Die Londoner Dead Poets Society hat zum traditionellen Nachmittagstee geladen. Am Tisch der herausragenden britischen Kinderbuchdichter erwarten Charles Dickens und Enid Blyton ein neues Clubmitglied. Heute Morgen verkรผndete der vom Butler frisch aufgebรผgelte โDaily Telegraphโ, Joanne Rowling, Schรถpferin des โHarry-Potterโ-Universums, sei gestern Nacht an den Folgen eines Attentates erlegen. Die Mitglieder des โExekutionskommandos Alexandria Ocasio-Cortezโ hรคtten sich bereits zu dem Anschlag bekannt. In der Begrรผndung hieร es, Joanne Rowlings Weigerung, Frauen als โMenschen, die menstruierenโ zu bezeichnen sei unverzeihlich gewesen, ihre Geburt musste rรผckgรคngig gemacht werden.
Verschรคmt gesteht der โDaily Telegraphโ ein, Joanne Rowling habe Millionen Kindern auf dem gesamten Erdball das Lesen gedruckter Bรผcher wieder schmackhaft gemacht und nach einem Jahrzehnt der Videospiele und Gameboys eine ganze Generation vor dem Analphabetismus gerettet. Dieses Argument kann der โGuardianโ selbstverstรคndlich nicht gelten lassen. Kaum bis gar keine Kinder in muslimischen Lรคndern wie Saudi-Arabien, der Tรผrkei oder Birmingham hรคtten sich fรผr die hochkomplexe und facettenreiche magische Welt aus der Feder Joanne Rowlings begeistern kรถnnen, was eindeutig die Schuld der westlichen Schรถpferin gewesen sei.
Mit spitzen Worten bemรคngelt auch der โDaily Mirrorโ, Joanne Rowlings spรคte Beteuerungen, zumal vom Wortlaut der Bรผcher nicht gedeckt, Dumbledore sei immer schon schwul und Hermine stets dunkelhรคutig gewesen, kรถnnten nicht รผber Hass und Hetze hinwegtรคuschen, die Joanne Rowling in ihren Bรผchern gegenรผber Minderheiten gesรคt habe.
In den abtrรผnnigen Provinzen, so stellen die Mitglieder der Dead Poets Society fest, gratuliert die โNew York Timesโ den Buttersรคure-ins-Gesicht-Kipper*innen und der โSan Francisco Chronicleโ bewundert die Bรผcherverbrennungen, die vor dem Nancy-Pelosi-Institut fรผr plastische Chirurgie stattfinden. Was โSpiegelโ, โZeitโ und โSรผddeutsche Zeitungโ auf Verlangen des โGesicht zeigen! Fรผr ein weltoffenes Deutschland e.V.โ รผber Joanne Rowlings Ableben schreiben, interessiert in der Dead Poets Society niemanden.
Treffen sich zwei Kinderbuchautorenโฆ
Pรผnktlich um fรผnf Uhr erscheint, was von Joanne Rowling รผbrig geblieben ist. Charles Dickens erhebt sich und bietet der neu gewonnen Dame einen Stuhl an. Die fรผhlt sich sehr geehrt, wie der geistige Vater des โOliver Twistโ und des โDavid Copperfieldโ, den Helden ihrer Kindheitstage, sie umgarnt. Dank ihrer spรคtviktorianischen Erziehung weiร auch Enid Blyton sich zu benehmen und begrรผรt Joanne Rowling von Frau zu Frau, die sich zu Lebzeiten mit dem Mythos der englischen Internatswelt kein schlechtes Zubrot verdient haben.
Angewidert schlรคgt Joanne Rowling die ausgestreckte Hand aus. Was Enid Blyton eigentlich in diesem erlauchten Kreise zu suchen hรคtte, sie habe nur fรผr ganz, ganz kleine Kinder schreiben kรถnnen und sei รผberhaupt eine groรe Lรผgnerin gewesen. Kein Kind erlebe in Wahrheit das von Blyton beschworene englische Landleben. Mit der gleichen Fassung, mit der Enid Blyton schon den Sommer 1940 durchgestanden hat, hรถrt sie Joanne Rowling weiter zu, als die ihr vorwirft, sie habe immer nur den plumpen Gegensatz beschrieben zwischen gut erzogenen Mittelklassekindern und hinterhรคltigen Gaunern, die nie aus dem englischen Bรผrgertum aber immer aus dem Ausland stammten. Bei Blyton stรผnde Mutti den ganzen Tag in der Kรผche und backe Apfelkuchen wรคhrend der selbstverstรคndlich kriegsunversehrte Papi drauรen den Garten pflege und das Auto repariere.
