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Quelle: Dillan Stradlin, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:JC1970.jpg

Der wahre CHAD: Johnny Cash

8. September 2020
in 7 min lesen

Von Herr Unterberg

Scheinbar gebrochen, reumรผtig und resigniert sitzt er da, ein einst stolzer Mann, gekleidet in seiner charakteristischen schwarzen Westernklamotte. Seine Gitarre auf dem SchoรŸ. Eine Hand am Gitarrenhals, die andere ruhig eine Melodie auf den Saiten zupfend. Die Melodie erinnert sowohl an Blues, als auch an Countrymusik. Kurz darauf erhebt sich seine Stimme: โ€žI hurt myself today…โ€œ

โ€œ… to see if I still feelโ€œ. Sie klingt krรคnklich, traurig, erfรผllt von Scham, doch ist in ihr noch immer dieses gewisse Etwas zu hรถren, das ihn zu dem machte, wofรผr er Jahrzehnte gefeiert wurde. Mit โ€žHurtโ€œ blickte der damals 70-jรคhrige Johnny Cash auf sein turbulentes Leben zurรผck und scheint es in gut 3,5 Minuten zusammenzufassen. Verรถffentlicht wurde der Song im Jahr 2002 als einer seiner letzten. Was viele nicht wissen: Der Song entsprang damals gar nicht seiner eigenen Feder. Es war ein Cover. Das Original stammte von Trent Reznor, der hierzulande eher unbekannt ist. Doch seiโ€™s drum, wie kein zweiter passt โ€žHurtโ€œ zu Johnny Cash. Er beschreibt sein Leben nahezu perfekt.

Ein Leben, das mehrfach sowohl von รผberragenden Glanzstunden als auch von erschreckenden Abgrรผnden geprรคgt war. John Ray Cash wurde am 26. Februar 1932 in Kingsland, einer kleinen Ortschaft in Arkansas geboren. Er war das vierte von insgesamt sieben Kindern einer mittellosen Farmerfamilie. Bereits mit fรผnf Jahren arbeitete Cash tรคglich auf den Baumwollfeldern der Farm, die die Familie 1935 im Zuge des โ€žNew Dealโ€œ unter Prรคsident Franklin D. Roosevelt erwerben konnte. Schon in jungen Jahren soll er Gedichte selbst geschrieben und diese seinen Geschwistern wรคhrend der Feldarbeit vorgetragen haben, was die harte Feldarbeit vermutlich deutlich ertrรคglicher gestaltete.

Trotz schwieriger finanzieller Umstรคnde scheint Cash laut eigener Aussage dennoch eine glรผckliche Kindheit gehabt zu haben. Schwer vorstellbar fรผr heutige Kinder, ohne Internet oder sonstigen elektrischen Firlefanz. Doch so war das damals. Und oft denke ich, dass es heute auch besser wรคre ohne diesen ganzen elektrischen Kram. Doch ich schweife ab…

Als einziges Unterhaltungsmedium stand Cash das Radio zur Verfรผgung, wovon er auch regelmรครŸig Gebrauch machte, um seine grรถรŸten Idole zu verfolgen: Musiker aus der Country- und Bluesszene, die meistens von ihrem beschwerten Leben auf den Baumwollfeldern und ihrem Traum von einem anderen Leben sangen. Man erkennt sofort: Eine kรผnstlerisch-musikalische Ader wurde ihm bereits in die Wiege gelegt, die durch seine Idole noch verstรคrkt wurde. Auch in der Familie erfuhr er Unterstรผtzung fรผr sein Hobby.

Unter seinen sechs Geschwistern blickte er am meisten zu seinem zwei Jahre รคlteren Bruder Jack auf. In ihm fand Cash seinen ersten besten Freund. Doch leider sollte dieses Glรผck nicht lange wรคhren. Am 12. Mai 1944, als Johnny 12 Jahre alt war, erlitt sein Bruder einen schweren Unfall. Cash erinnerte sich Jahrzehnte spรคter in seiner Autobiographie daran: โ€žEs war schon merkwรผrdig. Es war, als ob ich gewusst hรคtte, dass irgendetwas nicht stimmte, doch ich konnte nicht sagen, was es war.โ€œ Spรคter erfuhr er, was nicht stimmte: Sein Bruder, der neben der Farmarbeit einen weiteren Job in der Holzverarbeitungsindustrie ausรผbte, um die Familie finanziell zu unterstรผtzen, stรผrzte auf eine Kreissรคge und wurde in Hรผfthรถhe regelrecht zersรคgt. Wenige Tage spรคter erlag er seinen schweren Verletzungen.

