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Frugalismus – Reichtum durch Askese

9. Mai 2019
in 4 min lesen

Endlich raus aus dem Hamsterrad und dem Chef die Akten auf den Schreibtisch knallen! Finanzielle Freiheit durch Verzicht und Sparsamkeit. Frugalismus nennt sich der neue Trend aus den USA, der auch hierzulande immer mehr Anhรคnger findet. Unsinnige Mode oder Konzept der Zukunft?

In unserer Reihe โ€žInvestieren fรผr Dummiesโ€œ haben wir bisher verschiedene Anlagemรถglichkeiten, oder wie Kritiker anmerken wรผrden โ€žSpekulationsgelegenheitenโ€œ, vorgestellt. Diesmal widmen wir uns einer bestimmten Anlagephilosophie, die vor allem wรคhrend der letzten Jahre populรคr geworden ist und, wie kann es anders sein, aus den USA herรผbergeschwappt ist. Die Rede ist vom sogenannten Frugalismus. Keine Angst, falls ihr jetzt an radikale Nahrungseinschrรคnkung denkt, es geht nicht um Frutarier. Das sind die Leute, die sich ausschlieรŸlich von den โ€žfreiwilligenโ€œ Abfรคllen der Bรคume ernรคhren und spรคtestens mit Mitte 30 wegen Vitaminmangels ins Krankenhaus eingeliefert werden. Manchen Frugalisten dรผrfte zwar ein รคhnliches Schicksal zuteilwerden, allerdings aus anderen Grรผnden. Frugalismus leitet sich von frugalis (lat. ordentlich, bieder, wirtschaftlich) ab und hat seinen Weg รผber das franzรถsische frugal in die deutsche Sprache gefunden. Wenn euer Opa also das nรคchste Mal etwas als frugal bezeichnet, kรถnnt ihr ganz unbescheiden mit eurem neuen Wissen prahlen. Einer der bekanntesten Frugalisten in Deutschland ist der 29-jรคhrige Webgestalter Oliver Noelting. Er selbst charakterisiert Frugalisten in einem Interview mit der Wirtschaftswoche folgendermaรŸen:

โ€œFrugalisten sind Menschen, die aus dem Hamsterrad der Arbeitswelt ausbrechen wollen. Die Bewegung kommt aus den USA. Da gibt es mehrere tausend Menschen, die sich damit beschรคftigen, wie sie mรถglichst frรผh finanziell unabhรคngig von ihrem Einkommen werden, also nur noch von ihrem angesparten Vermรถgen leben. In Europa ist die Bewegung noch recht klein. Aber auch hier finden sich immer mehr Menschen, die nicht arbeiten wollen, bis sie 67 Jahre alt sind.โ€

Ein Frugalist ist also jemand, der sich die mรถglichst frรผhe finanzielle Unabhรคngigkeit zum Ziel gesetzt hat. Das โ€žgewรถhnliche Erwerbslebenโ€œ ist fรผr die meisten Frugalisten negativ besetzt, weshalb die vollstรคndige Abkopplung von Erwerbstรคtigkeit das wichtigste Ziel darstellt. Es geht darum so schnell wie mรถglich dauerhaft vom selbst erarbeiteten โ€žRenteneinkommenโ€œ leben zu kรถnnen. Vรถllig neu ist das Konzept des Frugalismus jedoch nicht. Schon Ernst Georg Jรผnger, der Vater Ernst Jรผngers, hatte sich zum Ziel gesetzt mit 40 Jahren so weit unabhรคngig zu sein, โ€ždass er allein von seinem Kapital leben und seinen Neigungen nachgehen kรถnneโ€œ. Und es lieรŸen sich sicher noch viele weitere prominente Beispiele der Weltgeschichte zeigen, die wir im Nachhinein als Frugalisten bezeichnen kรถnnten.

Auch die berรผchtigte โ€žschwรคbische Hausfrauโ€œ kann sicher als Vorlรคufer betrachtet werden, allerdings kommt diese Begrifflichkeit nicht aus den USA und musste daher wohl mangels โ€žCoolness-Faktorโ€œ im weltweiten Popularitรคtswettbewerb dem Frugalismus den Vorsprung lassen. Wer einmal โ€žFrugalistโ€œ oder โ€žfinanzielle Freiheitโ€œ bei Google eintippt, der wird erstaunt feststellen, wie populรคr die Thematik in den letzten Jahren hierzulande geworden ist. Immer mehr Blogs sprieรŸen aus dem Boden und schon Jugendliche machen sich Gedanken wie sie aus dem Hamsterrad ausbrechen kรถnnen, das sie noch gar nicht betreten haben. Auffallend ist zudem der recht hohe Anteil an Nichtakademikern, – Geisteswissenschaftler kann man mit der Lupe suchen – Selbststรคndigen und Auswanderern. Zu den wichtigsten Grundregeln der Frugalisten gehรถren Sparen, Vermรถgensaufbau und passives Einkommen.

