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Macht und Ressentiment

26. Januar 2020
in 8 min lesen

โ€žSklavenmoral ist die Moral der Schwachen, der Demรผtigen, der Passiven, der Opfer, die Angst vor der groรŸen bรถsen Welt haben. Diese Schwรคchlinge sind chronisch passiv, vor allem, weil sie Angst vor den Starken haben. Infolgedessen sind die Schwachen frustriert. Sie werden neidisch auf die Starken.โ€ – Was hat dieser Dualismus mit der heutigen Politik zu tun? โ€žEine Menge!โ€, meint Max Reinhardt.

โ€žMachtโ€œ. Ein groรŸes Wort, mit dem viel Schlechtes assoziiert wird. Macht korrumpiert, und absolute Macht korrumpiert absolut. Politiker sind machtgeil und missbrauchen ihre Macht, um auf Kosten anderer in Wohlstand zu leben. Und so weiter. Einerseits gibt es diese Klischees natรผrlich aus gutem Grund, doch andererseits: Ist Macht nicht einfach nur ein Werkzeug? An sich vรถllig wertneutral, so wie das Kรผchenmesser, mit dem man morden oder Zwiebeln schneiden kann? Wenn das so ist, warum ist der Begriff dann so negativ konnotiert?

Dass Macht so negativ belegt ist, fรผhrt letztlich auch dazu, dass manche Menschen ihre eigene Macht ablehnenย โ€“ und sich damit fรผr die Machtlosigkeit entscheiden. Die Gleichung ist dann: Besser machtlos und damit moralisch gut als mรคchtig und damit moralisch bรถse. Dadurch rรคumen diejenigen, in deren Wertesystem Macht โ€žbรถseโ€œ ist, kampflos das Feld fรผr diejenigen, die Macht als โ€žgutโ€œ ansehen.

Ein Teil der Erklรคrung der negativen Konnotation ist sicherlich der Zusammenhang zwischen Macht und Gewalt, beispielsweise bei der Staatsgewalt. Gleichzeitig ist natรผrlich auch Gewalt genauso ein an sich wertneutrales Werkzeug. Ein Mord oder die Abwehr des Mรถrders mit dessen Tod als Folge, beides ist tรถdliche Gewalt. Es kommt auf die konkrete Anwendung des Werkzeugs und den Kontext an.

Fรผr den einen Menschen ist beispielsweise Staatsgewalt im Sinne eines starken Staats mit wehrhafter Polizei und Armee erstrebenswert, fรผr den anderen ein Graus. Eine Frage der Perspektive. Der eine Mensch sieht sich als Teil des Staates, der Staat ist fรผr ihn ein โ€žWirโ€œ. Der andere Mensch lebt geographisch im gleichen Staat, versteht โ€žden Staatโ€œ aber als illegitimen Monopolisten auf endrichterliche Entscheidungen und sieht folglich die Sicherheitsbehรถrden als Instrumente zur Sicherung der Staatsmacht, nicht zur Sicherung der Bevรถlkerung. โ€žDer Staatโ€œ ist nicht sein โ€žWirโ€œย โ€“ sondern ein โ€žSieโ€œ. Ein โ€žSieโ€œ im Sinne von: โ€žJetzt ham se wieder die Steuern erhรถht, und den BER kriegen se auch schon seit 100 Jahren nicht fertig.โ€œ โ€žSieโ€œ im Sinne von โ€ždie anderen, nicht wirโ€œ.

Natรผrlicherweise wollen Menschen Macht fรผr sich und ihr โ€žWirโ€œย โ€“ lehnen aber mehr Macht fรผr โ€ždie anderenโ€œ ab. Somit liegt es im Interesse der Herrscher, der Mรคchtigen, dass die Beherrschten ihre Herrscher in ein gemeinsames Wir-Gefรผhl miteinschlieรŸen.

Ein gemeinsames Wir eintย โ€“ auch wenn es innerhalb des Wir Konflikte gibt. Eine Nation ist ein groรŸes Wirย โ€“ wir Deutsche, wir Franzosen, und so weiter. Dieses Wir eint auch Parasiten und Produzenten und fรผhrt dazu, dass viele Menschen, die nur widerwillig Zwangsabgaben leisten, sich trotz des unliebsamen staatlichen Zwangs einen starken und gut funktionierenden Staat wรผnschen. Vรถllig paradoxย โ€“ ich stรถre mich am Zwangsapparat und wรผnsche mir gleichzeitig, dass eben dieser Zwangsapparat stark und funktional ist. Da spielt sicherlich auch der psychologische Effekt der Traumabindung mit reinย โ€“ quasi das Stockholmsyndrom des Normalverbrauchersย โ€“‍, aber natรผrlich auch das Wir-Gefรผhl, das Gefรผhl, dass auch die unliebsamen Parasiten doch irgendwie dazugehรถren, dass wir doch letztlich alle eine groรŸe Familie sind und fรผreinander einstehen mรผssen.

