Twitter heiรt jetzt X, sonst รคndert sich nix? Tatsรคchlich hat sich viel geรคndert, seit Musk 2022 die Plattform kaufte. Die Meinungsfreiheit hat auf X Ausmaรe angenommen, die einen fast zu dem Glauben bewegen kรถnnten, sie wรผrde hier ernst genommen.
Viel hat sich geรคndert, aber eben nicht alles. Ein neuer Chef kann den Groรteil der Belegschaft entlassen, aber bei einem globalen Unternehmen wie X kann auch kein Musk jede Abteilung an jedem Standort persรถnlich durchleuchten. Und so kommt es, dass sich im deutschsprachigen X von Zeit zu Zeit immer noch versprengte einzelne Diskurswรคchter der alten Zeit berufen sehen, zu โshadowbannenโ, Reichweiten einzuschrรคnken, Posts auszublenden oder ihr Bewerben zu verhindern. Doch das legt sich.
Die Zensoren sind die รberbleibsel des Meinungsregimes, das einen Spielplatz verloren hat. Dadurch konnte X zum wichtigsten Forum mainstream-alternativer und rechter Standpunkte werden. Doch gerade im deutschsprachigen Raum ist X im Vergleich zu anderen sozialen Medien nur ein Nischenphรคnomen: Etwa 10 Millionen regelmรครige X-Nutzer stehen mehr als 26 Millionen TikTok-Nutzern oder 47 Millionen Instagram-Nutzern gegenรผber. Facebook hat in Deutschland immer noch mehr als 32 Millionen Nutzer, WhatsApp sogar etwa 60 Millionen.
Dafรผr stimmt die Qualitรคt: Aus Protest gegen Musks Verhalten und รuรerungen wurden zahlreiche uninteressante Accounts deaktiviert. Twitter hat sich mit der Umbenennung in X gesundgeschrumpft. Und immerhin hat X bereits mehr Nutzer als die Vorgรคnger-Plattform fรผr dissidente Meinungen, Telegram. Den russischen Messenger nutzen im Vergleich nur knapp 8 Millionen Deutsche. Also sieht doch wenigstens dieser Bereich vielversprechend aus? Tatsรคchlich wurde X erfolgreich von rechts gekapert.
Wo Meinungsfreiheit herrscht, gewinnt eben das bessere Argument, und das kommt nun mal von diesseits des Mainstreams. Hier fรคngt die Verwirrung an: Der Glaube an die Wahrheitsfindung durch die endlose Diskussion ist ein von Grund auf liberaler Gedanke. Wenn man nur genug diskutiert, fรคnde man schon heraus, was richtig und was falsch sei. Im โherrschaftsfreien Diskursโ (Habermas) sei die Wahrheit einer Aussage die einzige Autoritรคt. Schรถn wรคrโs. Vor die Frage โChristus oder Barabbas?โ gestellt, wรผrde der Liberale im Brustton der รberzeugung mit โOder!โ antworten. Statt einen eigenen Standpunkt zu vertreten, ist das andauernde Abwรคgen und Diskutieren der moralische Strohhalm, an den der Liberale sich klammert. Er ist seine Tugend und seine Schwรคche. Denn dies ist der Standpunkt der Standpunktlosigkeit. Offenheit fรผr Argumente ist richtig โ aber immer offen kann nur sein, wen gar nichts รผberzeugt. Wer von der schieren Kraft des besseren Arguments beflissen ist, bereitet das Feld fรผr jene, die um die rohe Kraft der besseren Rhetorik wissen.
Wir wissen glรผcklicherweise, dass eine Aussage, nur weil sie richtig ist, noch lange niemanden รผberzeugt. Wessen Incel-Zeitvertreib darin besteht, in Kommentarspalten zu diskutieren, der lernt diese nervtรถtende Lektion Tag fรผr Tag aufs Neue.
Und tatsรคchlich sind die endlosen Feeds der sozialen Medien und die ellenlangen Fรคden auf X genau das endlose Gesprรคch, das der Liberale sich wรผnscht. Statt sich festzulegen und fรผr seine รberzeugungen Konsequenzen tragen zu mรผssen, suhlt man sich in der penetrant zur Schau gestellten Toleranz. Es ist angenehm, zu fordern, und unangenehm, zu liefern.
Die Meinungsfreiheit auf X darf Liberalismuskritiker โ also all jene, die mehr als nur reden wollen โ nicht tรคuschen. Sie wirkt gegenwรคrtig attraktiv, weil sie von rechts dominiert wird. Der imaginierte freie Meinungsaustausch sowie die Kraft des besseren Arguments, sind Ideale und als solche nicht real. Rechtstwitter (das konsequenterweise nun auch RechtsX heiรen mรผsste) ist eine Blase, in welcher endlos Memes, News und Statements umeinanderkreisen. Mit dem freien Ideenwettbewerb hat das nichts zu tun. Wie gezeigt, kann es diesen auch nicht geben, denn jedes Machtvakuum wird von auรen gefรผllt. Heiรt: Der freie Diskurs unterliegt, sobald es gelingt, schlechte Ideen gut vorzutragen. Die wirklich offene Debatte endet, sobald auch nur ein Teilnehmer mit der Offenheit nicht einverstanden ist. Wie man etwas sagt, ist eben oft wichtiger, als was man sagt, oder wie man offline handelt. Anders sind die immer noch wรคhrenden Erfolge etablierter Parteien nicht zu erklรคren.
Auch die auf X perfektionierte Blasenbildung ist eine Folge der Unmรถglichkeit des offenen Diskurses. Die Nutzer hรถren den Gegenmeinungen oft schlicht nicht zu und bewegen sich stattdessen lieber in befriedeten Bereichen. Der Algorithmus tut sein รbriges, um die Nutzer bei Laune und die ihm missliebige Meinung auรen vor zu halten.
Dies alles ist bei weitem kein Boykottaufruf. Im Gegenteil ist X zu einem wichtigen Schauplatz der politischen Auseinandersetzung geworden. Mit gutem Grund hat sich die Bezeichnung der Rรถmer fรผr ihren รถffentlichen Versammlungsplatz erhalten: das Forum. Aber X ist eben nur ein Forum neben weiteren und sollte nicht verabsolutiert werden. Die digitale Welt hat auch einen Nachteil. Berechtigte Empรถrung verpufft wirkungslos, wenn sie nur zum nรคchsten wรผtenden Post fรผhrt, der nur von denen gelesen wird, die die Botschaft ohnehin kennen. Soziale Medien kanalisieren und neutralisieren Unzufriedenheit.
Die Beteiligung am ewigen Gesprรคch ist verlockend. Doch wie immer ist sie fruchtlos. Auf dem Forum wird nichts erschaffen. Geh raus.

