Am Morgen des 4. April 1978 war Woody Allen seiner Zeit um Jahrzehnte voraus. Der zurรผckliegende Abend hatte lange gedauert, die allmontรคgliche Jazz-Session im New Yorker Carlyle Hotel sich ziemlich lang hingezogen. Woody und seine Kumpels waren echt gut drauf gewesen, das Publikum sowieso. Und nun war der Dienstagmorgen angebrochen und auf der Fuรmatte lag wie gewรถhnlich eine Ausgabe der โNew York Timesโ, die Woody Allen schon auf der Titelseite erzรคhlte, wie der gestrige Abend gelaufen war. Also nicht bei der Jazz-Session mit den Kumpels in New York, sondern in Los Angeles. Bei der Oscarverleihung. Und siehe da, Woody Allens Film โAnnie Hallโ (Deutscher Titel: โDie Stadtneurotikerโ) war der groรe Gewinner des Abends gewesen.
Zugegeben, in der Kategorie โBester Hauptdarstellerโ war Woody Allen leer ausgegangen, aber in den nicht minder prestigetrรคchtigen Kategorien โBeste Regieโ und โBestes originales Drehbuchโ hatte er gestern Abend abgesahnt. Erfreut nahm Woody Allen den Sieg seiner Muse Diane Keaton fรผr die Titelrolle der Annie Hall in der Kategorie โBeste Hauptdarstellerinโ zur Kenntnis, da er wusste, wie wichtig ihr dieser Preis war und wie nรผtzlich er noch werden kรถnnte, wenn Diane die fรผr Schauspielerinnen kritische Marke von 40 Jahren รผberschritten hรคtte.
Dann widmete Woody Allen sich dem Drehbuch fรผr seinen nรคchsten Streifen โManhatten.โ Mit โAnnie Hallโ hatte Woody Allen sich seit der Kinopremiere im letzten Jahr nicht mehr beschรคftigt und die breite Masse des amerikanischen Publikums weder davor noch danach. Die Presse รผberschlug sich mit Geschichten รผber den frischgebackenen Oscarpreistrรคger, der die Eitelkeit besessen hatte, die Einladung zur Oscarverleihung trotz mehrfacher Nominierungen einfach sausen zu lassen. So sollte Woody Allen es auch in den folgenden Jahrzehnten halten, da er und seine Filme stรคndig mit Nominierungen in den tollsten Kategorien bedacht wurden, ohne dass Woody sich auch nur bei einer einzigen Oscarverleihung blicken lieร, auch nicht 1987, als er fรผr โHannah and her sistersโ (Deutscher Titel: โHannah und ihre Schwesternโ) schon wieder in der Kategorie โBestes originales Drehbuchโ gewann.
Erst im Frรผhling 2002 lieร Woody sich zu einer Ausnahme รผberreden, da die Oscarverleihung ganz im Zeichen der Stadt New York und ihrer Wunden vom 11. September 2001 stehen sollte. Da durfte der bekennende Sohn der Stadt nicht fehlen. Bei der Oscarverleihung 2012 glรคnzte Woody Allen hingegen schon wieder mit Abwesenheit, als er fรผr โMidnigt in Parisโ abermals den Oscar fรผr das beste originale Drehbuch abrรคumte. Aber was sollte Woody tun? Die Kumpels bei der Jazz-Session im Stich lassen?
Nur das Gerรผcht, Woody Allen habe seine eigene Adoptivtochter geheiratet, hรคlt sich bis heute noch hartnรคckiger als der Vorwurf, Woody Allen wolle mit seiner demonstrativen Ignoranz gegenรผber dem mit Abstand begehrtesten Filmpreis der Welt lediglich eine Starallรผre der besonderen Art fรผr bedienen; ein Zeichen an sein snobistisches Publikum setzen, das wahrscheinlich zu 90 Prozent aus Akademikerinnen in Westdeutschland und Paris bestรผnde.
