von Henry Volt
Postenschacher
In regelmรครigen Abstรคnden werden in der Bundesrepublik politische Posten neu vergeben. Wรคhrend in der freien Wirtschaft eine neu zu besetzende Stelle die bestmรถgliche fachliche Expertise und Vorerfahrung voraussetzt, scheint im politischen Berlin eher die grรถรtmรถgliche fachliche und persรถnliche Inkompetenz alleinige Einstellungsvoraussetzung zu sein.
Als jรผngstes Beispiel soll hier zunรคchst die Besetzung fรผr das Amt des Wehrbeauftragten mit der SPD-Frau Eva Hรถgl dienen. Durch reichlich charakterliche Inkompetenz bereits mehrfach in Erscheinung getreten, darf sie nun als neue Wehrbeauftragte glรคnzen. Militรคrische Vorkenntnisse in ihrer Vita: Null. Noch nicht einmal ein Schnupperpraktikum bei der Truppe wurde abgeleistet. Abgesรคgt wurde dafรผr, der sich in dieser Funktion langjรคhrig verdient gemachte, Parteigenosse Hans-Peter Bartels.
Von dem sagte selbst die Oppositionspartei AfD, dass der Mann unabhรคngig von seinem Parteibuch einen guten Job gemacht habe. Als ginge es der Truppe nicht schon schlecht genug: Nun also Hรถgl. Sie sollยดs richten – oder eben nicht.
Dass die Genossin sich vor Abeitseifer kaum retten kann, gab sie unmittelbar nach Ablegung ihres Amtseides zu Protokoll. So wolle sie โganz grรผndlich, ganz grundsรคtzlich und ganz generell รผber das Thema Rechtsextremismus in der Bundeswehr diskutierenโ. Problem erkannt, Problem gebannt. Der weitergehende, immense Schaden fรผr die Bundeswehr durch diese mangelhafte Personalie ist dabei ganz ohne Glaskugel vorherzusehen.
Wenige Tage nach dem Vorschlag zur neuen Wehrbeauftragten wird die Linken-Politikerin Barbara Borchard mit den Stimmen der CDU ins hรถchste Gericht des Landes Mecklenburg-Vorpommern gewรคhlt. Neben dem Umstand, dass die Altkommunistin Mitglied der vom Bundesverfassungsschutz beobachteten linksextremistischen Vereinigung โAntikapitalistische Linkeโ ist und dies auch bleiben mรถchte, kommt hier mal wieder auch die mangelnde fachliche Kompetenz zum Vorschein:
Ein Fernstudium der DDR wurde mit dem Titel โDiplom-Juristโ abgeschlossen. Ganz grob vergleichbar ist das mit dem ersten juristischen Staatsexamen der BRD. Weitergehende juristische Bildung existiert nicht. Nach einer Zeitspanne der Arbeitslosigkeit in der BRD und dem stetigen Verhรถhnen der Maueropfer nun also: Verfassungsrichterin eines deutschen Bundeslandes.
Neben der CDU sticht auch immer wieder die SPD als parteipolitisches Jobcenter hervor. So soll die mittlerweile arbeitslose Nahles den Prรคsidentenposten der Bundesanstalt fรผr Post und Telekommunikation รผbernehmen. In der Nachbarrepublik รsterreich existiert hierfรผr das besonders treffende Wort โPostenschacherโ. Ergรคnzend dazu, dreht sich auch das Minister-Roullette immer weiter.
Der Bundesjustizminister wird plรถtzlich Auรenminister, die Ex-Familienministerin wird Verteidigungsministerin. Und immer wieder die selbe Konstante: Expertise gleich Null.
Maรgebend fรผr diese Postenschiebereien sind verkrustete Parteistrukturen โ Machterhalt um jeden Preis durch Absprachen im Hinterzimmer ohne Beteiligung des Volkssouverรคns. Um die Inkompetenz und die Ferne zu den Staatsbรผrgern zu verschleiern, werden folglich Millionen fรผr Vertrรคge mit externen Beratern ausgegeben.
