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Konfettiregen

5. Dezember 2021
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Beim letzten sonntรคglichen Waldspaziergang kam die Debatte um meine Lieblingsjahreszeit auf. Ich druckste rum und fand keine schlagfertige Antwort. Furchtbar. Vermutlich ist es die Zeit zwischen Winter und Frรผhling. Wenn alles erwacht, die Sonne mit mir um die Wette strahlt und das Gras wieder grรผn wird. Wobei das wohl einer eine Phase ist, anstatt einer konkreten Jahreszeit. Wie dem auch sei.

Ein paar Tage spรคter beschรคftigt mich das Thema immer noch. Und ich staune รผber mich selbst, wie ich meinem Gegenรผber eine prรคzise Antwort verwehren konnte. Inzwischen ist es mir aber wieder eingefallen. Es ist weder Frรผhling, Sommer, noch Herbst oder Winter. Es ist die fรผnfte Jahreszeit – Karneval!

Montagabend, kurz nach sieben Uhr. Ich bin seit knapp 14 Stunden auf den Beinen aber nun geht es erst richtig los. Schnell noch die Turnschuhe angezogen und dann: Aufstellung. Die Musik lรคuft, die Schritte werden einstudiert und wiederholt und wiederholt und wiederholt.ย Rechts, links, rechts, Drehung, Knie hoch, Bein noch hรถherโ€ฆ

Die ganze Zeit hรคmmert es im Kopf, dass der Auftritt immer nรคher rรผckt. Aber man steht noch hier, in seiner Jogginghose, kaputt vom Tag und leicht angespannt, ob man die fรผnf Minuten Gardetanz auch vernรผnftig รผber die Bรผhne bringen wird. Doch bevor man noch weiter mit seinen Gedanken abschweift, da geht es schon weiter. Nach zwei Stunden und der alles entscheiden Frage,ย โ€ždreh ich mich jetzt rechts oder links herum?โ€œ, auf welche zumeist die Antwortย โ€žrechts rum Klara!! Reeechts!!โ€œย folgt, falle ich erschรถpft auf den Autositz und fahre nach Hause. Erschรถpft aber zufrieden.

Am Freitagabend folgt dann das Gegenstรผck – die Proben des Mรคnnerballetts. In diesem Jahre wurde mir die รผberaus herausfordernde Aufgabe zu Teil, ein Dutzend Mรคnner zu trainieren.ย Mir. An etlichen Freitagabenden. Meine Begeisterung hielt sich anfangs in Grenzen, aber mein Pflichtbewusstsein und meine jahrzehntelange Mitgliedschaft lieรŸen mich die Situation dann doch besser verkraften als ursprรผnglich angenommen. Das Gute an den Abenden: sie verlaufen vรถllig kontrรคr zu den durchorganisierten Proben von uns Mรคdels.

Bevor es losgeht, werden erst einmal einige Biere vernichtet. Angeheitert betreten die Mรคnner den Saal, schauen mich an. Ich stehe da, alle warten darauf, was ich verkรผnden werde.ย Und ich soll jetzt diesen Burschen sagen, wie und wann sie was zu tanzen haben?!ย Zu meiner รœberraschung hรถren alle aufs Wort. Wahnsinn. Die Truppe anfรผhren? – kann ich! Es macht sogar richtig SpaรŸ. Aber da gebe ich natรผrlich nicht direkt zum Besten. Sie sollen sich schlieรŸlich auch noch bei den folgenden Proben anstrengen.

Doch wozu der ganze Zirkus – รคhh Karneval? Ganz einfach: fรผr das Gefรผhl, wenn man dann wieder zum ersten Mal auf dem Parkett steht. Die Stiefel geschnรผrt. Das Gardekostรผm sitzt, der Hut auch. Zuvor wurden akribisch genau Glitzersteinchen im Gesicht angebracht. Die Musik ist noch aus. Alle warten gespannt. Das Licht der Scheinwerfer lรคsst die Anspannung noch steigen. Man schaut nochmal rechts und links von sich.ย Hab ich auch das richtige Bein angewinkelt? Ach das wird schon! Wo bleibt die Musik?!ย Ich hรถr mein Herz schlagen.

Und dann: Zack, Boom!! Der erste Takt der Liedes ertรถnt. Und es wird getanzt, als gรคbe es keinen Morgen mehr. Dieses Gefรผhl, wenn man spรผrt, dass die Schritte ins Blut รผbergegangen sind und man sich einfach nurย treiben lassenย muss – fantastisch. Man strahlt mit den Scheinwerfern um die Wette. Aber man sieht weder sich, noch die Gesichter im Publikum. Man hรถrt nur, wie alle jubeln und klatschen. Doch der Tanz ist noch nicht vorbei. Die Hรคlfte ist geschafft. Jetzt noch einmal richtig Vollgas geben. Auch, wenn die Luft schon wegbleibt. Atmen nicht vergessen.

Scheinbar sรผchtig nach Applaus, tanzt man mit noch mehr Elan und Inbrunst, als zu den Proben. Die letzten Sekunden laufen. Die Endposition wird eingenommen. Konfetti fรคllt nieder und ein Gefรผhl derย absolutenย Vollkommenheit macht sich breit. Ach, ist das schรถn.

Aufstehen. Ausmarsch. Oder doch nicht? โ€žZUUU-GAA-BE!!โ€œ, ruft das Publikum. Angeheitert von Bier, Schnaps und der guten Laune, die sich in der Luft des Saals bereitgemacht hat. Also, wieder zurรผck zur Aufstellung und noch eine Runde. So kรถnnte es von mir aus den ganzen Abend weiter gehen. Bis die Stiefel durchgetanzt sind. So geschieht es dann auch.

Nach erfolgreichen Auftritten geht es zurรผck in die Umkleide. Umziehen. Denn nach dem Programm und der letzten offiziellen Schunkelrunde folgt der Partyteil des Abends. Nicht vergessen sollte man aber, dass an der Bar schon ein frisch gezapftes Bier auf mich wartet. Ist das erstmal ausgetrunken, folgen unzรคhlige Cocktailrunden mit den Mรคdels. Und Schnapsrunden mit den Jungs.

Ich stรผrme auf die Bรผhne und sage dem Gitarristen, dass das nรคchste Lied von Wolle Petry seinย muss! Natรผrlich spielt die Band es. Freude macht sich breit. Noch schnell drei Schlucke Bier, dann das Glas weg und zurรผck auf die Tanzflรคche gestรผrmt. Wรคhrend man รผberlegt (wenn man denn noch รผberlegen kann), was man wohl als Nรคchstes beim Barkeeper bestellt, ruft man der Kellnerin nochย โ€žeinmal Pommes Schranke, bitteโ€œย zu. Da sitzt man nun also. Betrunken, glรผcklich, mit einer Portion Pommes, all seinen Freunden und Lieblings-Tanzpartnern. Um einen herum nur glรผckliche Gesichter. Kein Streit. Keine Angst vor dem Kater morgen. Einfach die wahre Wonne.

Ich bin schon bei dem Gedanken daran, ganz verliebt in dieses Szenario. Doch bevor ich mich jetzt aufrege, dass das Alles โ€žaufgrund der aktuellen Lageโ€œ nicht wie รผblich mรถglich sein wird, schwelge ich weiter in der Erinnerung der letzten Saison und diesem Gefรผhl, wie schรถn es sein wird, wieder zu tanzen.

ABOS

Bรผcher

SPIELE