Höcke bei Ben – Normalisierung, die sich nicht aufhalten lässt

5. Mai 2026
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Der Höcke-Auftritt bei Ben Berndts „Ungeskriptet“-Podcast schlägt selbst eine knappe Woche später noch hohe Wellen: Über drei Millionen Aufrufe, 70.000 Kommentare und immer noch beinahe minütlich erscheinende empörte Artikel von Medien wie „Stern“, „Frankfurter Rundschau“ und „Focus“, um mich auf die letzten 24 Stunden zu beschränken.

Schon im Nachgespräch meines Auftritts dort vergangenes Jahr, beim Italiener um die Ecke, hatte ich verwundert angemerkt, dass die große mediale Cancel-Kampagne gegen ihn bislang ausgeblieben war. Er konnte sich das selbst nicht so recht erklären, gemessen an der Dichte dem Mainstream unliebsamer Gäste, die seine Sendung damals schon aufwies. Der momentane Großangriff offenbart einen Grund: Sie sind relativ machtlos gegen ihn.

Ben hat keine großen Werbepartner, auf die er angewiesen wäre. Er ist zu groß, als dass er allein für die falschen Podcastgäste und „fehlende Einordnungen“ von YouTube, Spotify und Co. fliegen würde, wenn man nur genug Artikel schreibt. Gleichzeitig macht ihn die anhaltende Kampagne nun endgültig landesweit bekannt. Und man kommt trotz größter Bemühungen kaum darum herum, ihn in den Augen des Otto-Normalos als interessante Alternative zur ewig gleichen Diskussionsrunde bei Lanz zu skizzieren, bei der vom Linken-Chef bis Höcke jeder erdenkliche Gast sitzt.

Das eigentliche Problem des Mainstreams ist natürlich nicht Ben Berndt. Der Aufstieg eines offenen Podcasts-Formats, das sich nicht an ihre Spielregeln hält, sondern sich alleine an öffentlichem Interesse orientiert, war auf Dauer vorprogrammiert. Ihr Kernproblem ist, dass sie eine derart komplexe Matrix aus Wertungen, Ausblendungen und Lügen erschaffen haben, dass es einer aufwändig einstudierten Anordnung bedarf, sie für die Dauer einer Talkshow gegen einen Eindringling zu verteidigen. 

Neben dem offiziellen Gesprächsgegner wären da die „Experten“, die alle paar Takte naserümpfend ins Bild geschnitten werden, wenn der Rechte redet. Der mitdebattierende „Moderator“, der das Thema wechselt, sobald es trotzdem kritisch wird. Der einseitige Faktencheck jeder Nachkommastelle in Echtzeit. Der irgendwann obligatorisch erfolgende dramatische Einwurf: „Herr Höcke, entschuldigen Sie, dass ich da unterbreche. Aber das, was Sie gerade gesagt haben… meinen Sie das wirklich ernst?“ 

Und selbst mit all diesen Sicherheitsvorkehrungen trauen sie sich Höcke nicht zu. Sein letzter Auftritt in einer öffentlich-rechtlichen Talkshow fand vor fast elf Jahren in der ARD-Sendung „Günther Jauch“ statt; dort stammt auch das bis heute beliebte Meme von ihm im Talkshowsessel mit der Deutschlandfahne her. Das Format selber gibt es seit über zehn Jahren nicht mehr. In den letzten drei Jahren war Rüdiger Lucassen andererseits dreimal bei Lanz und einmal bei „Hart aber Fair“.

Auch in dem beschriebenen Setup wählt man die Gäste also nach Beißhemmungen, Gefallsucht und Abwesenheit eines Konkurrenzweltbildes aus, um sich doppelt abzusichern. Diese Kriterien stechen öffentliches Interesse offenkundig aus, welches bei einer Höcke-Runde selbstredend um ein Vielfaches höher wäre, als es das bei Lucassens Auftritten war. Interessant ist, dass selbst Co-Parteichef Chrupalla in Sachen ÖRR-Talkshows gegenüber der stellvertretenden Fraktionsvorsitzenden seiner Partei abstinkt: Von Storch landet im „Meedia“-Ranking der meisten Auftritte vergangenes Jahr nebst Weidel mit je drei Sendungen auf Platz eins in der AfD, während Chrupalla gar nicht gelistet wird.

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Dass ein langes, nicht scharf geführtes Gespräch so bedrohlich für sie ist, liegt aber nicht nur daran, wie fragil und widersprüchlich ihr Leitnarrativ hinter dieser medialen Brandmauer geworden ist. Genauso dürfte es sie schmerzen, dass Höcke über die viereinhalb Stunden als Typ emotional greifbarer wird. Denn während Weltanschauungen zu starr sind, um von einem einzelnen solchen Auftritt massenhaft bedeutsam verändert zu werden, lässt sich ein dämonisches Zerrbild eben tatsächlich in einer Sitzung aus den Köpfen vertreiben, in denen es sich festgesetzt hat. 

Die im Mainstream betriebene Entmenschlichung von uns ist allerdings genauso notwendig wie das Niederbrüllen unserer politischen Überzeugungen. Wenn unsere Einwände und Blickwinkel nicht mehr direkt emotional verworfen werden, bevor sie den Raum der rationalen Abwägung überhaupt erreichen, haben sie schon fast verloren. Tatsächlich halte ich ihre inhaltlichen Appelle meist für Beiwerk, das die emotional erzwungene Akzeptanz absurder Standpunkte gesichtswahrender möglich machen soll.

Genau aus diesem Grund sucht man jegliches Menscheln, wie es bei Altpartei-Politikern häufig sogar den Einstieg in die Gesprächsrunde darstellt, in allen 42 Talkshows mit AfD-Beteiligung seit 2021 vergeblich. Das Gegenüber ist ein gefährliches Raubtier, das von einem eingespielten Dompteur-Team gehandhabt werden muss. Jedes Aufblitzen von Betroffenheit ist kalkulierte Manipulation, jede Klage die Flucht in die Opferrolle.

Nun interessiert es natürlich Millionen von Deutschen, wie der medial an die Wand gemalte Teufel der Nation eigentlich so ist, wenn man sich mit ihm auf einen Kaffee trifft. Also normal, ohne Rodeoclowns, die bei jedem fünften Satz aus seinem Mund in die Manege springen. 

Dämonische Zerrbilder schaffen immer auch Faszination. Und auf lange Sicht führt diese Faszination zu einer Bühne wie Bens, auf der das Zerrbild wiederum Risse bekommt. Wegcanceln werden sie die kaum können, dafür nimmt Ben sich selbst politisch zu stark zurück, sein Gästespektrum ist zu breit und seine Sendung zu groß. Und letzteren Faktor bauen sie mit der andauernden Kampagne jeden Tag aus.  

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