Berlin war im Ausnahmezustand. Zehntausende Menschen haben sich vorletzten Mittwoch zusammengefunden, um friedlich gegen die รnderung des Infektionsschutzgesetzes zu demonstrieren. โDie grรถรte Protestbewegung seit ยด89โ, sagten viele. Innerhalb eines Dreivierteljahres ist es der Bewegung gelungen ein riesiges Netzwerk aufzubauen. Den Demonstrationsaufrufen der Grรผnder der sogenannten โQuerdenkerโ folgen Tausende und mit ihren Telegram-Kanรคlen erreichen Persรถnlichkeiten wie Samuel Eckert oder Michael Ballweg gar Hunderttausende.
Der Wind in Deutschland hat sich gedreht und ein Hauch von Revolution hรคngt in der Luft. Wรคhrend dessen schaut das patriotische Lager argwรถhnisch und etwas neidisch auf den plรถtzlichen Erfolg der neuen Bewegung und versteht nicht recht, wie es diesen gelingen konnte das zu erreichen, woran es selbst seit Jahren scheitert: Die Mobilisierung von Massen und das Tragen der eigenen Positionen in die Mitte der Gesellschaft und auf die politische Tagesordnung. Dies liegt nicht etwa an der unterschiedlichen Relevanz der Themen: Die demografische Bombe, moralischer und kultureller Verfall und ein Machtgewinn globalistischer Unternehmen und Institutionen mรถgen ebenso, wenn nicht noch wichtiger sein, als die zunehmend technokratische und autoritรคre Anti-Coronapolitik der Bundesregierung.
Digitaler Widerstand
Allein der breite Erfolg war bislang nur dem Widerstand gegen Letzteres beschieden. Dieser Erfolg der Querdenker-Bewegung zeigt sich unter anderem im digitalen Raum. Nachdem die YouTube-Kanรคle der Gesichter hinter den Coronaprotesten unlรคngst gesperrt wurden, wichen diese auf Alternativplattformen, wie Telegram und Dlive aus und verhalfen diesen zu einer davor ungeahnten Popularitรคt. Mit ihren Abonnentenzahlen stellen Persรถnlichkeiten wie Samuel Eckert (120 Tausend), Markus Haintz (91 Tausend) und Ken Jebsen (85 Tausend), selbst den grรถรten patriotischen Aktivisten Martin Sellner (59 Tausend) weit in den Schatten.
Jedoch besteht der Erfolg der Querdenker vor allem in den Menschenmassen, welche sie auf die Straรe bringen kรถnnen. Groรveranstaltungen, wie am 29. August in Berlin, am 7. November in Leipzig oder diesem Mittwoch vor dem Brandenburger Tor, bilden dabei nur die Spitze des Eisberges von Aktionen, wie โMontagsspaziergรคngenโ oder kleineren Demonstrationen. Im Vergleich dazu ist es patriotischen Bewegungen, von Pegida abgesehen, bislang nicht gelungen solch einen Widerstand gegen die herrschende Politik zu initiieren.
Probleme und Lรถsungen
Ein bis dato groรes Problem stellt die gesellschaftliche Randstellung und Stigmatisierung rechts-konservativer Positionen im gesellschaftlichen Diskurs dar, was hรคufig dazu fรผhrt, dass Personen sich aus Angst vor Jobverlust o.รค. nur schwer dazu bewegen lassen, ihre Meinung รถffentlich zu vertreten. Begibt man sich dennoch in dieses Minenfeld und verlรคsst die Pfade des politisch Opportunen, sieht man sich hรคufig rasch an den gesellschaftlichen Rand gedrรคngt, wo man geรคchtet und โverbranntโ zurรผck bleibt. Im Falle der Querdenker haben sich jedoch Strukturen etabliert, um eben dies zu verhindern.
Die Organisation der sogenannten โKlagepatenโ bietet von Spenden finanzierte juristische Hilfe, um gegen Repressalien auf Grund der eigenen politischen Meinung vorzugehen. All dies hilft die Bereitschaft zur offenen Solidaritรคt mit der Bewegung zu steigern und die Zahl der Sympathisanten zu erhรถhen. Ein weiteres Problem stellt die (selbstgewรคhlte) Exklusivitรคt des politisch rechten Lagers dar.