Doch weit gefehlt, selbst wenn jeder Woody-Allen-Film allein in Paris mehr Zuschauer ins Kino lockte als in den gesamten USA. Woody Allen hatte einfach nur schon 1978 die Sinnlosigkeit dieses Preises erkannt. Aber lassen wir den Meister doch einmal in seiner Biographie โGanz nebenbeiโ aus dem Jahr 2020 selber zu Wort kommen:
โEr [der Film โAnnie Hallโ, Anm. U. B. Kantโ] wurde fรผr mehrere Oscars nominiert. Am Abend der Verleihung spielte ich Jazz in New York โ den โJackass Bluesโ, den King Oliver berรผhmt gemacht hat, das weiร ich noch. Aber auch ohne den Auftritt als Ausrede wรคre ich nicht hingegangen. Ich halte nichts von Preisen fรผr Kunst. Kunst macht man nicht fรผr Wettbewerbe, sondern um einen Drang zu stillen โ und hoffentlich ein paar Leute zu unterhalten. Das Urteil irgendwelcher Klรผngel รผber den besten Film, das beste Buch oder den wertvollsten Schauspieler interessiert mich nicht die Bohne. Aber ich will fรผr dieses Thema nicht noch mehr Schreibmaschinenband verschwendenโฆโ
Woody Allen, โGanz nebenbei.โ, S. 218, Hamburg 2020. Aufgrund unbewiesener Missbrauchsvorwรผrfe von 1992 nicht verรถffentlicht. Forderungen nach Zensur in Deutschland unter anderem von Margarte Stokowski und Sascha Lobo.
Bereits beim Presserummel 1978 vertrat Woody Allen die Auffassung, Kunst sei etwas viel zu subjektives, um objektiv in Kategorien wie โBestes originales Drehbuchโ oder โBeste Regieโ verglichen zu werden. Diese Subjektivitรคt unterscheide die Kunst vom Sport. Hier kรถnne jeder objektiv feststellen, wer schneller lรคuft und weiter springt. Und diese Wettbewerbe habe er damals auf dem Schulhof, der hypochondrischen Kunstfigur Woody Allen zum Trotz, immer gewonnen.
Und welche Oscarverleihung hรคtte sich besser geeignet, deren Absurditรคt zu karikieren, als jene von 1978? Woody Allen selbst vermutet, sein Film โAnnie Hallโ sei bis heute vielleicht einer der Filme mit dem geringsten Einspielergebnis, der jemals den Oscar in der Kategorie โBester Filmโ gewann. Aber um โStar Warsโ mit seinem Milliardenpublikum auszustechen reichte es. Woody Allen stach in den Kategorien โBeste Regieโ und โBestes Drehbuchโ den ebenfalls nominierten George Lucas aus. Zugegeben, der beste Schauspielfรผhrer ist George Lucas mit seiner angeblich einzigen Anweisung (โYou know, faster and more intense!โ) nie geworden und auch wenn es um das Schreiben von Dialogen geht, dรผrfte Woody Allen (โDas Essen in diesem Restaurant schmeckt grauenhaft und die Portionen sind zu kleinโ) George Lucas รผberlegen sein (โGouverneur Tarkin. Ich hรคtte drauf kรถnnen mรผssen, dass Vader nach Eurer Pfeife tanzt. Ich habe Euren fauligen Gestank schon erkannt als ich an Bord gebracht wurdeโ โHm. Charmant bis zuletzt.โ). Aber โDie Stadtneurotikerโ als besten Film des Jahres dem Urknall des โStar-Warsโ-Universums vorziehen?!
Natรผrlich war es nicht die erste und blieb auch nicht die letzte zweifelhafte Entscheidung der Oscar-Jury. Im Katastrophenjahr 1968 atmete der Film frischen Wind. Nicht dank der RAF-Sympathisanten im westdeutschen Subventionsfilm, dafรผr im amerikanischen Horror-Genre mit Roman Polanskis โRosemaries Babyโ, im Italo-Western durch Sergio Leones โSpiel mir das Lied vom Todโ und allen voran in der Science Fiction dank Stanley Kubricks โ2001-Odysee im Weltraumโ. Den Oscar als bester Film des Jahres 1968 gewann dann aber der Kostรผmfilm โOliverโ. Schon mal gesehen? Ich auch nicht.