So weit, so gut โ€“ die Parasiten halten die Produzenten mit einer cleveren Mischung aus Wir-Gefรผhl, Umverteilung und Zwang unter Kontrolle und nutzen sie bestmรถglich aus โ€“ und damit das immer so weitergehen kann, achten die mรคchtigen Parasiten dabei darauf, die Produzenten, ihren Wirt, nicht zu tรถten. Nur lebendige Sklaven kรถnnen fรผr ihren Plantagenbesitzer arbeiten. Nur eine funktionierende Volkswirtschaft kann auf Dauer viele Berufspolitiker gut ernรคhren. Der Parasit hat also immer ein Interesse daran, dass sein Wirt รผberlebt โ€“ nur so kann der Parasit weiter Blut saugen. Ergo muss ein Berufspolitiker, bei aller Klientelpolitik, Korruption und so weiter, immer noch darauf achten, den Bogen nicht zu รผberspannen und die Wirtschaftsmaschine weiterlaufen zu lassen.

Wie passt das zur tatsรคchlichen Politik in Deutschland, die scheinbar das ganze Land systematisch schwรคcht, seine Macht mindert und damit letztlich sowohl den Produzenten als auch den Parasiten schadet?

Auch das ist eine Frage der Perspektive. Der Politiker, der Deutschland (als Gesamtheit aus Parasiten und Wirten) schadet, damit aber zunรคchst seinen Eigeninteressen (Einkommens- und Machterhalt) dient, handelt innerhalb des gegebenen Systems gewissermaรŸen rational. Denn sein Wir ist zuerst seine eigene Familie beziehungsweise sein engerer Kreis, und erst viel spรคter dann โ€ždie Bevรถlkerungโ€œ. Dass ein Berufspolitiker zuerst an das Wohlergehen seiner selbst beziehungsweise seiner Angehรถrigen denkt, ist logisch und entspricht einfach der tribalen menschlichen Natur. Das gilt ja auch als Argument fรผr die gute Versorgung von Berufspolitikernย โ€“ wir schmeiรŸen ihnen einfach so viel Kohle in den Rachen, dass sie fรผr Korruption und ร„hnliches gar nicht mehr empfรคnglich sind und sich ganz auf das Wohl der Nation konzentrieren kรถnnen. Theorie und Praxis. Doch auch dieser Effekt mรผsste eigentlich vom natรผrlichen Eigeninteresse des Parasiten begrenzt werden. Er saugt vielleicht mal fรผr eine groรŸe Parasitenparty so viel Blut, dass der Wirt danach fรผr eine Weile leistungsschwach ist โ€“ aber man lรคsst ihn sich rechtzeitig erholen. Fรผr die nรคchste Party und so.

Das alles รคndert sich jedoch durch Ressentiment, Sklavenmoral und sozialistischen Todestrieb. Eine mรคchtige Person wird ihre Macht zwar immer in einem gewissen Rahmen fรผr ihre unmittelbaren Eigeninteressen nutzenย โ€“ auch und gerade auf Kosten der Beherrschtenย โ€“‍, aber der psychisch gesunde Mรคchtige wird dabei Kosten und Nutzen abwรคgen. Beispielsweise wird der berufspolitische Parasit seinen Wirt nicht so leersaugen, dass dieser stirbtย โ€“ aus Eigeninteresse.

Jedoch gilt das natรผrlich nur unter der Bedingung, dass der Parasit das Leben an sich wertschรคtzt. Seins natรผrlich mehr als das des Wirts, aber das Leben ist fรผr ihn grundsรคtzlich wertvoll. Wรผrde er allerdings das Leben an sich verachten, wรคre es nur konsequent, wenn er seinen Wirt bis zum gemeinsamen Tod von Parasit und Wirt aussaugt.

Wenn der Ruin Deutschlands der Effekt ist, ist dann der Ruin Deutschlands vielleicht auch das Ziel?

