Spรคtestens nach dem Harperยดs Letter und dem รคhnlich ausgerichteten โAppell fรผr freie Debattenrรคumeโ von Gunnar Kaiser und Milosz Matuschek, entzรผndet sich auch hierzulande die Debatte um โCancelcultureโ โ gemeint ist eine Unkultur der Zensur, Stigmatisierung und Kontaktschuld โ die in einem zunehmend giftiger werdenden Klima des Meinungstotalitarismus mit politisch korrekten Sprachregelungen zusammenfรคllt.
Hรถchste Zeit also, im Rahmen eines ebenso harten wie fairen Schlagabtauschs die stark polarisierenden Fragen zu diskutieren, ob eine sogenannte Cancelculture รผberhaupt existiert, oder ob es sich hier lediglich um den erwartbaren, mutigen Widerspruch der Zivilgesellschaft handelt, und ob Sprachregelungen notwendige Konsequenz einer sensibler werdenden und inklusiveren Gesellschaft seien.
Der Fehdenhandschuh wurde geworfen im fรผr kontroverse Berichterstattung bekannten รRR, genauer in Frank Plasbergs Format โHart aber fairโ vom 5.10.2020. Und was wรผrde sich besser dazu eignen um die unterschiedlichen Pole und Bruchlinien herauszuarbeiten, als Linke gegen etwas weniger Linke antreten zu lassen?
Es spielt dabei keine Rolle, wie der als Opposition zum zensurfreudigen Zeitgeist geladene Schriftsteller Jan Weiler sich selbst im politischen Koordinatensystem verorten wรผrde. Die Tatsache, dass er โNegerkรถnigโ in Pippi Langstrumpf nicht durch โSรผdseekรถnigโ ersetzen mรถchte, darf nicht darรผber hinwegtรคuschen, dass man sich in Talkrunden dieser Art lediglich รผber Geschwindigkeit und Intensitรคt der Progression uneins ist, nicht aber รผber die Notwendigkeit der Progression hin zu einer gerechten โ weil gleichen โ Gesellschaft selbst, etwa wenn die Chefredakteurin des Philosophie Magazins Svenja Flaรpรถhler, ebenfalls in der Funktion der Oppositionellen, konstatiert, sie sei fรผr eine Sensibilisierung der Gesellschaft und fรผr eine diskriminierungsfreie Sprache, sich aber Sorgen darรผber macht, dass โeine Entwicklung, die an sich gut ist, in etwas Destruktives umkippt.โ Diskutiert wird also nicht die Frage, ob aus politischen Motiven an Sprache herumgedoktert werden sollte, sondern nur, bis zu welchem Grad es wรผnschenswert ist.
Dass Cancelculture existiert, erleben wir an jeder Ecke; dass sich โSprache wandeltโ, in vielen Fรคllen nicht als organischer Prozess von unten nach oben, sondern von oben aufoktroyiert, ebenfalls. Der Vogel wird nur immer dann abgeschossen, wenn uns diese Vorgรคnge als Lauf der Dinge, ja als das Normalste der Welt verkauft werden sollen. Wie schon Ferda Ataman, Ko-Vorsitzende des Vereins Neue deutsche Medienmacher*innen, eine massiv subventionierte Lobbyorganisation, die den Negativpreis โGoldene Kartoffelโ fรผr eine โrealitรคtsferne und verzerrte Berichterstattung รผber Einwandererโ verleiht, und einige andere vor ihr, will uns diesmal der linke Aktivist im Journalistenkostรผm, Stephan Anpalagan, in vรถlliger Verkennung der unterliegenden Machtstruktur, weismachen, dass es Cancelculture und Sprachregeln immer schon gegeben habe und diese nichts anderes seien, als die Manifestation des gesamtgesellschaftlichen Anstands, der Sittsamkeit und ganz allgemein Ausdruck des gesunden Menschenverstandes. Vergleichbar mit Benimmregeln etwa in Form des Knigges.
Wenn der Berliner Justizsenator Dirk Behrendt (Grรผne) fรผr seine Untergebenen im รถffentlichen Dienst vorsieht, den in Kalenderwoche 38 noch als unproblematisch geltenden Begriff โMensch mit Migrationshintergrundโ kรผnftig durch โMensch mit internationaler Geschichteโ und โAuslรคnderโ durch โEinwohnender ohne deutsche Staatsbรผrgerschaftโ zu ersetzen, dann wirkt hier also lediglich der fรผr alle klar umrissene gesunde Menschenverstand.
Eine bestechende Logik! Man kรถnnte allerdings auch auf die Idee kommen, dass es sich um Steven Pinkers politisch motivierte Euphemismus-Tretmรผhle handelt. Ob das stรคndige Anpassen von Begriffen dabei รผberhaupt irgendetwas bewirkt, ist zweifelhaft, da sich die zu vermeidende negative Konnotation auf den neu gewรคhlten Begriff รผbertrรคgt, solange sich die tatsรคchlichen Verhรคltnisse nicht รคndern. Daher spielt es keine Rolle, ob man von einem verhaltensauffรคlligen oder einem verhaltensoriginellen Kind spricht, jeder weiร, dass man es mit einem Rotzlรถffel zu tun hat. Diese Sprachkosmetik dient lediglich dazu, bestimmte Sachverhalte zu verschleiern und darf nicht mit unseren Bemรผhungen um eine korrekte Sprache verwechselt werden, die auf das genaue Gegenteil abzielen, nรคmlich mit prรคzise definierten Begriffen die Wirklichkeit mรถglichst akkurat beschreiben zu kรถnnen.