Im Jahr 1995 hรคtte die Jury derartig aus dem Vollen schรถpfen kรถnnen! 1995 lieร Martin Scorsese โCasinoโ vom Stapel, jagten sich Al Pacino und Robert De Niro in Michael Manns โHeatโ bei Nacht und Scheinwerferlicht รผber den Flughafen von Los Angeles, reichte der Besiegte dem Sieger noch im Augenblick des Sterbens auf eine respektbekundende Weise die Hand, wie sie nur in der Mรคnnerwelt vorkommen kann. Und hรคtte Oliver Stone nur auf zehn Minuten seines linken Bekehrungs-und Gesinnungskitsches verzichtet, ihm wรคre mit โNixonโ eine Tragรถdie von fast Shakespeareโscher Grรถรe gelungen. Aber der Oscar fรผr den besten Film des Jahres ging dann an โBraveheartโ und keiner weiร warum. Wahrscheinlich weil US-Amerikaner schon immer ihre seltsamen Vorlieben fรผr Unabhรคngigkeitskรคmpfe gegen die englische Krone hatten. Und mit โShakespeare in Loveโ von 1998 fangen wie hier gar nicht erst an…
Ich habe keine Ahnung, wer dieses Jahr bei den Oscars nominiert ist, aber wer auch immer in der Kategorie โBeste Regieโ leer ausgeht, er kann sich darรผber hinwegtrรถsten, so wenigstens in einer Reihe mit Regisseuren wie Ernst Lubitsch, Fritz Lang, Alfred Hitchcock, Stanley Kubrick, Sergio Leone oder Sidney Lumet zu stehen, die allesamt nie einen Regie-Oscar gewannen. Vielleicht gehรถrt ja bald auch Ridley Scott dazu. Soviel zur Gรผteklasse des Regie-Oscars.
Ebenso lรคcherlich hรคtte sich die Jury beinahe in den Kategorien โBeste (adaptierte/originale) Filmmusikโ gemacht, als sie den Jahrhundertkomponisten Ennio Morricone wieder und wieder und immer wieder leer ausgingen lieรen – selbst fรผr dessen zauberhafte Klรคnge in dem Kolonialfilm โThe Missionโ von 1986, in dessen Rahmen die Hauptfigur vielleicht zu Recht bemerkt, ein einziges Orchester hรคtte genรผgt, um einen ganzen Kontinent zu erobern. Fรผr die groรen Melodien in โSpiel mir das Lied vom Todโ, โ1900โ, โEs war einmal in Amerikaโ oder โCinema Paradisoโ wurde Morricone gar nicht erst nominiert. Kurz vor Morricones Tod kratzte die Jury gerade noch die Kurve und verlieh Morricone fรผr die solide Auftragsarbeit zu Quentin Tarantinos โThe Hateful Eightโ einen Goldjungen, der in Wahrheit ein verkappter Lebenswerk-Oscar war.
Aber fรผr verkappte Lebenswerk-Ehrungen wurden die Kategorien โBester Nebendarstellerโ oder โBeste Nebendarstellerinโ ja auch regelmรครig zweckentfremdet. Immer wieder in groรen Rollen glรคnzen und dafรผr gar nicht erst nominiert werden, bei den Hauptrollen-Oscars mehrmals leer ausgehen – aber am Ende fรผr drei, vier anstรคndig dargebotene Szenen den Nebenrollen-Oscar gewinnen. Ja, vielen Dank auch! Der selige Robin Williams kann sich zu โGood Will Huntingโ ja nicht mehr รคuรern, aber sprechen Sie bei Gelegenheit mal die wunderbare Judy Dench auf ihre Rolle in โ ach nein, mit โShakespeare in Loveโ wollten wir hier ja gar nicht erst anfangen. Aber die Dame weiร, was ich meine.