Mehr Technokratie wagen!
Doch bekanntermaรen findet dieses Postenschacher auch in anderen westlichen Demokratien statt. Wรคren beispielsweise Expertenkabinette eine Option?
Reine Expertenregierungen waren in jรผngster europรคischer Geschichte meist รbergangsregierungen, welche vermehrt aus leitenden Beamten mit entsprechenden Vorkenntnissen bestanden. Diese Expertenkabinette hatten aber eher eine verwaltende, als eine gestaltende Funktion und waren als Improvisation nach politischen Zwischenfรคllen gedacht.
Jรผngstes Beispiel ist hier รsterreich: Nach der โIbiza-Affรคreโ um den Politiker Strache und der Regierungsauflรถsung wurde bis zu den Neuwahlen ebenfalls eine Expertenregierung eingesetzt. Das Kabinett Bierlein war 6 Monate im Amt.
Diese Regierungen waren historisch betrachtet allgemein beliebt und regierten weitestgehend frei von Skandalen. Expertenkabinette konnten sich in Europa jedoch nie als Alternative etablieren.
So gab es in der Zeitspanne zwischen 1994 und 2010 keine Expertenregierung, die lรคnger als zwei Jahre Bestand hatte. Am lรคngsten hielt sich ein solches Kabinett 1994 in Bulgarien, fรผr genau 611 Tage.
Zu groร die Sehnsucht der politischen Parteien nach staatslenkender Macht. Aber eben auch die Sehnsucht nach Gestaltung โ und nicht bloร nach stiller Verwaltung. Somit schieden technokratische Herrschaftselemente letztlich auch wegen mangelnder demokratischer Legitimitรคt aus dem gesellschaftlichen Diskurs aus, auch wenn sie jรผngst wรคhrend der Corona-Pandemie ungewollt wieder eine Blรผtezeit erlebten.
Wรคhrend rein technokratische Regierungen also ausscheiden, gilt es, mรถgliche Optionen in den Blick zu nehmen. Wie wรผrde ein mรถgliches Idealmodell aussehen?
รberlegenswert sind hier solche, die nicht eine grundsรคtzliche Systemรผberwindung zum Ziel haben. So klingen beispielsweise radikal libertรคre Forderungen, wie die nach einer Privatrechtsordnung, vielleicht auf dem Papier vermittelbar – in der Realitรคt sind sie es aber meist nicht. Oftmals lassen sich zu theoretische รberlegungen erst gar nicht umsetzen oder bewirken in einer praktischen Umsetzung in der Realitรคt dann sogar gegenteiliges โ zu beobachten bei allen derzeit existierenden sozialistischen Systemen bei Betrachtung der Armutsentwicklung.
Grundsรคtzlich gilt es, den Staat mรถglichst zu minimalisieren und dabei grundsรคtzlich notwendige staatliche Strukturen zu verbesseren โ durch mรถglichst direktdemokratische Einbindung des Volkssouverรคns. Denn eines darf nicht vergessen werden: Der Staat ist letztlich auch โnurโ das Volk. Beide Elemente kรถnnen miteinander harmonieren. Doch dazu bedarf es mehr demokratischer Teilhabe.
Plรคdoyer fรผr die Miliz
Bei dem Thema Demokratie lohnt sich wie so oft auch ein Blick in die benachbarte Alpenrepublik. Postenschieberei findet natรผrlich auch in der Schweiz statt. Doch kรถnnen hier grundsรคtzliche fachliche und charakterliche Kompetenzen von Politikern als deutlich hรถherwertiger angesehen werden.
Grundsรคtzlich ist dies durch einen wichtigen Faktor bedingt: Das Milizsystem. Es ist neben der direkten Demokratie, dem Fรถderalismus und der Konkordanzdemokratie eine zentrale Sรคule im schweizerischen Staatswesen. Das โMilizprinzipโ bezeichnet die ehrenamtliche oder teilzeitliche Ausรผbung von รmtern รถffentlichen Aufgaben.