Keine dieser von Blyton erfunden Familien kenne Geldsorgen, obwohl Kinder schon frรผh die Bedeutung von Geld im Alltag kennen lernten und trotz Schuluniformen genau wรผssten, welche Schulkameraden arm und welche reich seien. Und vor allem hegten ihre adrett gekleideten Mittelklassehelden nie einen schmutzigen Gedanken, wรผnschten sich nie Alkohol zu trinken oder Zigaretten zu rauchen und seien รผberdies vรถllig hormonbefreit, nie am jeweils anderen der beiden Geschlechter interessiert. Worte wie die letzten verschafften Frau Rowling ihren vorzeitigen Zutritt in die Dead Poets Society.
Kritik von Leuten รผber zwรถlfโฆ
Enid Blyton verzieht keine Miene, nickt hรถflich und hรถrt sich den langen Sรผndenkatalog an, anhand dessen Frau Rowling indirekt erklรคrt, was ihr in den tatsรคchlich wesentlich vielschichtigeren โHarry Potterโ-Romanen besser gelungen ist. Dann erwidert Enid Blyton hรถflich: โKritik von Leuten รผber zwรถlf interessiert mich รผberhaupt nicht.โ
Denn diesen Satz hielt Enid Blyton schon zu Lebzeiten bereit, als ihr genau dieselbe Kritik entgegenschlug: Selbst fรผr englische Verhรคltnisse sei ihr Satzbau zu schlicht und ihr Wortschatz zu schmal. Die klischeehaften Charaktere seien zu einseitig gezeichnet und betrieben gern mal Klassenkampf von oben. Viel zu weiรe Kinderbanden suchten sich immer den รคltesten Jungen als Rรคdelsfรผhrer. Der besprรคche dann Strategie und Taktik mit den sich ihm unterordnenden Jungen, wรคhrend die Mรคdchen sich ohne Widerworte in die Kรผche zurรผckzรถgen und den Abwasch erledigten.
Und schlimmer noch: Die Kinder liebten diese Geschichten. Britische Bibliotheken mussten in den 1940er und 1950er Jahren sogar Quoten fรผr Nicht-Enid-Blyton-Bรผcher einfรผhren. Verlage gingen dazu รผber, selbst solche Bรผcher als Werke Enid Blyton auszugeben, die Enid Blyton gar nicht geschrieben hatte. Selbstredend schwappte die Enid-Blyton-Welle rasch auf Westeuropa und Nordamerika รผber und erreichte sogar die Kรผsten Japans. Auf die schon zu ihren Lebzeiten schรคrfer werdende Kritik an Stil und Aussage ihrer Bรผcher antwortete Enid Blyton stets: โKritik von Leuten รผber zwรถlf interessiert mich รผberhaupt nicht.โ
Ihr Erfolg sprach fรผr sie
Als die gute Frau 1968 den Zugang in die Dead Poets Society fand, hatte sie weit รผber 100 Millionen Bรผcher verkauft, weshalb Geldsorgen im Hause Blyton wahrscheinlich wirklich kein Thema mehr waren. Doch kaum hatte Blyton ihren ersten Fรผnf-Uhr-Tee mit Charles Dickens genossen, machten sich ihre kommerziell weniger bis gar nicht erfolgreichen Kritiker daran, Blytons Bรผcher aus รถffentlichen Bibliotheken und Schulen zu verbannen.
Insbesondere Frauen, deren eigene Kinder aus akademischen Kopfgeburten bestanden, รผbten vor allem in den 1970er Jahren Druck aus, die Progressionsbremse Kind nicht mehr in Kontakt mit den scheinbar reaktionรคren, in Wahrheit vรถllig unpolitischen und gerade deshalb so beliebten Bรผchern Enid Blytons kommen zu lassen. Diese Akademikerinnen legten Wert auf Bรผcher, die Mรคdchen ermutigten, in Mรคnnerrollen zu schlรผpfen und sich in deren Domรคnen durchzusetzen. Margaret Thatcher stรผrzte diese linken Blyton-Verรคchterinnen in eine schwere Identitรคtskrise.
