Anarchie – das bedeutet Herrschaft des Chaos, marodierende Banden, Rechtlosigkeit und Gewalt, so die allgemeine Auffassung. Was genau Max Reinhardt mit dem schwammigen Begriff verbindet und warum er sich bewusst als Anarchist bezeichnet, verrรคt er uns in diesem Beitrag.
ANARCHIE. Meine politische Einstellung in einem Satz: Wenn wir uns zwischen links und rechts streiten, dann streiten wir uns darรผber, von wem wir beherrscht werden wollen – und ich will von niemandem beherrscht werden.
In einem Gesprรคch mit Jannis von Freimรผtig habe ich mal gesagt, dass ich ein Anarchist bin, der kein Problem mit Hierarchie hat. Warum ist das kein Widerspruch und was bedeutet Anarchie im wohlverstandenen Sinne?
Schlรคgt man den Begriff Anarchie bei Google nach, so bekommt man folgendes Ergebnis:
„Anยทarยทchie
Substantiv, feminin [die]
1. Zustand der Gesetzlosigkeit, politische Wirren
„einen Staat, die Wirtschaft an den Rand der Anarchie bringen“
2. Philosophie
gesellschaftlicher Zustand, in dem eine minimale Gewaltausรผbung durch Institutionen und maximale Selbstverantwortung des Einzelnen vorherrscht“
Wikipedia erklรคrt den Begriff รคhnlich:
„Anarchie bezeichnet einen Zustand der Abwesenheit von Herrschaft. Er findet hauptsรคchlich in der politischen Philosophie Verwendung, wo der Anarchismus fรผr eine solche soziale Ordnung wirbt.
Landlรคufig wird Anarchie auch mit einem durch die Abwesenheit von Staat und institutioneller Gewalt bedingten Zustand gesellschaftlicher Unordnung, Gewaltherrschaft und Gesetzlosigkeit angenommen und vor allem in vielen Medien hรคufig den eigentlichen Sinn verfรคlschend im Schlagwort โChaos und Anarchieโ verwendet. Die tatsรคchliche Bezeichnung fรผr einen solchen Zustand ist jedoch Anomie.
Der Begriff wird also mit zwei verschiedenen Bedeutungen verwendet, negativ im Sinne von unliebsamem Chaos und positiv im Sinne von Freiheit von Herrschaft.
Wรถrter sind ja letztlich Symbole, sie haben die Bedeutung, die wir ihnen zuweisen. Wenn ein Wort zwei gegenlรคufige Bedeutungen hat, eine positiv konnotiert, eine negativ konnotiert, dann bedeutet das doch, dass im Laufe der Zeit zwei gegenlรคufige Gruppen von Menschen den Begriff jeweils mit der ihnen passenden Bedeutung aufgeladen haben.
Wenn also eines Tages Philosophen die Idee einer Gesellschaft hatten, die frei von Herrschaft funktioniert, und sich dann fรผr diese Idee auf den Begriff „Anarchie“ geeinigt haben – dann war es ab diesem Tage im Interesse der Herrscher, diesem Begriff eine negative Zweitbedeutung zuzuschreiben.
Wenn Groรteile der Bevรถlkerung den Begriff „Staat“ mit Ordnung und den Begriff „Anarchie“ mit Chaos assoziieren, dann wertet das den Staat auf und entwertet die Anarchie. Definitiv hilfreich, wenn man beispielsweise Zwangsabgaben der Bevรถlkerung an den Staat propagiert.
Aber ab von Framing usw., was steckt inhaltlich in der positiv verstandenen Anarchie?
Die Abwesenheit von Fremdbestimmung. Anarchie ist Selbstbestimmung. Wohlverstandene Anarchie ist die Abwesenheit von Fremdherrschaft, nicht die Abwesenheit von Ordnung. Anarchie bedeutet, dass jeder Mensch sein eigener Herr ist. Und niemand Sklave.
Aber wie nur wรผrde ohne Staatsmacht Ordnung im Land entstehen? Wer sorgt in der Anarchie fรผr Recht und Ordnung?