Warum ich dann doch mit so viel angelesenem Wikipedia-Wissen รผber diesen ach so unwichtigen Preis protze? Weil ich die Oscars geliebt habe. Ja wirklich, schon als Kind haben sie mich fasziniert. Die ansprechende รsthetik der Trophรคe selbst, die ansprechende รsthetik seiner Gewinner auรer in der Kategorie โBeste visuelle Effekteโ, das Abendessen der Nominierten, die Wetten und Debatten im Vorfeld, der Abend selbst, der Umschlag mit dem Namen des Gewinners, die angespannte Stille, der anschlieรende Glorienschein des Siegers, das aufgesetzte Lรคcheln der Verlierer. Die Debatten, warum die Jury dieses Jahr wieder mal alles falsch entschieden habe. Die klare Einteilung in Frauen und Mรคnner bei den Schauspiel-Oscars, wohl wissend, wie viel hรคrter der Konkurrenzkampf bei den Mรคnnern gewesen war, es รผberhaupt unter die fรผnf Nominierten zu schaffen, wรคhrend bei den Frauen Jahr fรผr Jahr erkennbare Verlegenheit darรผber herrschte, mehr als drei herausragende Leistungen zusammenzukratzen. Ach, war das immer schรถn!
Und jetzt ist alles vorbei. Die Einschaltquoten befinden sich im freien Fall, vielleicht wird der Oscar bald gar nicht mehr im Fernsehen ausgestrahlt, genau wie sein kleiner Bruder Golden Globe, und die Gewinner werden dann per Fax informiert. Der Gang des Siegers auf die Bรผhne nach Verlesung seines Namens ist schon heute nicht mehr jener weihevolle Moment, der ein Leben in ein Vorher und ein Nachher einteilt und das Vorher nachher so erscheinen lรคsst, als sei es von Anfang an auf diesen heraushebenden Moment zugelaufen. Die Bilder zeitgenรถssischer Oscarverleihungen รคhneln noch ein bisschen jenen aus den besseren Zeiten, von deren Mythos sie von Jahr zu Jahr weniger zehren.
Die Oscars sind auf das Niveau einer staatlichen Plagiatssendung in Deutschland herabgesunken und versprรผhen kaum mehr Esprit als die โLolaโ oder der Grimme-Preis, anlรคsslich derer die Sozialisten am Tropf von GEZ und Filmfรถrderung รผber einen roten Teppich flanieren, vor den aktuellen Kameras von ARD und ZDF ihre Betroffenheit รผber den Rassismus/Sexismus/Klimawandel kundtun und bei gefรผhlt null Fernsehzuschauern um GEZ-finanzierten Preise fรผr komplett steuerfinanzierte Propagandafilme wetteifern, die, oft nicht nur gefรผhlt, null Kinozuschauer angelockt haben. Willkommen im Lipsi-Land.
Ich selbst bin zu faul, um dieses Jahr die Namen der Nominierten zu googeln, werde nicht noch einmal um drei Uhr nachts aufstehen und mich durch unzรคhlige Werbepausen quรคlen. Im Frรผhjahr 2016 gab ich bei einer Telefonumfrage noch spontan an, die drei wichtigsten Themen seien fรผr mich im Moment die sogenannte Flรผchtlingskrise, die sogenannte Inklusion an unseren รถffentlichen Schulen und die Oscar-Verleihung. War ja auch wichtig, ob Leonardo DiCaprio es mit โThe Revenantโ endlich schaffte.
Dabei hatten 2016 schon die Trends eingesetzt, die mir den Spaร an den Oscars vergรคllten. Wie bei Hรคnsel und Gretel steht bei den Oscars am Anfang allen รbels die Inflation. Der Reiz der Oscars war immer ihre Verknappung. Die Academy vergibt sie nur einmal im Jahr und in jeder Kategorie gilt: Es kann nur den Einen geben. Schon eine der fรผnf Nominierungen zu ergattern galt als Auszeichnung, die 2010 verwรคsserte, als die Anzahl der nominierten Streifen fรผr den โBesten Filmโ auf zehn anschwoll. Tja, und schon ist die Nominierung als solche nur noch halb so prestigetrรคchtig.