Ein riesen Schock fรผr die gesamte Familie, insbesondere fรผr den kleinen Johnny. โ€žNach Jacks Tod fรผhlte ich mich, als wรคre ich selbst gestorbenโ€œ, erinnerte er sich weiter. Er stรผrzte buchstรคblich in ein emotionales Loch. Die tiefe Trauer รผber den Tod seines Bruder sollte bis zuletzt in den ohnehin wehklagenden Rhythmen seiner Country- und Bluesmusik zu hรถren sein. Wahrscheinlich war es auch ein weiterer Antrieb Musik zu machen. Monate und Jahre vergingen, Baumwollfeld um Baumwollfeld wurde geerntet, als Johnny schlieรŸlich 1950, mitten im Kalten Krieg, sein 18. Lebensjahr erreichte. Da er in seiner Heimat keine berufliche Zukunft vor Augen hatte, meldete er sich bei der US Air Force freiwillig.

Um den Funk der Sowjets abzufangen wurde er im Fliegerhorst Landsberg/Lech stationiert. Da so ein Leben als Soldat, im Kalten Krieg aber keine 24/7 Gefechtsbereitschaft bedeutete, suchte er sich eine Nebenbeschรคftigung, die er nach seinem Dienst betreiben konnte. Und so vertrieb er sich seine Zeit, wer hรคtte es gedacht, mit Musik. Er grรผndete seine erste Band, die den Namen โ€žThe Landsberg Barbariansโ€œ tragen sollte, eine Anspielung auf die Truppenzeitung โ€žThe Landsberg Bavariansโ€œ. Von da an trat er regelmรครŸig zu Wohltรคtigkeitszwecken o.รค. auf. Im strengen Sinne kann sein Dienst am Vaterland auch gleichzeitig als eigentlicher Karrierebeginn gelten. Cash beendete 1954 seine Militรคrzeit als Staff Seargent. Es zog ihn zurรผck in die USA, genauer gesagt nach Memphis/Tennessee.

Kurze Zeit spรคter heiratete er Vivian Liberto, die er bereits 1951 wรคhrend eines Heimaturlaubs kennengelernt hatte. Aus ihrer Ehe stammten vier seiner Tรถchter. Zeitgleich ging es mit seiner Karriere steil bergauf: Ein Jahr spรคter verรถffentlichte er bereits seine erste Single, die aus dem Sprung Platz 14 der US Country Charts erreichte, noch dazu durfte er als Vorprogramm von Elvis Presley auftreten. Es folgten weitere Verรถffentlichungen und weitere hochgradige Erfolge.

Dieser neue, turbulente Lebensabschnitt ging jedoch nicht spurlos an ihm vorbei. Zur Bewรคltigung der steigenden Belastung begann Cash Amphetamintabletten einzunehmen. Erst eine am Tag, dann zwei, irgendwann unkontrollierbare Mengen. Die Tablettensucht nahm Einzug in sein Leben und zerstรถrte neben seiner Karriere zunehmend auch seine Ehe. Als sich seine Frau 1965 aufgrund seiner Sucht, des รผbermรครŸigem Drucks und vermutlich auch aufgrund seiner Liebschaft mit der Sรคngerin June Carter, die Cash auf einer seiner Tourneen kennengelernt hatte, von ihm scheiden lieรŸ, kam es dann zum zweiten Tiefpunkt in seinem Leben. Weil er die Scheidung nicht verkraftete, folgten Gewaltausbrรผche auf der Bรผhne und daraufhin Konzertabsagen. Alles was Cash besaรŸ und was ihn ausgemacht hatte, verlor er innerhalb kรผrzester Zeit. Genauso schnell wie er zum Star aufgestiegen war,stรผrzte er auch wieder in die Tiefe.

Doch es sollte nicht lange dauern, bis Cash mit der Hilfe June Carters, die ein paar Jahre spรคter seine Ehefrau wurde, seine Sucht รผberwand und es zurรผck auf die Bรผhne schaffte. Bereits zwei Jahre nach seinem Absturz gab er sein erstes Konzert im nรผchternen Zustand. Und weiter ging es mit dem Tourneeleben. Es folgten weitere Erfolge, wie der legendรคre Auftritt im Folsom Prison, seine eigene Fernsehshow oder die Aufnahme in die Hall of Fame der Countrysรคnger. Doch erneut sollte das Glรผck nicht lange wรคhren. Nach einer schweren Augenoperation 1981 holten ihn seine alten Dรคmonen wieder ein. Infolge der Einnahme von Schmerzmitteln entwickelte er abermals eine schwere Tabletten- und Alkoholsucht. Wieder stรผrzte Cash im freien Fall in den Abgrund.