Ordnung in einer anarchistischen Gesellschaft entsteht durch natรผrliche Autoritรคten. Natรผrliche Autoritรคten sind Hans-Hermann Hoppes natรผrliche Aristokraten. Es sind die Personen, die in einem bestimmten Bereich besonders erfolgreich sind und so bewiesen haben, dass sie ihr Handwerk verstehen.
Diese natรผrlichen Autoritรคten werden im Laufe der Zeit Gefolgsleute sammeln, und es werden sich Hierarchien bilden. Das geschieht ganz natรผrlich, so wie Menschen sich schon immer zu Kollektiven mit Anfรผhrern zusammengeschlossen haben.
Ein Gefolgsmann wird dann zwar von der Autoritรคt, dem Hรคuptling, Fรผrst, Chef, Presidenten, Anfรผhrer, seiner Organisation gefรผhrt – diese Fรผhrung ist jedoch etwas ganz anderes als die Fremdbestimmung, die von Staaten derzeitiger Ausprรคgung ausgeht. Insbesondere, weil der Gefolgsmann sich selbst ausgesucht hat, welcher Autoritรคt und welchen Regeln er folgt.
Wie schon in „Es kommt auf die Grรถรe an“ gesagt, nicht Hierarchie und Kollektiv an sich sind das Problem, sondern die Grรถรe der Organisation bzw. des Kollektivs. Das ist in der menschlichen Natur begrรผndet. Mitglieder einer groรen Organisation wie einem Nationalstaat verhalten sich zueinander anders, als Mitglieder einer kleinen Organisation, wie z.B. einer Groรfamilie. Das wird insbesondere im Umgang mit der Allmende, also den Gรผtern, die allen gehรถren, deutlich.
In einem kleinen menschlichen Kollektiv ist die Allmende beispielsweise die Gemeinschaftskรผche inklusive der darin befindlichen Nahrung. Die Mitglieder dieses Kollektivs werden tendenziell darauf achten, dass alle Mitglieder des Kollektivs genug von der Allmende abbekommen, dass es fair zugeht. Denn die Mitglieder eines kleinen Kollektivs kennen sich untereinander und haben einen Ruf zu verlieren. Ihr Ansehen in der Gruppe ist ihnen wichtig. Und deswegen verhalten sie sich zueinander tendenziell fair, ehrenhaft, gut.
In einem groรen Kollektiv wie einem Nationalstaat ist die Allmende vor allem das Geld der Steuerzahler. Da das Kollektiv so groร ist, dass 1.) die Personen, die in die Allmende einzahlen, 2.) die Personen, die aus der Allmende beziehen und 3.) die Personen, die รผber diesen Verteilungsprozess entscheiden, sich nicht persรถnlich kennen, hat hier niemand einen Ruf zu verlieren. Und Menschen, die nicht auf ihren Ruf achten mรผssen, verhalten sich anders, als Menschen, die auf ihren Ruf angewiesen sind.
Gucken wir uns das nochmal etwas genauer an: Aufgrund der Grรถรe des Kollektivs Nationalstaat kennen sich die meisten Mitglieder untereinander nicht persรถnlich. Das bedeutet auch, dass Steuerzahler und Steuerkonsumenten sich nicht persรถnlich kennen. Warum ist das problematisch? Weil Menschen unterschiedlich handeln, je nach dem wer betroffen ist. Menschen haben unterschiedliche Kategorien von Sozialkontakten. Beispielsweise die Kategorien enge Freunde, Freunde, Bekannte und Arbeitskollegen. Oder Kernfamilie und entfernte Verwandschaft. Und bei ihren Handlungen differenzieren Menschen, welcher dieser Kategorien die betroffenen Personen angehรถren. Es macht ganz offensichtlich einen Unterschied, ob meine Handlungen und deren Konsequenzen beispielsweise die eigenen Kinder oder einen Arbeitskollegen betreffen. Vereinfachend kรถnnte man sagen, dass Menschen sich tendenziell um so ehrenhafter verhalten, um so nรคher sie den betroffenen Personen stehen. Das ist einer der Grรผnde, warum groรe Machtkonzentrationen problematisch sind. Wenn wenige รผber viele herrschen, dann ist nur ein kleiner Anteil der Beherrschten den Herrschern persรถnlich bekannt und den Herrschern wirklich wichtig. Es ist leicht, die Sรถhne von Fremden in den Krieg ziehen zu lassen – wรคhrend es schwer ist, die eigenen Sรถhne in den Krieg ziehen zu lassen. Es ist leicht, das Geld von Fremden zu verschwenden – wรคhrend es schwer ist, das Geld enger Freunde zu
verschwenden.