Wenn man sich selbst und โ€ždas Eigeneโ€œ hasstย โ€“ dann ist die systematische Zerstรถrung des Eigenen und damit letztlich auch des Selbst nur konsequent.

Nietzsche benutzt das Konzept des Ressentiments, um in โ€žJenseits von Gut und Bรถseโ€œ und spรคter in โ€žZur Genealogie der Moralโ€œ seinen berรผhmten Dualismus von Herren- und Sklavenmoral auszuarbeiten. Herrenmoral ist die Moral der Lebenslustigen und Starken, die Abenteuer lieben und Freude an Kreativitรคt, Zielstrebigkeit und Selbstbestimmung haben.

Sklavenmoral ist die Moral der Schwachen, der Demรผtigen, der Passiven, der Opfer, die Angst vor der groรŸen bรถsen Welt haben. Diese Schwรคchlinge sind chronisch passiv, vor allem, weil sie Angst vor den Starken haben. Infolgedessen sind die Schwachen frustriert. Sie kรถnnen nicht bekommen, was sie vom Leben und der Welt wollen. Sie werden neidisch auf die Starken. Und sie beginnen auch, sich heimlich selbst dafรผr zu hassen, dass sie so feige und schwach sind. Aber niemand kann mit der Erkenntnis leben, dass er oder sie voller bitteren Ha
sses ist. Und so erfinden die Schwachen eine Rationalisierung.

Eine Rationalisierung, die ihnen sagt: Sie sind die Gutenย โ€“ und damit zumindest moralisch die Besserenย โ€“‍, gerade weil sie schwach, demรผtig und passiv sind. Geduld wird so zur Tugendย โ€“ denn ein Schwรคchling kann sich nicht einfach sofort nehmen, was er will. Gehorsam wird so zur Tugendย โ€“ denn die Schwachen mรผssen den Starken gehorchen. Schwรคche und ihre Ableitungen werden zur Tugend, fรผr moralisch richtig, erklรคrt. Diese Umkehr der Werte macht dann die Schwachen, die Passiven, die Armen, die Leidenden, die Opfer, die Fรผgsamen, zu den Guten. Und die Gegensรคtze dieser Werte mรผssen dann natรผrlich bรถse seinย โ€“ Stรคrke, Aggressivitรคt, Stolz, Unabhรคngigkeit, kรถrperlicher und materieller Erfolgย โ€“, und so werden die Starken, die Erfolgreichen, zu den Bรถsen.

Aber das ist natรผrlich eine Rationalisierung. Und ein kluger Schwรคchling wird sich selbst nie ganz davon รผberzeugen kรถnnen. Und das wird in seiner Psyche Schaden anrichten. Wรคhrend die Starken รผber ihn lachen. Was innerlich weiteren Schaden anrichtet. Und wรคhrenddessen werden die Starken immer reicher und genieรŸen das Leben. Das richtet noch mehr Schaden in der Seele des Schwรคchlings an. Irgendwann wird der Schwรคchling dann eine derart giftige Kombination aus Selbsthass und Neid verspรผren, dass er sich wehren, sich ein Ventil suchen muss. Er wird den Drang verspรผren, seinen verhassten Feind zu verletzen. Aber natรผrlich kann er keine direkte Konfrontation riskierenย โ€“ er ist ein Schwรคchling. Seine einzigen Waffen sind Worte.

In unserer heutigen Zeit sind die Kapitalisten die Starken. Fรผr eine Weile, im letzten Jahrhundert, konnten Sozialisten glauben, dass die Revolution kommen wรผrde. Dass endlich โ€žGerechtigkeitโ€œ einkehrt und die Reichen, die Starken, entmachtet und bestraft werdenย โ€“ wรคhrend die Schwachen endlich und verdientermaรŸen belohnt werden. Aber diese Hoffnung wurde grausam enttรคuscht. Der Kapitalismus hat gewonnen, und die Sozialisten hassen diese Tatsache. Der Sozialismus ist der Verlierer, und die Sozialisten hassen auch diese Tatsache. Sie hassen die Gewinner dafรผr, dass sie gewonnen haben. Und sie hassen sich selbst dafรผr, dass sie sich fรผr die Verliererseite entschieden haben. Und Hass als chronischer Zustand fรผhrt zu dem Drang, zu zerstรถren. Aber die einzigen Waffen der Schwรคchlinge sind Worte. Also, wie kann ich mit Worten zerstรถren?