Erneut waren es die engsten Menschen um ihn herum, die ihn durch diese schwere Zeit fรผhrten. 1983 รผberredeten ihn seine Frau June und seine Kinder, die Sucht in einer Klinik behandeln zu lassen. Gesagt, getan. Nach erfolgreicher Therapie sollte sich Cash ein weiteres Mal aufbรคumen und gab seinem Leben und der Karriere eine weitere Chance. Er hatte nun endlich den Sprung weg von den Drogen geschafft. An dieser Stelle kรถnnte erneut der Song โ€žHurtโ€œ einhaken. โ€žWhat have I become?โ€œ, fragt er in einer Zeile des Refrains.

Nun was hat sein Leben rรผckblickend aus ihm gemacht? Lassen Sie uns diese Frage gemeinsam beantworten. Zwar war dieser Einblick in sein Leben nur ein kleiner Ausschnitt โ€“ es gรคbe noch hunderte Zeilen, die man รผber sein bewegtes Leben verfassen kรถnnte โ€“ doch die Quintessenz wird daraus bereits deutlich. Man kann ihn folgendermaรŸen beschreiben: Er war ein einf
acher Mann, der sein Leben zunรคchst durch harte Arbeit bestreiten und schon sehr frรผh Bekanntschaft mit tiefer Trauer machen musste. Er schaffte den Sprung in ein besseres Leben, verkraftete aber den schlagartigen Erfolg nicht, stรผrzte in die Versenkung, schaffte es aber wieder heraus und schlug sich abermals zurรผck an die Spitze. Dasselbe passierte einige Jahre spรคter und erneut kรคmpfte er sich zurรผck. Viele Male war Johnny Cash dem Tod von der Schippe gesprungen.

Selbstverstรคndlich ist der รผbermรครŸige Drogenmissbrauch aufs schรคrfste zu verurteilen. Bemerkenswert ist jedoch welche groรŸe Willenskraft Johnny Cash hatte. Wรคhrend Kรผnstler wie Elvis Presley, Jim Morrison oder als jรผngeres Beispiel Amy Winehouse an den Folgen ihrer Drogeneskapaden zugrunde gingen, lieรŸ sich Johnny Cash sich zu keiner Zeit von seinem persรถnlichen Schicksal, noch von irgendwelchen Drogengeschichten unterkriegen. Zwar stรผrzte er mehrfach buchstรคblichin den Dreck, so dass er bis zum Hals darin steckte, doch bis zuletzt funktionierte und lebte er fรผr seine Musik und seine Frau June. Er war eine wahrliche Kรคmpfernatur.

Was kรถnnen wir nun aus seiner Lebensgeschichte lernen? Ich denke eine ganze Menge. Als erstes sehen wir, was es bewirkt, wenn ein Mensch an etwas glaubt. Seien es Ideale, Wertvorstellungen, irgendwelche banalen Dinge oder sogar Gott, ganz egal. Bei Johnny Cash war es die Liebe zu seiner Frau und der Musik sowie sein unerschรผtterlicher christlicher Glaube, der ihm Kraft verlieh. Und er tat daran Recht. Es ist etwas urtรผmliches, das uns Menschen von Anbeginn unserer Zeit begleitet und das uns zudem macht, was wir sind. Auch die Geschichte hat uns oft gelehrt, dass der Glaube Berge versetzen kann. Besonders in dieser mythen- und heldenlosen Zeit, wie wir sie gerade erleben, ist es wichtig an etwas zu glauben. Es ist selbstverstรคndlich, dass sich daraus auch Fehler ergeben kรถnnen. Das ist vรถllig in Ordnung. Blicken wir auf Cashs Leben, sehen wir, dass man diese durchaus begehen darf. Das Wichtigste dabei ist allerdings, dass man die Verantwortung dafรผr รผbernimmt und sich konsequent darum kรผmmert.

Die Fรคhigkeit Verantwortung zu รผbernehmen und Rรผckgrat zu zeigen wird in der heutigen Gesellschaft ebenfalls immer seltener. Vielleicht liegt es daran, dass Mรคnner heutzutage nicht mehr mรคnnlich sein dรผrfen und Frauen in hohen Positionen vor allem auf ihre Karriere und Macht aus sind. Beispiele dafรผr finden wir zuhauf. Sowohl im privaten als auch im รถffentlichen Leben. Blicken wir nur auf IM Erika und ihre Lakaien…

Johnny Cashs Leben kann uns heute ein Beispiel dafรผr sein, dass es sich lohnt fรผr seinen Glauben und seine Werte einzustehen. Besonders in dieser vom linken Mainstream dominierten Zeit ist es wichtig sich davon abzuheben und sich gegen die systematische Abschaffung von altbewรคhrten Werten und Normen zu wehren, indem wir sie aktiv vorleben. Also liebe Leser, lasst uns von Johnny Cashs Lebenseinstellung lernen. Sie kann uns zwar keine Unsterblichkeit, dafรผr jedoch eine gewisse Unverwundbarkeit verleihen. Denn wie sagt man so schรถn? Totgesagte leben lรคnger!

ABOS

Bรผcher

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