In Bezug auf Geschlechter liegt laut dem Berliner โLeitfaden fรผr diversitysensiblen Sprachgebrauchโ auf der Hand, dass โsie sich nicht als ein Junge fรผhlt, sondern โein Junge istโ. Sie wurde nรคmlich nicht als Junge geboren, sondern lediglich bei der Geburt โals mรคnnlich eingeordnetโ.
Spรคtestens hier stellt sich die Frage, ob man in einem Maรe weltfremd sein kann, das notwendig ist, um die politische Dimension dieses Aktionismus zu leugnen, oder ob man verschlagen genug ist, sie bewusst zu verschweigen.
Das biologisches Geschlecht nicht nur fรผr ein รผberholtes Konzept zu erklรคren, sondern auch die Sprache dahingehend anzupassen, ist sowohl Ideologie in Reinform als auch grรถรtmรถgliche Machtdemonstration.
Der gleichen abenteuerlichen Blindheit entspringen die Beteuerungen, es handele sich bei derlei Eingriffen ja nur um โRichtlinienโ und โVorschlรคgeโ, zu deren Umsetzungen niemand gesetzlich gezwungen werden wรผrde.
Da in Deutschland anno 2020 nichts stรคrker wirkt als die moralische Verpflichtung, signalisiert sie doch die Zugehรถrigkeit zum โGewinnerteamโ, dรผrfte auch daran kaum jemand ernsthaft glauben.
Insofern wรคre es ehrlicher, wenn Stephan Anpalagan nicht von Anstand und von nachvollziehbaren, akzeptablen und freiwillig eingehaltenen Sittengeboten sprechen wรผrde, sondern einfach zugibt, dass er einer politischen Ideologie anhรคngt, die das Konzept von Mann und Frau fรผr einen vom Partiarchat erfundenen Unterdrรผckungsmechanismus hรคlt und sich darรผber freut, dass seine Gesinnungsgenossen in einem Maรe gesellschaftliche und damit politische Macht kumulieren konnten, dass sie nun den Mitgliedern dieser Gesellschaft diktieren kรถnnen, in welcher Form und mit welchen Termini รผber dieses Thema gesprochen wird. Genau diese Macht ist es, die Haltungsjournalisten wie Anpalagan anzieht wie Motten das Licht.
Ein angenehmer Nebeneffekt der gesellschaftlichen Hegemonie, die Phรคnomene wie Kontaktschuld รผberhaupt erst wirksam werden lรคsst, ist der Umstand, dass man sich echte Debatten sparen und es sich stattdessen mit diversen Diffamierungsvokabeln gemรผtlich machen kann. Anpalagan selbst weiss zum Beispiel gar nicht genau, was an Lisa Eckharts Auftritt aus dem Jahr 2018 antisemitisch gewesen sein soll. Es reicht ihm, dass der Zentralrat der Juden den Inhalt als antisemitisch markiert hat, um dafรผr zu plรคdieren, Eckhart kรผnftig die Bรผhne zu entziehen.
Das pathologisches Muster, trotz Abwesenheit von Argumenten zur tonangebenden Klasse gehรถren zu dรผrfen, liefert allein schon den Beleg fรผr eine im Niedergang befindliche Gesellschaft. Von dieser rohen, formenden Kraft sind wir in den Katakomben des digitalen Untergrunds noch Lichtjahre entfernt. Die Frage nach dem โWas wรคre wenn?โ wird dennoch in einiger Regelmรครigkeit gestellt.
In einem vielfach als kritisch aber ausgewogen wahrgenommenen Artikel รผber den โAppell fรผr freie Debattenrรคumeโ von Jan Freyn auf zeitonline spekuliert der Autor รผber die Wahrhaftigkeit der Unterzeichner, insbesondere derjenigen der rechtskonservativen Fraktion. Sollten sie einmal die Diskurshoheit erlangen, wรผrde sich in eben jenem Moment entscheiden, wie sie es tatsรคchlich mit der freien Rede halten.
Das Miรtrauen gegenรผber der Redlichkeit rechter Akteure ist tief verankert. Ein gรคngiger Vorwurf l
autet, dass Rechte und Konservative eben nicht am Austausch von Meinungen interessiert sind, sondern eine Cancelculture von Links durch eine von Rechts ersetzen mรถchten, um ihrerseits der Gesellschaft diktieren zu kรถnnen, wo es lang geht.
Gar nicht so abwegig, wenn man bedenkt, dass die scheinbare Notwendigkeit des Zensierens von Meinungen, egal von welcher Seite, das indirekte Eingestรคndnis enthรคlt, dass der Mensch zumindest in der Masse eben kein Vernunftwesen, sondern manipulierbar ist, also mit โguten Erzรคhlungenโ versorgt und vor โschlechtenโ bewahrt werden muss.
Wenn in der Schweiz 63% der Bevรถlkerung gegen eine Begrenzung der Einwanderung votieren, kรถnnte man sich fragen, ob nicht auch gewisse Erzรคhlungen unterdrรผckt hรคtten werden mรผssen. Oder lag es eher daran, dass sie sich zu lange unwidersprochen entfalten konnten? Kann man darauf vertrauen, dass die Masse รผberhaupt in der Lage ist, das bessere Argument zu erkennen?
Die ehrliche Frage lautet also: Wรผrden wir zensieren, wenn wir die Macht dazu hรคtten? Wรผrden wir Schmierentheater wie die Amadeu-Antonio-Stiftung verbieten? Als โKรผnstlerkollektivโ getarnte Denunzianten wie das Zentrum fรผr politische Schรถnheit oder das Propagandanetzwerk Funk?
Es mag sicherlich einige Befรผrworter geben, aber die meisten wรคren wahrscheinlich schon zufrieden, wenn sie diese Umtriebe nicht mit ihrem Steuergeld finanzieren mรผssten.



