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Gedichte lernen ist doch didaktisches Mittelalter

24. Februar 2022
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โ€žWie, du wirst deine zukรผnftigen Grundschulkinder echt noch Gedichte auswendig lernen lassen? Das sind doch Methoden aus dem Mittelalter, vollkommen รผberholt!โ€œ Ich lรคchle nur mรผde รผber den Kommentar meiner Kommilitonin. Wieder einmal habe ich einen Punkt auf der Checkliste โ€žWie erkenne ich einen Schwurbler im Bildungssystem?โ€œ abhaken kรถnnen. โ€žFindest du nicht, dass das die Kinder traumatisiert?โ€œ โ€žNein!โ€œ, lautet meine klare Antwort. โ€žWann wenn nicht in der Schule sollen Kinder lernen, sich Herausforderungen zu stellen und sich angemessen und diszipliniert darauf vorzubereiten?โ€œ Gerade beim Auswendiglernen von Gedichten werden Gegenargumente hervorgebracht, die sinnbildlich fรผr die derzeitige Progressivpรคdagogik stehen. Im Folgenden mรถchte ich diese Argumente aufgreifen und dabei allgemeine Tendenzen herausstellen.

Zunรคchst begrรผnde ich kurz, weshalb mir das Lernen von Gedichten so wichtig ist. Das Auswendiglernen hat nicht nur den Sinn, dass man โ€žirgendein unbekanntes Stรผck Literaturโ€œ rezitieren kann. Es besticht durch die Auseinandersetzung mit den Leistungen der eigenen Kultur und dem damit verbundenen Wissen. Das Memorieren ermรถglicht eine tiefe, zurรผckgezogene Auseinandersetzung mit der Lyrik. Fรผr mich stehen auch lebenspraktisch bedeutsame Erfahrungen im Vordergrund, abgesehen davon, dass es besonders auf das andere Geschlecht ordentlich Eindruck machen kann, wenn der Gegenรผber plรถtzlich ein zeitloses Stรผck deutscher Literatur vortrรคgt. Das Memorieren unterstรผtzt die Charakterbildung, da beim Erlernen FleiรŸ, Ausdauer und Anstrengung erforderlich sind, aber auch Mut bei der Prรคsentation vor der Klasse. In Hinblick auf die mittelalterlichen Ordnungssysteme wie das Trivium legen wir mit den Rezitationsรผbungen die Grundlage fรผr die erfolgreiche Beschรคftigung mit Argumentationen, Rhetorik und Dialektik.

Trotz all dieser offensichtlichen bedeutsamen Legitimationsansรคtze liegt die Begeisterung fรผr das Erlernen von Gedichten allgemein am Boden. Der erste groรŸe Einwand gegen das Auswendiglernen von Gedichten lautet, dass es sinnlos und veraltet sei. Dies liegt u.a. an der derzeitige Betonung der Verwertbarkeit bzw. der Unbedeutsamkeit von konkretem Wissen. Das Mantra der Kompetenzorientierung lautet, dass man die Gehirne unseres Nachwuchses nicht mit zu viel nutzlosem Wissen belasten sollte, sondern dieses Wissen immer in einem Anwendungskontext stehen sollte. Besonders wird der Nutzen der Inhalte in Hinblick auf die spรคtere Berufswelt betont. Der bekannteste Ausruf lautet: โ€žDas kรถnne man doch alles googeln!โ€œ

Doch wer Zusammenhรคnge erkennen will, der kann nicht bei jedem Gedankengang erst die Basics ergoogeln. Indem eine Atmosphรคre der Unnรถtigkeit von Wissen propagiert wird, legt man den Grundstein dafรผr, dass die jungen Menschen รผber nichts mehr tiefgrรผndiger nachdenken und Zusammenhรคnge erkennen. Ein Schelm der Bรถses dabei denkt! Es fehlen die einfachsten Grundlagen, sodass etwaige Versuche schon zu Beginn scheitern, gerade, wo Anstrengungsbereitschaft sowieso kein allzu weit verbreiteter Wert mehr ist. Durch das Memorieren erfolgt im besten Fall eine viel tiefere Beschรคftigung mit den Inhalten. Erst wenn bestimmte Grundlagen auswendig gelernt sind, kรถnnen auch schwierigere und komplexere Anwendungsaufgaben bewรคltigt werden. Auch in einer Diskussion macht man sich nicht glaubwรผrdig, wenn jedes Argument erst zusammengoogelt werden muss. Und zu guter Letzt kann schon der gesunde Menschenverstand erkennen, dass ein abgelesenes Gedicht beim Date nicht das gleiche Flair versprรผht, als wenn man sich dabei in die Augen sehen kann, da man es auswendig beherrscht.

