Thomas William Bowlby, britischer Pionier der Kriegsberichterstattung, starb am 22. September 1860 in Tongzhou, jetzt ein Ortsteil der stark gewachsenen chinesischen Hauptstadt, nachdem er von seinen chinesischen Entfรผhrern schwer gefoltert worden war.
Geboren wurde er am 7. Januar 1818 in Gibraltar als Sohn von Thomas Bowlby, Kapitรคn der Royal Artillery, und Williamina Martha Arnold Balfour, Tochter von Generalmajor William Balfour. Als Bowlby klein war, zogen seine Eltern in die englische Hafenstadt Sunderland, wo sein Vater mit Holz zu handeln begann.
Nach Abschluss der Schule studierte Bowlby Jura und zog dann nach London, um als Angestellter in einer Anwaltskanzlei zu arbeiten. 1846 wurde er Juniorpartner von Lawrence, Crowdy und Bowlby. Er verlor jedoch bald das Interesse an diesem Beruf und wollte eine Karriere als Schriftsteller verfolgen.
Obwohl er bis 1854 Mitglied dieser Firma war, ging er 1848 als Sonderkorrespondent der britischen Tageszeitung The Times nach Berlin. Aus Preuรen schrieb Bowlby รผber die โMรคrzrevolutionโ in anderen deutschen Staaten und verschiedenen Lรคndern Kontinentaleuropas.
Im Frรผhjahr 1860, dem letzten Jahr des Zweiten Opiumkrieges, reiste Bowlby nach China, um mit dem britischen Kolonialverwalter Lord Elgin (1811-1863), sowie dem franzรถsischen Diplomaten Jean-Baptiste-Louis Gros รผber diese Ereignisse zu berichten (1793-1870).
Der sie transportierende Dampfer SS Malabar sank am 22. Mai 1860 im ceylonesischen Hafen Point de Galle. Der Bericht รผber diesen Schiffbruch wird als eine seiner besten Arbeiten betrachtet.
Bowlbys Berichterstattung รผber Chinas politische und militรคrische Entwicklung, aber auch seine Beschreibungen von Teilen der รถrtlichen Kultur wie die Gartenbaukunst waren informativ und bei den Lesern sehr beliebt.
Nach der endlich erfolgten Einnahme des nรถrdlichen Hafens Tientsin durch anglo-franzรถsische Verbรคnde am 23. August begleitete Bowlby die britischen Diplomaten Henry Loch (1827-1900) und Harry Parkes (1828-1885) und ihr Gefolge zu Friedensverhandlungen mit kaiserlichen Beamten. Als die Gesprรคche scheiterten, lieร General Sengge Rinchen (1811-1865) alle Mitglieder der Delegation verhaften.
Bowlby und einige andere Gefangene, einschlieรlich Angehรถrige indischer Kolonialtruppen, wurden รผber mehrere Tage hinweg mit sich langsam verengenden Bรคndern und Wasserentzug zu Tode gefoltert. Die beiden Verhandlungsfรผhrer behandelte man weniger barbarisch und doch รผberlebten sie nur durch reines Glรผck, da Kaiser Xianfeng (1831-1861) ihre Hinrichtung anordnet hatte. Spรคter konnten die beiden die รberreste der Unglรผcklichen bergen.
Sein schrecklicher Tod und die Demรผtigung, die eine solche Behandlung fรผr das Empire darstellte, waren der Hauptgrund, warum Lord Elgin beschloss, den alten Sommerpalast, einen riesigen Komplex von Palรคsten und Gรคrten auรerhalb Pekings, als Vergeltung niederzubrennen.
Ohne Zweifel bleibt die Zerstรถrung aus Rache und die unentschuldbare Plรผnderung von unschรคtzbaren Kunstschรคtzen eine barbarische Tat, zumal darรผber hinaus wahrscheinlich Hunderte Menschen umkamen, die sich in den Gebรคuden versteckt hatten.
Von dem Mann, der sie befahl, ist nicht bekannt, dass er eine besondere Sensibilitรคt besessen hรคtte. Trotzdem fragte er einen franzรถsischen Kommandanten: „Was wรผrde The Times von mir sagen, wenn ich ihren Korrespondenten nicht gerรคcht hรคtte?“
Bowlbys verstรผmmelte Leiche wurde am 17. Oktober 1860 auf dem russischen Friedhof begraben, auรerhalb des Anding-Tors, einem Teil der im Jahre 1969 abgerissenen Pekinger Stadtmauer aus der Ming-Zeit. Seine letzte Ruhestรคtte ist heute ein Park und ein Golfplatz.
Das Tagebuch, das Bowlby bis zum 16. September fรผhrte, beschrieb anschaulich die Grausamkeiten, die er wรคhrend seines kurzen Aufenthalts im Reich der Mitte gesehen hatte: chinesische Zivilisten wurden von franzรถsischen Soldaten zu Tode bajonettiert und von britischen Feldgeschรผtzen zerfetzt. Was fรผr eine tragische Ironie, dass er selbst ein so schreckliches Ende nahm.
Einer seiner Sรถhne war der Armeeoffizier, kรถnigliche Chirurg und Pathologe Anthony Bowlby (1855-1929).
Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog von Flying Dutchman.

