Wort und Tat“ erleiden: „Man schlägt sie mit Knüppeln, man wirft ihnen mit Steinen die Fenster ein.“ Da es auch einige Erwerbslose unter den Hugenotten gab, durften sie (und nur sie) nach Berlin und dort Sänften durch den Matsch der noch ungepflasterten Gassen tragen. Ihre Kunden mußten keine Gebühr, sondern – französisch – eine taxe zahlen. Damit war auch in deutscher Sprache das Taxi-Wesen geboren.

Abgesehen von diesem verbalen Zufallsgewinn, lehrt das historische Beispiel, daß Zuwanderung ebenso wie Toleranz ihre Grenzen hat – von „Vielfalt“ und „Weltoffenheit“ ganz zu schweigen. Besonders Länder, in denen bis heute nur das Abstammungsprinzip (ius sanguinis=Blutsrecht) gilt, wehren sich gegen Bestrebungen der EU, durch Quoten-Regeln Immigranten auf alle Mitglieder zu verteilen; zu diesen Staaten gehören mit Ausnahme der Ukraine alle osteuropäischen und alle skandinavischen Länder sowie Belgien, Italien, die Niederlande und Österreich. Doch auch in Staaten wie Deutschland, in denen primär das Prinzip des Geburtsorts (ius soli=Bodenrecht) in Kraft ist, rührt sich allmählich Widerstand – kein Wunder: 2024 hatten knapp 25,2 Millionen der 82,8 Millionen Einwohner einen Migrationshintergrund. Das entspricht einem Anteil von 30,4 Prozent an der Gesamtbevölkerung (Bundeszentrale für politische Bildung vom 7. 7. 2025). Der staatlich forcierte „Kampf gegen Rechts“, der allen Kritikern wegen angeblicher Minderheiten- und Ausländerfeindlichkeit ständig „Haß und Hetze“ vorwirft, dürfte am Unmut der deutschen Bevölkerung somit nichts ändern.