Wann Ist der Frugalist finanziell frei?

Eine einheitliche Definition fรผr finanzielle Freiheit ist kaum mรถglich, jedoch wรผrden sich Frugalisten wohl am ehesten darauf einigen, dass finanzielle Freiheit erreicht ist, sobald die monatlichen Kosten durch das angesparte Vermรถgen gedeckt werden kรถnnen, ohne das Vermรถgen langfristig aufzubrauchen.

Als Mittel zum Zweck dienen den Frugalisten meistens Aktien, Immobilien oder Anleihen. Der nรถtige Betrag kann von Person zu Person sehr stark variieren, da Ausgaben und Ansprรผche unterschiedlich ausfallen. Fรผr viele Frugalisten gilt die 4-Prozent-Regel als wichtiger MaรŸstab. Die 4-Prozent-Regel besagt, dass man jรคhrlich etwa vier Prozent seines Vermรถgens entnehmen kann, ohne langfristig pleitezugehen. Die Regel geht zurรผck auf die โ€žTrinity Studieโ€œ von drei Professoren der Trinity Universitรคt in Texas. In der Studie wurde ein fiktives Vermรถgen zu unterschiedlichen Zeitpunkten in der Vergangenheit jeweils รผber einen Zeitraum von 30 Jahren investiert. Am Ende jeder Zeitperiode, selbst bei ungรผnstigen Einstiegspunkten und unter Berรผcksichtigung der jeweiligen Inflationsrate, war die Begleichung der anfallenden Kosten problemlos mรถglich. Im Umkehrschluss besagt die Regel, dass man dem ungeliebten Vorgesetzten spรคtestens die Rรคumlichkeiten demolieren und ihm ein gepflegtes โ€žLeck mich!โ€œ entgegendonnern kann, sobald der Vermรถgensstand die jรคhrlichen Ausgaben um das 25-fache รผbersteigt.

Rechenbeispiel:

Monatliche Ausgaben: 1000 โ‚ฌ

1000 โ‚ฌ * 12 = 12.000 โ‚ฌ

Jahresausgaben 12.000 โ‚ฌ * 25 = 300.000 โ‚ฌ

Ergebnis

Wenn ihr ein Vermรถgen von 300.000 โ‚ฌ besitzt, kรถnnt ihr euch auf die faule Haut legen, Caipirinha schlรผrfen und monatlich 1000 โ‚ฌ verbraten. Das ist viel zu wenig und geradezu beleidigend fรผr den euch zustehenden pompรถsen Lebensstil? Ihr kรถnnt das System beliebig an eure Bedรผrfnisse anpassen und nach oben oder unten euren Bedรผrfnissen angleichen. Im Internet findet ihr mehrere Rechner, die ihr individuell einstellen kรถnnt.

Kritik

So wie vermutlich jedes Lebensmodell ist auch jenes der Frugalisten nicht frei von Kritik. Zum einen werden Annahmen, wie die 4-Prozent-Regel, als willkรผrlich und fehleranfรคllig bemรคngelt,zum anderen werden Frugalisten wahlweise als genussfeindliche ร–kos, spaรŸbefreite Kapitalisten oder arbeitsscheue โ€žMillennialsโ€œ kritisiert. Wahrscheinlich bergen alle Zuschreibungen einen Funken Wahrheit, jedoch sollte man das wachsende Interesse an finanzieller Bildung, vor allem junger Menschen, erst einmal positiv sehen. Was vielen Frugalisten allerdings hรคufig fehlt, ist der Plan fรผr das danach. Das Ziel finanzielle Freiheit thront รผber allem und das verteufelte Arbeitsleben wird mit Abscheu, Arbeitnehmer, die โ€žGefangenen im Hamsterradโ€œ, bestenfalls bemitleidet. Dass viele Menschen durchaus Freude an ihrer Arbeit empfinden, kรถnnen sich viele Frugalisten in ihrer Abneigung gar nicht vorstellen. So werden als Ziele nach der Freiheitsgewinnung beispielsweise โ€žden ganzen Tag rumreisen, lesen, Pommes essen und Sport treiben.โ€œ, genannt (Madame Moneypenny โ€“ finanzielle Unabhรคngigkeit fรผr Frauen). Ob lesen und Pommes essen allerdings als Lebensinhalt ausreichen, bleibt abzuwarten. Gerade Mรคnner sind dafรผr bekannt, nicht selten in ein tiefes Loch zu fallen, sobald sie aus dem Erwerbsleben ausscheiden.

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