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Der wahre Chad: Johann Sebastian Bach

12. November 2020
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Es ist Sonntag. Und wie jeden Sonntag feiert die evangelische Gemeinde der „Neuen Kirche“ im thรผringischen Arnstadt auch an diesem kalten Februarmorgen des Jahres 1706 den Gottesdienst. Nichts Ungewรถhnliches soweit, nur kรถnnen die Gemeindemitglieder einem wichtigen Bestandteil des Gottesdienstes, den von der Orgel begleiten Gesang protestantischer Kirchenlieder, nicht wirklich ausfรผhren.

Grund hierfรผr ist die Spielweise ihres Organisten: die nรคmlich ist nicht, wie man im ersten Moment denken kรถnnte, zu schlecht, nein, im Gegenteil, sie ist eher zu… wild, zu stรผrmisch. Normalerweise ist es so, dass die Gemeinde genau eine Choralzeile singt, dann folgt ein kleines Zwischenspiel des Organisten, welches zur nรคchsten gesungenen Zeile รผberleitet – so geht das immer weiter, Zeile fรผr Zeile, Strophe fรผr Strophe.

Doch mit diesem Organisten ist das kaum mรถglich: Entweder sind die Zwischenspiele zu lang, oder zu kurz, man weiรŸ gar nicht, wann man einzusetzen hat, und dann kommen diese schiefen, merkwรผrdigen Harmonien hinzu, die einem beim Singen mehr stรถren als helfen. Als wรคre das nicht genug, hรคlt sich dieser Kerl auch sonst nicht an die Regeln: So soll er sehr ruppig mit den Chormitgliedern umgehen, dann hat er es gewagt, mit einer โ€žfrembden Jungferโ€œ im Gottesdienst zu musizieren, und das schlimmste bis jetzt war die eigenmรคchtige Verlรคngerung seines vierwรถchigen Urlaubs, den er letztes Jahr im November angetreten hatte, um weitere acht (!) Wochen; erst Ende Januar ist er wieder zurรผckgekehrt.

Fรผr einen gerade mal 20-jรคhrigen Burschen erlaubt sich dieser Organist viel zu viele Freiheiten und Dreistigkeiten, und nach knapp drei Jahren ist die Geduld der Arnstรคdter am Ende. Doch wer ist nun dieser aufmรผpfige Jungspund? Und warum sollte das ausgerechnet einem Leser der Krautzone interessieren?

Sein Name ist Johann Sebastian Bach. 1685 in Eisenach geboren, hat er als Sprรถssling einer im Thรผringer Raum weitverzweigten Musikerfamilie seinen spรคteren Beruf in Wiege gelegt bekommen. Sein Vater Johann Ambrosius, Stadtpfeifer in Eisenach sowie Hoftrompeter bei einem der vielen thรผringischen Fรผrsten, sowie dessen Cousin Johann Christoph, der Organist in Eisenach war, mรผssen dem kleinen Johann Sebastian schon die ersten musikalischen Grundlagen beigebracht worden sein.

Als er mit zehn Jahren Vollwaise wurde, zog er zu seinem Bruder nach Ohrdruf, welcher seine Ausbildung weiter fortfรผhrte. Bach war muss ein fleiรŸiger Schรผler gewesen sein, sein Wissensdrang fรผhrte sogar dazu, dass er in der Nacht Noten entwendete, die ihm aufgrund des Schwierigkeitsgrades verwehrt wurden, und bei Vollmond mรผhsam abschrieb. Die Fรผrsorge jedenfalls, die sein groรŸer Bruder ihm entgegenbrachte, sollte Bach nie vergessen, sodass er nach dem Tode des Bruders dessen minderjรคhrigen Sohn eine Zeit lang bei sich aufnahm.