Deswegen kommt es auf die Grรถรe an. Je kleiner das Kollektiv, desto enger wird das Verhรคltnis zwischen Herrscher und Beherrschten sein. Je grรถรer das Kollektiv, desto fremder werden die Beherrschten den Herrschern sein – und um so mehr die Beherrschten fรผr die Herrscher nur graue Masse, Stimmvieh, gesichtslose Wรคhler, sind – um so rรผcksichtsloser werden die Herrscher die Beherrschten ausbeuten.
In einer anarchistischen Gesellschaft wรผrde es viele kleine Kollektive geben, in denen sich die Menschen untereinander persรถnlich kennen und sich entsprechend tendenziell ehrenhaft verhalten. Natรผrlich hรคtten in diesen kleinen Kollektiven, nennen wir sie Stรคmme, Fรผrstentรผmer, Clans, Familien usw., bestimmte Personen eine gewisse Macht und natรผrlich wรผrde es funktionale Hierarchien geben. Diese Machthaber stehen allerdings in einer persรถnlichen Beziehung zu den Angehรถrigen ihrer Hierarchie und kรถnnen sich somit nicht alles erlauben. Verhรคlt sich der Anfรผhrer zu lange zu tyrannisch, wird er entfernt. Die Mitglieder eines kleinen Kollektivs mit Anfรผhrern, die im persรถnlichen Kontakt zu einer Groรzahl der Kollektivmitglieder stehen, kรถnnen die Anfรผhrer bei Machtmissbrauch abwรคhlen, davonjagen, von der Abgabe des Amtes รผberzeugen und so weiter.ย Die Macht ist begrenzt.
Ganz anders in Nationalstaaten aktueller Ausprรคgung. Die Herrscher haben gegenรผber den Beherrschten keinen Ruf zu verlieren. Die Machtverhรคltnisse sind so unpersรถnlich, dass es den Machthabern vรถllig egal sein kann, was die Beherrschten von ihnen denken. Die Idee von ehrenhaftem Verhalten ist irrelevant, es zรคhlt nur Macht um jeden Preis. Und wenn nur Macht zรคhlt, dann wird die Allmende so stark ausgebeutet, wie es den Machthabern nur irgendwie mรถglich ist.
Kurz gesagt: Die Herrscher leben parasitรคr auf Kosten der Beherrschten und halten sich mit der Revolutionsprophylaxe namens reprรคsentative Demokratie an der Macht.
In der wohlverstandenen Anarchie sind die Autoritรคten Personen, die aufgrund ihrer Fรคhigkeiten und ihres Charakters von den Angehรถrigen des Kollektivs auf eine erhรถhte Position gehoben wurden. Und vom Kollektiv wieder von dieser Position entfernt werden kรถnnen, wenn die Autoritรคt ihre Macht missbraucht. Die Autoritรคt kann sich nicht durch Zwang und Gewalt auf ihrer Position halten.
Ganz anders bei Herrschern von Nationalstaaten. Diese befehligen รผber diverse „Sicherheitsbehรถrden“ – wobei der Begriff wohl eigentlich von „Sicherung der Macht“ kommt. Denn nichts anderes tun diese staatlichen Gangs. Zahlst du deine Zwangsabgaben nicht, entfรผhrt man dich letztlich aus deiner Wohnung und steckt dich in Beugehaft.
Wenn du bei einem freiwillig gebildeten Kollektiv deinen Beitrag nicht zahlst, dann wirft man dich raus und entzieht dir den Zugang auf die Allmende. Aber man zwingt dich zu gar nichts.
Wohlverstandene Anarchie ist also vor allem die Abwesenheit von Zwang in Verbindung mit Ordnung basierend auf natรผrlicher Autoritรคt.
Dieser Artikel erschien zuerst auf: Das Glรผck ist ein Freund des Starken