Schon von Natur aus diesem Prinzip zugeneigt, verstรคrkt sich diese durch eine, auf der gesellschaftlichen Position beruhenden, โWagenburg-Mentalitรคtโ. Man sieht sich als Dissident in einem politisch feindlich gesinnten Staat, was der Bildung einer breiten gesellschaftlichen Bewegung nicht gerade zutrรคglich ist. Derartige Schwierigkeiten sucht man bei den Querdenkern vergebens, was bereits beim Informationsmaterial auffรคllt: Wissenschaftlich fundierte, aber dennoch leicht verstรคndliche Informationsbroschรผren richten sich bewusst an die breite Bevรถlkerung.
Die Rechten mauern
Sicher mรถgen ein Oswald Spengler oder Rolf Peter Sieferle, als Musterbeispiele fรผr politische Philosophie, intellektuell anspruchsvoller sein, jedoch eigenen sie sich nicht um den โDurchschnittsmenschenโ zu erreichen. Die gesamten patriotischen Informationsbestrebungen richten sich derzeit an eine kleine elitรคre Gruppe, was sich an der Grรถรe der Bewegung zeigt. Doch anstatt diesen quantitativen Nachteil zu nutzen und Zusammenhalt, Vernetzung und zentrale Organisationsstrukturen zu bilden, ergeht man sich in belanglosen Kleinkriegen und scheut weitergehende Kooperation und Solidaritรคt.
Mit ihrer dezentralen Organisation in Form von regionalen Initiativen (Stuttgart-711, Mรผnchen-089, etc.) und Unterverbรคnden (โLehrer stehen aufโ, โEltern stehen aufโ), welche dennoch zentral vernetzt sind, zeigen die Querdenker, wie tatsรคchliche Strukturarbeit aussieht. Ein weiterer, im patriotischen Lager hรคufig nicht ausreichend beachteter Fakt ist, dass sich eine loyale Gruppe von Unterstรผtzern nur schwer ohne charismatische und nahbare Anfรผhrer formen lassen wird. Auch wenn die Querdenker (noch) nicht den gleichen gesellschaftlichen Druck wie das rechte Lager verspรผren und so mit deutlich geringeren Schwierigkeiten zu kรคmpfen haben, ist es ihnen gelungen diese Art Anfรผhrer zu etablieren.
Wรคhrend im patriotischen Lager (aus guten Grรผnden) vor allem aus der Anonymitรคt des digitalen Raumes heraus gehandelt wird, tragen ein Markus Haintz oder Ralf Ludwig den Widerstand auf die Straรe, sprechen vor Menschen, geben Hoffnung, dienen als reale Vorbilder gegen die โUnterdrรผckungโ und liefern grandioses Werbematerial. Vor allem die Kombination aus digitaler Information und analoger Aktion ist ein bedeutender Pfeiler des Erfolges der โCoronaleugnerโ, die das politisch-mediale Establishment der Bundesrepublik sie liebevoll getauft hat.
Was Rechte von Querdenkern lernen kรถnnen
Was die noch junge Bewegung jedoch vom rechten und sogar linken Lager unterscheidet, ist die Fรคhigkeit ein klares Ziel anzugeben, welches sich nicht primรคr aus der Ablehnung bestehender Missstรคnde, sondern aus einer positiven Zukunftsvision konstituiert. โFrieden, Freiheit und Gerechtigkeitโ dienen seit Jahrhunderten als utopischer Motivator fรผr Aufstรคnde, wobei sie nichts an Strahlkraft verloren haben und heller leuchten, als rechte und linke โAnti-Positionenโ, wie โAnti-Multikultiโ oder โAnti-Rassisimusโ.
Es zeigt sich also, dass die Querdenker viele Probleme, an denen das patriotische Lager seit Jahren scheitert, bereits nach weniger als einem Jahr gemeistert haben. Wรคhrend Letzteres zwar in der Theorie fรผhrend, jedoch auch in ihr gefangen ist, hat Ersteres das Heft des Handeln in die Hand genommen und bewiesen, dass der Aktionismus doch Zukunft hat. Das patriotische Lager hat den Protest gegen die Corona-Maรnahmen grรถรtenteils ignoriert und es versรคumt die Menschen, welche sich von den Medien und der Regierung abgewendet haben, fรผr sich zu gewinnen.
Aber der Erfolg der Querdenker kann ihm dennoch ein Lehrstรผck sein: Ein massenkompatibles Programm, dezentrale, aber dennoch vernetzte Strukturen, eine optimistische Zukunftsvision, der Gang in die รffentlichkeit. Fรผr alles wurden in den vergangenen Monaten Paradebeispiele geliefert. Nun liegt es am patriotischen Lager aktiv zu werden und die nรถtigen Handlungen zu vollziehen.

