Ich fรผhle mich schlecht. Denn es geht mir gut, sogar verdammt gut. Ich bin einigermaรen gesund, habe den in meinen Augen besten Mann der Welt an meiner Seite, lebe im eigenen Haus, habe einen Job, der mir Spass macht und fรผr meine Bedรผrfnisse ausreichend bezahlt ist. Ich sehe vollkommen normal aus, kann eins und eins zusammenzรคhlen. Ich verbringe viel Zeit mit Hobbys, die ich mir leisten kann und die mich bereichern. Wenn morgens der Wecker klingelt und mich aus meinem bequemen Bett dirigiert, freue ich mich auf den Tag.
Schlecht fรผhle ich mich, weil nicht jeder andere Mensch sich so glรผcklich schรคtzen kann wie ich. Und weil ich mich dabei ertappe, es anderen vorzuwerfen, dass sie mir mein Glรผck nicht gรถnnen und ihr Streben nach รคhnlichen Gรผtern auf meine Kosten erfรผllen mรถchten. Oder weil sie versuchen, mir ihre Vorstellung von einem erfรผllten Leben aufzuzwingen. Ja, ich fรผhle mich schlecht, weil es mir andere einreden.
Das bedarf einer genaueren Betrachtung. Es ist an der Zeit, einmal etwas klarzustellen: Auรer der Tatsache, dass ich in einem sehr reichen westlichen Land das Licht der Welt erblickte, wurde mir nicht viel geschenkt im Leben. Ich wuchs in verworrenen Verhรคltnissen auf, die geprรคgt waren von der Krankheit meiner Mutter und dem verzweifelten Versuch meines Vaters, drei Kinder und die Krankheit der Mutter sowohl zeitlich als auch finanziell zu meistern. Beide Eltern starben viel zu frรผh, und ich wurde zu einem wรผsten Wildfang, der anderen das Leben erschwerte. Kurz gesagt: Ich musste bald lernen, was es heisst, auf sich allein gestellt zu sein und die Reise ins Erwachsenenleben anzutreten mit nichts mehr als ein paar Lebensweisheiten meines Vaters und einem notorisch leeren Geldbeutel im Gepรคck. Von einem behรผteten Heim mit frisch gekochtem Mittagessen nach der Schule konnte ich nur trรคumen.
Irgendwann stand ich dann schlieรlich an einem Scheideweg: Sich in Illusionen und Tagtrรคume flรผchten, in Selbstmitleid zu versinken und dem Rest der Welt zurufen: โRutsch mir doch den Buckel runterโ? Oder das eigene Leben in die dazugehรถrigen Hรคnde zu nehmen, mein gottverdammtes Schicksal selbst gestalten und dabei im stillen Kรคmmerlein den anderen zuzurufen: โRutscht mir doch den Buckel runterโ?
Ich entschied mich fรผr die zweite Variante. Sie kรถnnen mir glauben, das war, milde gesagt, nicht immer leicht. Wรคhrend meine Altersgenossen sich in den Semesterferien Urlaube im Sรผden von den Eltern finanzieren lieรen, sass ich im Supermarkt an der Kasse. In der raren Freizeit lernte ich das nach, was ich in der Schule verpasst hatte, weil mein wirrer Geist in meiner Jugend zu beschรคftigt damit war, sich eine Mรคdchen-Traumwelt zu gestalten ohne Probleme im Elternhaus oder den Haushalt zu schmeiรen, weil die Mutter es nicht mehr schaffte, anstatt sich auf die Hausaufgaben zu konzentrieren. Und der kleine Bruder musste ja auch noch bespaรt werden.
Ich mรถchte hier nicht ins Detail gehen oder in Selbstmitleid zerflieรen. Nach Details kรถnnen Sie in Ihrem eigenen Leben suchen, ich bin mir sicher, Sie werden fรผndig. Und Selbstmitleid ist mir zutiefst zuwider.
Das Leid anderer Menschen lรคsst mich jedoch nicht unberรผhrt. Ich habe Mitleid mit anderen, die verzweifelt versuchen, Miseren in ihrem Leben zu meistern, die ihnen ohne eigenes Zutun widerfahren sind. Ich weiss, wie schwer das sein kann, und ich weiss, dass diese Anstrengung manchmal die eigenen Krรคfte รผbersteigt. Da hรถrt man gerne zu, nimmt sich Zeit, spendiert ein Glas Wein und redet die ganze Nacht. Da teile ich gerne, wenn ich kann.
Deswegen fรผhle ich mich manchmal schlecht, wenn ich mein Glรผck betrachte.
Warum fรผhle ich mich aber auch schlecht, wenn ich mit โSchicksalenโ konfrontiert werde, die die eigene Situation ausnutzen, um den Weg des kleineren รbels zu wรคhlen oder sich auf Kosten anderer und derer Gutmรผtigkeit bereichern? Diese Art der Vorteilsbeschaffung grenzt ans Verbrecherische, und es spielt dabei absolut keine Rolle, wer diese Person ist. Da wendet man sich ab und nimmt die andere Wegzweigung. Da macht man dicht und redet nicht. Die feine Trennlinie zwischen Eigenverantwortung und Fremdzuschreibung gibt den Ausschlag.
So bleibt mein Leben das, was es eigentlich schon immer war: Eine glรผckliche und manchmal zugleich betrรผbte Existenz. Aber miesmachen lassen will ich mir meine Errungenschaften eigentlich nicht von dahergelaufenen Versagern. Oder, wie es Karl Obermayr einmal so schรถn zum ewigen Stenz gesagt hat: โDu ziehst mich nicht mit rein in Deinen selbstzerstรถrerischen Strudel, Du nichtโ.
Auf ins nรคchste Level im Spiel des Lebens: Erhรถhe Deine Fรคhigkeit, guten Vanillestrudel von schlechtem zu unterscheiden und dem schlechten aus dem Weg zu gehen. Klingt leichter gesagt als getan. Aber so ist es nun mal, wenn man die Verantwortung รผbernimmt.