Indem ich Gerรผchte streue und Lรผgen verbreite. Ob die Gerรผchte stimmen oder ob ich die Lรผgen selbst glaube, spielt dabei keine Rolle. Entscheidend ist nur, dass sie in der Psyche meines Gegners Schaden anrichten. Das Endziel ist dabei, das Selbstwertgefรผhl des Gegners zu zerstรถren. Denn wer nicht mehr glaubt, den Sieg verdient zu haben, wird nicht entschlossen um ihn kรคmpfen. Also sind psychologische Kriegsfรผhrung, moralische Diskreditierung der Starken und Aufhetzung der Herde die Waffen der Wahl.

Natรผrlich weiรŸ der kluge Schwรคchling, was er da tut. Also muss eine weitere Rationalisierung her. Der Zweck heiligt die Mittel, und wenn der Schwรคchling in den Spiegel schaut, sagt er sich: โ€žIch mache das nur fรผr eine gerechtere Gesellschaft und die Rettung der Welt!โ€œ Und da ist sie, die Rechtfertigung fรผr alles. Erst fรผr Lรผgen, Verleumdung und Rufmord โ€“ spรคter dann fรผr Totalitarismus, Konzentrationslager, Gulags, Killing Fields und den groรŸen Sprung vorwรคrts in die genozidale Kulturrevolution.

All das ist dann ein notwendiges รœbel, um endlich eine Welt zu erschaffen, die es dem Schwรคchling wert ist, in ihr zu leben. Denn in der alten Welt ging es ihm schlecht โ€“ und war ist die Schuld der Welt, nicht des Schwรคchlings! Also muss die schรถne neue Welt um jeden Preis erschaffen werden โ€“ koste es, was es wolle! Und sollte das nicht gelingen, dann ist der Untergang der ganzen Welt, inklusive des Schwรคchlings, nur verdient.

Hitler ist sicherlich ein Paradebeispiel fรผr den hier geschilderten Mechanismus, als Kรผnstler verschmรคht, als Soldat besiegt, immer wieder erniedrigt. Wie das wohl bei seinen Kollegen Stalin, Mao und Pol Pot war? Konkrete Vergleiche zu gegenwรคrtigen Akteuren sind mir aufgrund konsequenter Ignoranz zum Glรผck nicht mรถglich โ€“ der tagespolitisch interessierte Leser wird sie jedoch sicherlich mit Leichtigkeit finden.

Wenn ich mich in der als kapitalistisch empfundenen Welt schlecht fรผhle und die Welt statt mein Verhalten dafรผr verantwortlich mache, dann will ich diese Welt, โ€ždas Systemโ€œ, zerstรถren. Das gilt insbesondere fรผr all das in der Welt, was besonders gut und erfolgreich funktioniert und mir damit meine eigene Minderwertigkeit noch deutlicher macht. Wenn ich leistungsschwach bin und mich und die Welt dafรผr hasse โ€“ dann ist das Leistungsprinzip an sich mein Feind.

Die seelische Gesundheit unserer Berufspolitiker kรถnnen wir nicht beeinflussenย โ€“ aber unsere eigene. Der verstรคndliche Impuls, mรคchtige Personen mit ausgeprรคgter Sklavenmoral zu bekรคmpfen, ist nicht die Lรถsung โ€“ sondern macht uns zu Sklaven der Sklaven, zu Opfern der Opfer. Wer jemanden bekรคmpft, richtet sein Handeln am Gegner aus, gerรคt in Reaktion und damit in Fremdbestimmung. Wenn wir uns Konflikte als Pendel vorstellen, dann hรคlt jeder Schlag, egal aus welcher Richtung, das Pendel in Schwingung. Die Lรถsung liegt im Ignorieren, im Loslassen, im Sich-davon-lรถsen. Und mit der so gewonnenen Energie und Zeit kรถnnen wir dann vielleicht ein bisschen dazu beitragen, bessere Alternativen zu erschaffenย โ€“ ohne sie irgendjemandem aufzuzwingen.

Und Ressentiment und Sklavenmoral in der eigenen Psyche vermeiden wir am besten durch Nietzsches โ€žaristokratische Wertgleichungโ€œ, Kreativitรคt und Selbstschรถpfertum.

Der Text erschien zuerst bei: Das Glรผck ist ein Freund des Starken

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