So funktionieren nicht nur die Armee, Feuerwehr und einige Behรถrden nach diesem Prinzip, sondern auch das politische System.
Schweizerische Parlamente sind im Gegensatz zu Deutschland keine Berufsparlamente, sondern eben Milizparlamente. Die Parlamentarier gehen neben den politischen Tรคtigkeiten ganz normalen zivilen Berufen nach.
Erreicht wird hier die oben verlangte Einheit von Bรผrger und Staat. Staat und Volk sind eins. Dies hat den weiteren Vorteil, dass die Politiker ihre beruflichen Erfahrungen und entsprechendes Wissen mit in die politische Arbeit einbringen kรถnnen. Durch fortlaufende รberschneidungen wird zudem die weitestgehende Verankerung innerhalb der schweizerischen Bevรถlkerung gesichert.
Zur Wahrheit muss aber auch gesagt werden: Auch wenn die Schweiz durch direktdemokratische Einbindung weniger Probleme mit Politikverdrossenheit hat, gibt es sie auch hier. Die Milizarbeit muss zunehmend ins Gedรคchtnis der Schweizer Bรผrger gerufen werden, da mit der Miliz entsprechender Zeitaufwand bei eher geringer Bezahlung verbunden ist โ รคhnlich dem Ehrenamt hierzulande. So sollen bundesweite Aktionen wie 2019 das ausgerufene โJahr der Milizarbeitโ den Fortbestand des historisch gewachsenen und bewรคhrten Systems sichern. Auch ist das Verhรคltnis der Bundesparlamentarier zwischen Beruf und politischer Milizarbeit in der Schweiz oft nicht mehr ausgeglichen, da zunehmend mehr Zeit in die politische Arbeit investiert werden muss. Doch auch 2020 gehen immer noch weit mehr als 80% der Parlamentarier einer beruflichen Tรคtigkeit nach.
Der Kontrast zur BRD wirkt hier erschreckend, da hierzulande teilweise die hoch alimentierten Politiker ohne Ausbildung oder abgeschlossenem Studium seit Jahren Parlamentstรคtigkeite
n nachgehen, ohne auch nur je einem ordentlichen Beruf gearbeitet zu haben.
Ein vollstรคndiger Wechsel zum Milizsystem in der BRD ist unrealistisch. Auch wenn hierzulande das Ehrenamt eine der tragenden Sรคulen der Zivilgesellschaft ist, ist es grade im Bezug auf Behรถrden und politische รmter auf Bundes- und Landesebene bei weitem nicht so ausgeprรคgt. Der Vergleich soll aber aufzeigen, welche Modelle man vielleicht zumindest teilweise รผbernehmen kรถnnte. Gepaart mit technokratischen und direktdemokratischen Elementen kรถnnte so ein perfektes System entstehen, welches Volkssouverรคn und Parteipolitik besser in Einklang bringt.
Denn Kritik an der Eignung von Politkern fรผr ihr Amt gab und gibt es immer wieder. So schlug 2014 die Ernennung der extrem รผbergewichtigen Maggie De Block zur belgischen Gesundheitsministerin starke Wellen. Darf eine Ministerin fรผr Gesundheit รผbergewichtig sein? Fairerweise muss hier erwรคhnt werden: Sie hat als Hausรคrztin zumindest fachliche Vorerfahrung, auch wenn ihr die persรถnliche Umsetzung vielleicht nicht so geglรผckt ist.
Ein Anfang in Deutschland kรถnnte einfach sein:
Warum den rechtlichen Rahmen nicht so abรคndern, dass ein Wehrbeauftragter direkt durch die Truppe gewรคhlt werden kann โ รคhnlich dem Vorgehen bei einer Betriebsrats โ bzw. Personalratswahl?
Vermutlich wรคre hier aber die Angst der Kartellparteien vor der Wahl eines Kandidaten des jรผngsten politischen Mitbewerbers zu hoch…

