Nach der ersten Debatte, die extrem chaotisch verlief, war es letzte Nacht (nach europรคischer Zeit) so weit: Trump und Biden trafen ein letztes Mal aufeinander. Wie wรผrde es verlaufen? Viel wurde im Vorfeld spekuliert, nicht Wenige erwarteten eine รคhnliche Schlammschlacht wie in der ersten Debatte.
Zumindest diese Befรผrchtungen, so viel lรคsst sich direkt zu Beginn sagen, haben sich nicht bestรคtigt. Beide lieรen einander reden, beide unterbrachen sich kaum. Die Moderatorin Kristen Welker tat dies dafรผr umso รถfter. Laut Fox News wurde Trump wรคhrend der Debatte 111 Mal unterbrochen, Biden 22 Mal. Vor allem wenn Trump auf die Geschรคftsbeziehungen von Joe Bidens Sohn Hunter zu sprechen kam, schien Welker sich an ihren Fragenkatalog zu erinnern.
Trotz dieses Handicaps schlug Trump sich diesmal deutlich besser, lieร persรถnliche Angriffe fast komplett weg und attackierte Biden stattdessen auf der inhaltlichen Ebene. Dieser verstrickte sich in Widersprรผchen, leugnete zunรคchst nachdrรผcklich, dass er Fracking und die Fรถrderung von Erdรถl stoppen wolle, was er nachweislich mehrfach angekรผndigt hat, nur um Minuten spรคter zu sagen, dass er den Energiesektor bis 2025 CO2-neutral machen wolle, was konkludent eine Abschaffung dieser Energiequellen bedeuten wรผrde. โYou said that on tape!โ, hielt Trump ihm entgegen. Biden erwiderte: โShow me that tape! Put it on your website!โ. Dieser Bitte kam Trump noch in der vergangenen Nacht nach.
Biden lieferte viele auswendig gelernte Phrasen, die er teilweise bereits in der ersten Debatte zum Besten gegeben hatte (โYou didnโt panic! He panicked!โ). Daneben waren es Sonntagsreden, die ihm scheinbar seine PR-Leute vorbereitet hatten. Authentisch wirkte sein Auftritt jedenfalls nicht, wenn er von โempty chairsโ am Kรผchentisch sprach, weil Angehรถrige an Corona gestorben seien. Die Schuldzuweisung an Trump wirkte ebenso unglaubwรผrdig wie sein โKonzeptโ fรผr die Bewรคltigung der Pandemie, welches vor allem Krokodilstrรคnen, Dramatisierungen und Maskenfetisch beinhaltete, wie man ihn hierzulande von den etablierten Parteien kennt.
Trumps Erwiderung, dass die demokratisch regierten Staaten mit harten Shutdowns in den Statistiken was Infektions- und Todeszahlen angeht, nicht besser sondern eher schlechter dastehen als die Staaten ohne harte Shutdowns, bรผgelte Biden mit der Floskel โI donโt know red states or blue states I only know the United States of Americaโ ab, was zu Deutsch etwa heiรt: โIch kenne keine demokratischen oder republikanischen Staaten, ich kenne nur die Vereinigten Staaten von Amerika.โ. Auch hier der deutliche Unterschied: Sonntagsredner Biden und Prรคsident Trump, der einfache Worte fand. Trump tat gut daran, Biden ein bisschen mehr Beinfreiheit zu geben. Nicht nur bei der erst doch, dann nicht, dann doch geรคuรerten Forderung, Erdรถlfรถrderung und Fracking zu beenden.
Here you go @JoeBiden! pic.twitter.com/UBqPJT85Pt
โ Donald J. Trump (@realDonaldTrump) October 23, 2020
Biden sagte haarstrรคubende Dinge, die man inhaltlich nicht von einem moderaten Demokraten erwarten wรผrde. Er wolle fรผr elf Millionen illegal im Land Lebende ab Tag eins seiner Prรคsidentschaft einen Weg hin zur amerikanischen Staatsbรผrgerschaft ebnen. Ebenso sprach er sich fรผr einen Mindestlohn aus. Er unterstรผtzte damit indirekt das, was Trump bereits seit Beginn des Wahlkampfes sagt: Biden ist das moderate Gesicht fรผr einen radikal linken Kurs, den Kamala Harris, Alexandra Ocasio-Cortez und andere Parteilinke ihm, wenn er erstmal gewรคhlt ist, aufzwingen werden.
Seine eigenen Inhalte blieben hรคufig schwammig und seinen Versuch, sich als optimistischer Macher und ebenbรผrtiger Kontrahent zu Trump in Szene zu setzen, unterband dieser, indem er immer wieder fragte: โWhy didnโt you do that when you were Vice President?โ. Eine befriedigende Antwort darauf hatte er nicht parat.
Das Feld der โidentity politicsโ, welches die Demokraten im Wahlkampf als eines ihrer Steckenpferde auserkoren haben, ging in der Debatte bestenfalls unentschieden aus. Trump betonte, dass er mit Rassismus nichts zu tun habe (โIโm the least racist person in this room.โ) und konnte einige scharfe Angriffe auf Biden fahren, als er ihn daran erinnerte, wer die von ihm angeprangerten Kรคfige fรผr illegal eingewanderte Kinder einfรผhrte (es war Prรคsident Obama mit Biden als Vize).
Eine Wahl, bei der aus Sicht der meisten Wรคhler nicht der beliebtere Kandidat, sondern das kleinere รbel gewรคhlt werden muss, konnte Prรคsident Trump einige schlagkrรคftige Argumente ins Feld fรผhren, wieso Joe Biden dies nicht ist. Bei einer derart gespaltenen Wรคhlerschaft kommt es aus Sicht der Kontrahenten aber vor allem darauf an, ihre Anhรคnger zu mobilisieren beziehungsweise die des jeweils anderen zu demobilisieren. Trump konnte auch hier ein paar echte Wirkungstreffer erzielen. Doch Biden war nicht der Tattergreis, als den ihn die Trump-Unterstรผtzer gerne darstellen. Der 77-Jรคhrige Demokrat wirkte klar und brachte durchaus auch ein paar strukturierte Argumente hervor. Alles in allem aber war es ein klarer Punktsieg fรผr Trump.