Mit 18 Jahren durfte er, nicht zuletzt dank des weit verzweigten Familiennetzwerkes, die neugebaute Orgel der โ€žNeuen Kircheโ€œ in Arnstadt testen. Der Arnstรคdter Rat war von seinem Orgelspiel so beeindruckt, dass sie ihm sogleich eine Stelle als Organisten offerierten โ€“ ein Angebot, das dieser junge Musiker nicht ausschlagen konnte. Die oben genannten Auseinandersetzungen mit der Gemeinde lieรŸen jedoch nicht lange auf sich warten. Bachs an den Tag gelegte Sturheit und Eigensinnigkeit sind Charakterzรผge, die er bis an sein Lebensende beibehalten wird, jedoch waren sie die treibende Kraft hinter seiner unermรผdlichen Wissbegierde und Schaffensdrang.

Seinen Urlaub etwa nutzte er nicht zum MรผรŸiggang, sondern um zu FuรŸ ins 400 km entfernte Lรผbeck zu marschieren und den dort lebenden Komponisten Dietrich Buxtehude kennenzulernen. Damit war in Bachs Augen auch die selbst autorisierte Verlรคngerung seines Urlaubs gerechtfertigt.

Immer wieder wird sich Bach mit seinen Vorgesetzen und Arbeitgebern anlegen. Als er im Jahre 1717 von Weimar nach Kรถthen ziehen will, weil er sich beim dortigen Fรผrsten bessere Arbeitsbedingungen und einen hรถheren Lohn verspricht. Sein bisheriger Dienstherr, Herzog Wilhelm Ernst von Sachsen-Weimar-Eisenach, sieht das als Verrat an und inhaftiert Bach, muss ihn aber nach vier Wochen wieder frei lassen โ€“ nicht zuletzt durch den Druck anderer deutscher Monarchen, insbesondere Bachs neuer Arbeitgeber Fรผrst Leopold von Anhalt-Kรถthen setzt sich fรผr ihn ein.

Nachdem Bach 1723 in Leipzig zum neuen Thomaskantor gewรคhlt wurde, folgten bald darauf wieder Auseinandersetzungen mit den dortigen Autoritรคten. Dieses Mal ging es vor allem um Bachs Musik: Sie sei zu schwรผlstig, zu schwer, warf man ihm vor, sie treffe nicht mehr den Geschmack der Zeit, sie sei zu โ€žopernhaftigโ€œ und gehรถre damit nicht in den Gottesdienst. Der Zwist fรผhrte sogar dazu, dass Bach fรผr die Auffรผhrung seiner Matthรคuspassion (BWV 244), ein ca. drei Stunden dauerndes Meisterwerk und ein Hรถhepunkt europรคischer Musik, nicht entlohnt wurde. Man sollte all diese Streitereien jedoch nicht als bloรŸe, destruktive Rebellion oder gar als Widerstand gegen die Ordnung an sich ansehen: Jedes Mal, wenn Bach sich mit den Autoritรคten anlegte, versuchte er, seine musikalischen Vorstellungen durchzusetzen, die selten den Vorstellungen seiner Vorgesetzten entsprachen.

Mit seinem Dienstherrn in Kรถthen z. B., Fรผrst Leopold, hatte er bis zu dessen Tod ein fast freundschaftliches Verhรคltnis. Generell legte Bach einen ungeheuren FleiรŸ an den Tag; als neuer Thomaskantor komponierte er mindestens in den ersten zwei Jahren zu jedem Sonntag eine neue Kantate, also ein geistliches Werk, in dem Themen und Texte aus der Bibel verarbeitet werden. Sogar groรŸangelegte Projekte zu Weihnachten, Karfreitag und Ostern lรคsst er realisieren, ohne dass diese vom GroรŸteil des Publikums, darunter vom Leipziger Rat, groรŸartig wertgeschรคtzt werden. Sogar die โ€žfreieโ€œ Zeit wรคhrend seines Gefรคngnisaufenthalts in Weimar blieb nicht ungenutzt: Dort sollen die ersten Noten des ersten Teils des โ€žWohltemperierten Klavierโ€œ niedergeschrieben worden sein.