Von da an ging es nur noch bergab. Die Oscars fรผr die besten Schauspieler gingen fortan stรคndig an die Darstellungen historischer Figuren, die unter irgendeinem Tick, gern auch unter einer ausgewachsenen Krankheit leiden wie Collin Firth als stotternder Kรถnig Georg VI., Meryl Streep als halluzinierende Margaret Thatcher oder Gary Oldman als volltrunkener Winston Churchill. Auรer natรผrlich Daniel Day-Lewis als edelmรผtiger Sklavenbefreier Abraham Lincoln. Und doch wรคre all das alles noch ertrรคglich gewesen, denn wozu sind Oscarverleihungen schlieรlich da, wenn nicht, um nachher in der Pose des genervten Gelehrten รผber die fachlichen Fehlentscheidungen der Jury zu schimpfen? Oder รผber deren weiรe Hautfarbe wie heutzutage.
Womit wir bei der elenden Politisierung wรคren. Erst musste stรคndig der Moderator der Show gewechselt werden, weil der ursprรผngliche Kandidat frรผher einen Witz รผber Schwule gerissen oder die vermeintliche Grรถรe seines Gemรคchts gelobt hatte. Oder รผberhaupt ein Gemรคcht besaร. Dann geriet die Show endgรผltig zur evangelischen Kirchentagspredigt. Was frรผher Ausnahme gewesen war, mauserte sich mehr und mehr zur Regel. Gewann frรผher ein Werk den Oscars als โBester Filmโ, hatte es in der Regel auch zahlenmรครig die meisten Oscars abgerรคumt. Seltene Ausnahmen bildeten โDie Stadtneurotikerโ und sogar โDer Pateโ. Aber warum sollte der angeblich beste Film des Jahres nicht auch die meisten Oscars gewinnen, wenn er doch der Beste sein sollte?
Weil die politische Haltung bei einem anderen Nischenfilm besser stimmte! Achten Sie mal darauf, wie hรคufig in den letzten Jahren der Gewinner des โBesten Filmsโ sonst in kaum einer anderen Kategorie gewann, auรer in den Kategorien โBestes (adaptiertes/originales) Drehbuchโ, weil auch in diesen Kategorien die viel berรผchtigte Haltung stimmte. Musik und Maske, Kostรผme und Kulissen erfordern dann eben doch noch zu viel handwerkliches Kรถnnen jenseits eines Bekenntnisses zur richtigen Gesinnung.
Da geht 2016 ein Streifen wie โ The Revanentโ als bester Film des Jahres leer aus, damit ein belangloser โSpotlightโ abrรคumen darf, der weder den Kampf zwischen Weiรen und Indianern, noch den des Menschen gegen die Natur im Amerika des 19. Jahrhunderts erzรคhlt, dafรผr aber den Todesmut besitzt – Achtung! Achtung! Anschnallen! – die katholische Kirche zu kritisieren. Bรคhm! Das muss sich erst mal einer trauen! 2016 war auch das Jahr des #OscarSoWhite, unter dessen Kรผrzel allerlei Verschwรถrungstheorien wucherten, warum wohl im Qualitรคtswettbewerb einer privatwirtschaftlichen, nicht mit Steuergeldern subventionierten Kreativitรคtsindustrie so oft Weiรe obsiegen? Nach Donald Trumps Wahlsieg 2016 gab es kein Halten mehr. Jede Dankesrede geriet zur Buรpredigt an das ekelhaft weiรe Mehrheitspublikum, sich gefรคlligst seinen immerwรคhrenden Rassismus abzugewรถhnen. Multimillionรคre, die mit dem Privatjet nach L. A. zur Preisverleihung geflogen waren, forderten, โwirโ im Sinne von โihrโ mรผssten mal mehr Armut durch Verzicht wagen, um โdas Klimaโ zu retten.