Kindheitserinnerungen
Noch in den 1990er-Jahren verfilmte die schon damals linkslastige BBC eine leicht modernisierte Fassung der โFรผnf Freudeโ-Reihe, die ich mir als Kind schon aufgrund der eleganten englischen Oldtimer sehr gern angesehen habe und die am Zeitgeist des Jahres 2020 gemessen wie ein Propaganda-Film aus dem White-Supremacy-Faschismus anmutet. Da hilft auch die kleine Georgina nichts, die bereits in den Enid-Blyton-Bรผchern mit ihrem angeborenen Geschlecht hadert und grรถรten Wert auf den Namen George legt, was ihre Umgebung nach allerlei Augenrollen und trotz gelegentlicher Neckereien auch anerkennt.
Inzwischen treibt die Abkehr von der Enid-Blyton-Methode ganze Konzerne zum Insolvenz – oder Subventionsantrag. Enid Blyton ist nicht eine der meistรผbersetzten Schriftstellerinnen aller Zeiten, hat inzwischen nicht sechshundert Millionen Bรผcher verkauft, weil sie ihre Leserschaft gegen eine andere, vermeintlich moralisch รผberlegene austauschen wollte. Immer behielt Enid Blyton ihre Zielgruppe im Auge, deren Wรผnsche sie intuitiv erfassen und erfรผllen konnte.
Globohomos wollen es nicht verstehen
Enid Blyton betrieb weder Marktforschung noch bestellte sie externe Berater ein, die ihr empfahlen, das Portfolio radikal zu รคndern, ihren Kundenstamm zu diversifizieren, durch kritisches Weiรsein neue Mรคrkte in Randgruppen mit noch viel diverseren Untergruppen zu erschlieรen und auch politisch eine Haltung einzunehme, um ein Zeichen fรผr dieses und gegen jenes zu setzen. Da Asta-Vertreter, Irgendwas-mit-Medien-Dozenten und Soziologieprofessoren zumindest kรถrperlich รคlter als zwรถlf Jahre sind, entging Enid Blyton auch dem Unheil der Universitรคten.
Ein Mann, der in seiner Jugend ebenfalls ein Internat besuchte, dort aber garantiert nicht โHanni und Nanniโ gelesen hat, wandte die Enid-Blyton-Methode trotzdem konsequent an, als er im Jahr 2016 gezielt Wahlkampf in Florida und ansonsten fast ausschlieรlich im ehemals industriellen Rostgรผrtel von Pennsylvania รผber Ohio bis rauf nach Michigan betrieb. Seine Rivalin predigte dagegen รผber die LGBTQ-Community in den ohnehin blau wรคhlenden Staaten New York und Kalifornien. Sie provozierte bei ihr wohl gesinnten Zuhรถrern hรถhnisches Gelรคchter, als sie รผber den โbasket of deplorablesโ lรคsterte, derweil sie sich in Wisconsin nicht einmal blicken lieร. Umso lรคnger waren die Gesichter bei Clinton News Network (CNN), als in der Wahlnacht 2016 der Staat Wisconsin fรผr einen gewissen Donald Trump stimmte und ihn damit รผber die magische Grenze von 270 Wahlmรคnnern hievte.
Es ist eben die alte Schuleโฆ
Die Produzenten der โJames Bondโ-Filme haben mit der Besetzung von Lashana Lynch als kรผnftige 007 klar gestellt, in Zukunft massiv gegen die Enid-Blyton-Methode zu verstoรen. Das Desaster an der Kinokasse ist mit dieser โJaneโ Bond vorprogrammiert. Auf der nach unten hin offenen Kathleen-Kennedy-Skala markieren die feministische Neuverfilmungen von den โGhostbustersโ und den โDrei Engeln fรผr Charlieโ, die ebenso heftig gefloppten โBirds of Prey โ The Emancipation of Harley Quinnโ oder die achte Staffel von โGames of Thronesโ nur die vorlรคufigen Tiefpunkte.
Und wer weiร, vielleicht wรคren auch die Staatskirchen heute nicht so leer, die SPD nicht tot, die CDU noch Volkspartei, womรถglich wรคre die FDP nie an der Fรผnf-Prozent-Hรผrde gescheitert, vielleicht steckten die Auflagen von โSpiegelโ, โSternโ und โSรผddeutsche Zeitungโ nicht im Keller und hinter der FAZ noch immer ein kluger Kopf, wahrscheinlich brรคchte Disney sehenswerte โStar-Warsโ-Filme ins Kino und Gillette noch Herrenrasierer an den Mann, wenn sie alle sich an die Enid-Blyton-Methode gehalten hรคtten.
