Jeder Lebensbereich ist heute mehr oder weniger politisiert. Das ist ausgesprochen bedauerlich. Autofahren, Einkaufen, Hausputz, Schlafenszeit, Mahlzeiten, Freizeitgestaltung, Wohnungseinrichtung, Urlaubsplanungโฆ Unsere staatlichen Stammeshรคupter haben sich zusammengerottet und beschlossen, keine Politik mehr zu betreiben. Anstatt den Kernaufgaben einer Regierung nachzugehen, betreiben sie sektengleich moralische Gehirnwรคsche.
Ich habe mich die letzten Wochen genau beobachtet. Nahezu jede meiner Handlungen wird begleitet von einem kleinen Mann im Ohr, der mir zuflรผstert, diese Tat ist gut oder schlecht aufgrund dieser oder jener Komponente. Und irgendwie scheine ich alles falsch zu machen. Die Wahl meines Shampoos ist in die Hose gegangen, da ich beim Kauf nur auf den Preis geachtet habe und nicht die Liste der Inhaltsstoffe auf mรถgliche gesundheitsschรคdliche Zusรคtze รผberprรผft habe. Und als ich vom Einkaufen nach Hause kam, sprang mein Hund freudig an mir hoch und schleckte mir das Gesicht ab. Gar nicht gut, hatte er doch erst heute morgen beim Spaziergang eine Maus gefangen. Als ich ihm, wie ich es seit 10 Jahren tue, ein Leckerlie bei meiner Rรผckkehr gab, sprach wieder der Mann im Ohr und klรคrte mich รผber das falsche Futter meines Vierbeiners auf.
Nun sitze ich auf dem Sofa und schreibe diesen Text. Laptop auf den ausgestreckten Beinen, ein Glas Wein auf dem Tisch. Den Kopf voll mit Horrormeldungen: Bรถrsencrash, neue รlkrise, Coronavirus, griechisch-tรผrkisches Grenzenchaos. Entwertung des lรคndlichen Raumes. Verschiebung der Mittelschicht weg vom Normalen zum Schmalspur-Akademiker. AFD neue SPD? Der normale Mensch der Mittelschicht schwindet. Klima als Thema der Kinder der Bessergestelltenโฆ. Und ganz nebenbei werden die Grundfesten der Demokratie abgeschafft. In Thรผringen sind nun zum Beispiel alle Masken gefallen. Nicht im stillen Kรคmmerlein, nein, ganz offen und ungeniert sprach die Kanzlerin von einer Wahl, die korrigiert werden muss. Und korrigiert wurde. In mancherlei Kreisen findet das Zustimmung. Nein, das Mitglied einer Partei, die mein Groรvater noch als Inhaber eines eigenen kleinen Unternehmens gewรคhlt hat, damit man ihn nicht vollkommen kaputt besteuert und ihm gewisse Freiheiten erhalten bleiben, um sein Geschรคft so zu fรผhren, wie er und die Bewohner des Ortes, in dem er seine Waren anbot, es fรผr richtig hielten, ist heute nicht mehr tragbar. Freie Demokratische Partei war gestern. Armes Deutschland ist heute.
Die Vorstellungen meines Groรvaters und seiner Kunden, perfekt aufeinander abgestimmt nach vielen Jahren des Auslotens von Angebot und Nachfrage, waren gereift zu einem fein gewobenen Netz aus Verstรคndnis und Vertrauen. Viele Jahre harter Arbeit und langer Gesprรคche hatten ihn und seine Familie zu Kennern im Kleinen werden lassen. Er konnte fรผr uns sorgen, und er tat es. Machte er etwas falsch, blieb die Kundschaft aus. Korrektur von unten. Wir entscheiden heute nicht mehr selbst. Wir lassen uns fremdbestimmen. Nicht unser tรคgliches kleines Leben lehrt uns den oft feinen Unterschied zwischen falsch und richtig. โAugen auf vor dem Regierungskaufโ, sagte mein Groรvater einmal zu mir.
Mein Mann รถffnet die Tรผr und tritt mit einem breiten Grinsen im Gesicht ins Zimmer: โKennst du den? Eine Blondine verdรคchtigt ihren Freund der Untreue. Sie รผberrascht ihn zuhause im Bett mit einer anderen Frau. Die Blondine zieht eine Pistole und will ihren Freund erschieรen, doch plรถtzlich รผberwรคltigt sie die Traurigkeit, und sie hรคlt sich die Pistole an den eigenen Kopf. Ihr Freund ruft noch: โTu es nicht!โ Doch ihre letzten Worte waren: โHaltโs Maul, Du bist als nรคchster dranโฆโ โ
Wir lachen beide, der Hund springt aufs Sofa, auf meinen Schoร, auf die Tastatur, wedelt mit dem Schwanz und lacht auf seine Art mit. Ich klappe den Rechner zu, und wir machen uns auf zu unserem Abendspaziergang. Ein weiterer Tag nimmt sein Ende, und als ich mir vor dem Schlafengehen die Zรคhne putze, betrachte ich die Zahnpastatube und denke: โSuper, Geld gespart fรผr weitere Hunde-Leckerliesโ.