Das zweite Gegenargument bezieht sich auf die charakterlichen und sozialen Implikationen. Gesagt wird, dass das Auswendiglernen die Kinder รผberfordern wรผrde. Selbstverstรคndlich erfordert es eine ordentliche Portion Leistung, Disziplin und FleiรŸ. In der Grundschule werden die Grundlagen fรผr Lernstrategien gelegt. Die Kinder sind noch in einem Alter, in dem sie sehr gut und gerne etwas auswendig lernen. Dies sollte unbedingt genutzt werden, um den Kindern erfolgreiche Lernstrategien fรผr das Auswendiglernen beizubringen, die unglaublich nรผtzlich fรผr ihre weitere Schullaufbahn sind.

Kinder leben vorrangig im Moment und verstehen oft noch nicht, welche zukรผnftigen Auswirkungen ihre Anstrengungen fรผr ihre Leistungen und ihr Leben haben werden. Fรผr diese Erkenntnis mรผssen sie von den Erwachsenen an die Hand genommen werden. Durch die Wertschรคtzung ihrer Arbeit und Anstrengung durch die Erwachsenen messen wir diesen in den Augen der Kinder Wert bei. โ€žDisziplin beginnt immer fremdbestimmt und sollte selbstbestimmt endenโ€œ, schreibt der langjรคhrige Schulleiter Bernhard Bueb.

Die Kinder sollten spรคtestens im โ€žSchonraum Schuleโ€œ lernen, dass ihnen im Leben selten etwas geschenkt wird. Fรผr Erfolg bedarf es Anstrengung, Verzicht und Durchhaltevermรถgen. Auch sieht man den Erfolg nicht immer gleich und manchmal bleibt er gar aus. Die Schule kann nicht die Illusion aufrechterhalten, dass es im Leben wie bei Pippi Langstrumpf zugeht oder einem alles zugeflogen kommt. Diese Ansicht steht der derzeitigen Entlastungspรคdagogik deutlich entgegen. Alles, was keinen SpaรŸ macht und lรคngerfristige Anstrengung benรถtigt, wird von den Kindern ferngehalten. Diesem Phรคnomen werde ich den nรคchsten Artikel widmen.

Deshalb kommen wir gleich zu den sozialen Faktoren beim Prรคsentieren der Gedichte. Dies wรผrde die Kinder nachhaltig traumatisieren und vereinzeln, denn das Erlernte muss in einer โ€žStresssituationโ€œ punktuell abgerufen werden kรถnnen und zwar allein โ€“ ohne den Rรผckhalt der Gruppe. Kinder etwas vortragen zu lassen, ohne dass sie dabei in eine Rolle schlรผpfen, ist nach meinem Empfinden eine schwindende Erscheinung in der Grundschule. Immer stรคrker gewinnen Rollen- und Theaterspiele an Bedeutung. Vortrรคge werden in Gruppen gehalten. Es ist eine steile These, aber mir erscheinen hier Vergemeinschaftungstendenzen am Werk. Der junge Mensch soll sich nicht mehr aus der Gruppe heraustrauen und fรผr sich allein stehen. Keine Einzelleistungen werden mehr herausgehoben. Lieber werden Gruppennoten verteilt, bei denen sich jeder hinter jedem verstecken kann.

Zusammenfassend ist es durchaus nicht kleinzureden, dass das Auswendiglernen fรผr die Kinder eine Herausforderung darstellt. Wenn wir Kinder jedoch immer vor Herausforderungen in Schutz nehmen und sie nicht behutsam und altersgemรครŸ daran heranfรผhren, ist es kein Wunder, wenn sie spรคter daran scheitern oder sie sich diesen entziehen werden. Die Lรถsung sollte somit nicht sein, die Leistungsanforderungen zu negieren oder abzuschaffen, sondern die Kinder ansprechend, leistungsorientiert und mit Weitblick darauf vorzubereiten.

Ich wรผrde mir wรผnschen, dass an Kinder hohe Anforderungen gestellt werden – maรŸvoll mit Verstand und Herz. Kinder wollen etwas leisten, doch dafรผr braucht es ein Fundament. Wir sollten ihnen das beste Wissens- und Charakterfundament hierfรผr bieten. Wenn es nach mir geht, gern mithilfe einiger schรถner auswendig gelernter Gedichte.

ABOS

Bรผcher

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