Bis kurz vor seinem Tod 1750 komponierte fast ununterbrochen. Fรผr die โ€žKunst der Fugeโ€œ (BWV 1080), eines seiner komplexesten Werke, diktierte er, mittlerweile vollstรคndig blind und schwer krank, seinen Sรถhnen und Schรผlern die aufzuschreibenden Noten. Er starb, bevor er es hatte vollenden kรถnnen.

Im privaten Bereich bewies sich Bach als ernster, aber liebevoller Vater. Im Jahre 1706 ehelichte er seine Cousine zweiten Grades Maria Barbara Bach; der Liebesheirat folgten insgesamt sieben Kinder, von denen zwei, Wilhelm Friedemann (1710-1784) und Carl Philipp Emanuel Bach (1714-1788), spรคter in die FuรŸstapfen des Vaters treten und europaweit berรผhmte Komponisten werden sollten. Gemeinsames Altern war dem Ehepaar jedoch nicht vergรถnnt: Maria Barbara starb plรถtzlich mit 35 Jahren in Kรถthen; ihr Mann erfuhr von ihrem Ableben erst nachdem er von einer Reise mit Fรผrst Leopold zurรผckkehrte. Bei seiner Ankunft war sie schon begraben. Es wird vermutet, dass er Bach seine Trauer in der โ€žChromatischen Fantasie und Fugeโ€œ (BWV 903) verarbeitete.

Bach verliebte sich danach erneut, dieses Mal in die Sopranisten Anna Magdalena, die er 1721 heiratete und ihm dreizehn Kinder schenkte. Zwei dieser Kinder, Johann Christoph (1732-1795) und Johann Christian (1735-1782), wurden ebenfalls berรผhmte Musiker; Letzter hatte sogar groรŸen Einfluss auf den jungen Wolfgang Amadeus Mozart. Doch auch Bachs zweite Ehe war mit Tragik รผberschattet: Insgesamt musste das Paar sieben Kinder begraben. Dies und die Streitereien mit den Leipziger Autoritรคten fรผhrten bei Bach vermutlich zu einer Schaffenskrise. Fรผr die รผberlebenden Kinder sorgte er sich hingabevoll; vor allem die vier kompositorisch begabten Sรถhne erhielten vom Vater eine intensive musikalische Ausbildung und diente ihnen auch nach seinem Tod stets als Vorbild.

Man sieht, Bach ist nicht nur ein genialer und inspir
ierender Komponist. Ohne Bach zu sehr verklรคren zu wollen, das hat man im 19. Jahrhundert schon genug getan, kann man, gerade aus einem libertรคr-reaktionรคren Blickwinkel gesehen, seine Rolle als Familienvater und Ehemann sowie seine gewissenhafte Pflichterfรผllung zum Vorbild nehmen. Mit einer gesunden Mischung aus Strenge und Fรผrsorge zog Bach zehn Kinder heran, von denen vier in sein musikalisches Erbe antraten.

Ohne seine eigene Familie hรคtte er in jungen Jahren nie die Ausbildung gehabt, die ihn zu jenem Meister hat werden lassen. Ebenfalls ist sein Eifer zur Pflichterfรผllung einerseits und zur steten Weiterbildung anderseits beispielhaft. Insbesondere in seinen reiferen Jahren arbeite Bach mehr als seine Pflicht es verlangte und tat dies trotz der Geringschรคtzung seitens seiner Vorgesetzten. Gleichzeitig strebte er immer danach, seine Fรคhigkeiten auszubauen und zu verbessern und war dabei stets offen, sich neue Dinge anzueignen. Ebenfalls versรคumte er es nicht, sich gegen Autoritรคten aufzulehnen, von welchen er sich ungerecht behandelt fรผhlt, ohne dabei das Konzept der Hierarchie an sich anzugreifen. Jene Mischung aus unerschรถpflichen Pflichterfรผllungseifer, sprichwรถrtlichen โ€žMannesmut vor Fรผrstenthronenโ€œ sowie vรคterlicher und ehelicher Fรผrsorglichkeit ist es, die ein jeder Libertรคrer und Reaktionรคrer zum anzustrebenden Ideal erheben sollte.

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