Da rutschte eine lebende Legende wie Meryl Streep auf Iris-Berben-Niveau ab, indem sie sich in einem Saal voller Gleichgesinnten zur letzten Bastion der Pressefreiheit stilisierte. Schlieรlich brachte Meryl Streep es, unter Zusammenkratzen allen Mutes und mit absehbaren Konsequenzen fรผr ihre bรผrgerliche Existenz, doch tatsรคchlich fertig – jetzt Augen zu und durch! – Donald Trump zu kritisieren. Da kam ein Gigant mit der cineastischen Lebensleistung eines Robert De Niro auf die Bรผhne und hatte doch echt den Wagemut, seine Rede vor lauter Clinton-Wรคhlern einfach mal mit einem mordsgefรคhrlichen โFuck Trump!โ einzuleiten. Oh Mann, ein Wunder, wie der Kerl es wieder lebend aus dem johlenden Saal geschafft hat.
Mit dem #MeToo-Gezeter kam noch das Sexismus-Gedรถns dazu, hauptsรคchlich nachgeplappert von Frauen, die ihre gesamte Karriere Harvey Weinstein zu verdanken hatten und auf dem Straรenstrich von L.A. verendet wรคren, hรคtte Harvey sie nicht noch nach Mitternacht zur, hรผstel, hรผstel, โDrehbuchbesprechungโ in seine Senatoren-Suite gebeten. Na gut, Gwyneth Paltrow wรคre auch ohne Harvey Weinstein eine von Haus aus steinreiche Frau mit Steven Spielberg als Patenonkel, aber den Oscar fรผr – ach nein, mit โShakespeare in Loveโ fangen wir hier ja gar nicht erst an.
Seit #MetToo werfen die vorauseilend Gehorsamen stรคndig die Frage auf, warum Schauspielerinnen oft erheblich weniger Gage bekรคmen als ihre mรคnnlichen Kollegen? Na weil kein Mensch wegen Frances McDormand eine Kinokarte zieht und daher nicht genรผgend Geld reinkommt, um sie wie George Clooney zu bezahlen! Warum ist das kleine Einmaleins der Marktwirtschaft fรผr euch Linke immer so schwer zu verstehen?
Aber zum Glรผck sind manche Weiber ja nicht nur aufs Geld aus. Zum Beispiel jene Weiber, die Woody Allen frรผher bekniet hatten, doch bitte, bitte einmal mit ihm drehen zu dรผrfen, vielleicht, weil unter der Leitung keines anderen Regisseurs so viele Frauen den Oscar gewonnen haben wie unter Woody Allens. Diese Weiber erklรคrten nach #MeToo, das Gesicht leidvoll verzerrt vom tief empfundenen Weltenschmerz, sie wollten die Gage fรผr ihre Auftritte in einem Woody Allen-Filmen wieder zurรผckzahlen. Wie gut, dass Woody Allen noch nie einem Schauspieler mehr als den tariflichen Mindestlohn gezahlt hatte.
A propos Woody Allen. Neben dem lustigen Jazz-Abend mit den Kumpels zog Woody Allen noch einen weiteren Vorteil daraus, die Oscarverleihung von 1978 zu schwรคnzen. So musste er sich nicht die Dankesrede von Vanessa Redgrave, der bekennenden Trotzkistin, fรผr den Nebenrollen-Oscar anhรถren. Redgrave, bis zu diesem Moment noch keine Oscarpreis โ, nur Palรคstinenserschaltrรคgerin, nutzte die Sendezeit ihrer Dankesrede, um irgendeine linke Grรผtze abzusondern. Als zwei Stunden spรคter der Schriftsteller Paddy Chayefsky den Oscar fรผr das beste adaptierte Drehbuch verkรผnden sollte, nutzte der wiederum seine Sendezeit, um auf Frau Redgraves Polit-Gefasel in einer heute mehr denn je gรผltigen Weise zu replizieren:
โIโm sick and tired of people exploiting the occasion of the Academy Awards for the propagation of their own personal political propaganda. I would like to suggest to Miss Redgrave that her winning an Academy Award is not a pivotal moment in history, does not require a proclamation, and a simple โthank youโ would have sufficed.โ
1978 vermerkte das Protokoll hierfรผr noch lautstarken Applaus.
