Als Leser der Krautzone haben Sie sich bestimmt schon das eine oder andere Mal gefragt, was aus dem schรถnen Deutschland geworden ist, und ob es รผberhaupt noch Sinn macht, sich fรผr den Erhalt immer stรคrker schwindender Werte und Traditionen einzusetzen. Oder ob es nicht einfach besser wรคre, einen ganz anderen Ansatz zu wรคhlen.
Ich habe vor einem knappen Jahrzehnt die zweite Alternative gewรคhlt und Deutschland den Rรผcken gekehrt. Und das, obwohl ich mich, wahrscheinlich genau wie Sie, als Patriot verstehe. Um das ein wenig nรคher zu erklรคren, muss ich eine Unterscheidung treffen: Ich habe nicht Deutschland verlassen, sondern die Bundesrepublik. Deutschland konnte ich gar nicht hinter mir lassen, denn davon ist eben nicht mehr viel รผbrig.
Die Dinge รคnderten sich langsam
Lange Zeit beobachtete ich den Wandel, sah mir dabei zu, wie ich mich immer mehr entfremdete, sich Freunde und Familie von mir abwandten. Sehr subtil, keiner griff mich direkt an. Aber immer einsamer wurden meine Besuche im botanischen Garten oder die Abende beim Schnitzelwirt um die Ecke, wรคhrend Bekannt-ย und Verwandtschaft das neue vegane Restaurant ausprobierten oder die Indoor-Kletterwand des lokalen Alpenvereins bestiegen statt einen Ausflug in die nahegelegenen Hausberge zu unternehmen, da ja auch der Alpenverein vor allem eines auf seiner Agenda hat: den Klimawandel zu stoppen.
Die quirlige Gemรผtlichkeit, das Leben und leben lassen, die gepflegten Dispute รผber kleinste Kleinigkeiten waren eines Tages verschwunden. Die uralte Nachbarin in der Wohnung unter mir war verstorben, die Wohnung wurde aufgeteilt, renoviert und an Singles weitervermietet, die mindestens so austauschbar waren wie ein T-Shirt von H&M. Ging ich die Treppen hinunter, stieg mir nicht mehr der Duft von frisch รผberbrรผhtem Kaffee in die Nase. Stattdessen sollte mir das teure Parfum der Stewardess, die, ihr Rollkรถfferchen hinter sich herziehend, gerade das Treppenhaus durchquert hatte, den Tag versalzen.
Es waren all diese Kleinigkeiten, deren Aufzรคhlung sich endlos fortfรผhren lieรe. Und genau das war das Problem. Dieser schleichende Wandel, den irgendwie alle toll fanden, der mich aber erschreckte, entwurzelte, verstรถrte. Ok, ich gehรถre der Boomer-Generation an. Wir sind alle in einem Alter, in dem gerne gemeckert wird. Man mรถchte das Rad nicht nur anhalten, man mรถchte es zurรผckdrehen, ohne abgehรคngt zu werden. Wir werfen mit platten Sprรผchen um uns und sehnen uns nach rechtschaffenen Politikern. Idiotische Trรคumereien verzweifelter Menschen, die nicht loslassen kรถnnen und trotzdem Schritt halten mรถchten.
Keine Heimat mehr
Nรผchtern betrachtet wurde mir aber klar, was ich eigentlich wollte: Unaufgeregte Authentizitรคt im eigenen Heim. Ich versuchte, das in meiner Heimatstadt zu verwirklichen, realistisch zu bleiben und Tatsachen anzuerkennen. Mein letzter Versuch scheiterte: Ich holte mir einen Hund ins Haus. Wรคhrend eines abendlichen Spaziergangs im nahegelegenen Park geschah es dann. Erst beschimpfte mich eine junge Mutter, warum ich meinen Hund an einer Ausziehleine am Kinderspielplatz vorbeifรผhre. Er kรถnnte ja… Auf dem Rรผckweg bemerkte ich dann eben diese Frau, wie sie die vollgekackten Windeln ihres Kindes in den Straรengraben warf.
Und als ich den Hund auf der extra dafรผr ausgewiesenen eingezรคunten Flรคche frei laufen lieร, gingen mich zwei Mittdreiรiger an, ich hรคtte das Tier nicht unter Kontrolle, der Park stรผnde allen zur Verfรผgung, daher mรผsste ich dafรผr sorgen, dass, da sie sich entschieden hรคtten, ihr Picknick auf der Hundewiese abzuhalten, der Hund sie dabei nicht stรถre. An dem Abend hatte nicht nur meine Fellnase die Schnauze gestrichen voll.
So packte ich die Koffer und ging. Ich sammle keine Hundehinterlassenschaften mehr auf. Sie vermischen sich mit dem Kuhmist vor dem Gartentor meines eigenen kleinen, aber bezahlbaren Hauses in lรคndlicher Umgebung. Ich koche, was mir schmeckt, ich brauche keine Abstandsregeln einzuhalten, oder wenigstens nur sehr selten. Die Gesprรคche mit den Nachbarn drehen sich wieder um das Wetter und um neue Backrezepte. Und wenn mir die Milch doch mal ausgehen sollte, hilft der Bauer drei Hรคuser weiter immer gerne aus.
Refugium
Schreiben kann ich hier immer noch auf deutsch, den Alltag meistern in der fremden Sprache sehe ich heute eher als gewinnbringende Herausforderung denn als Verlust an. Mein Boomer-Herz freut sich รผber funktionierendes Internet auf dem Land und regelmรครige Flugverbindungen, um ab und an die zurรผckgelassenen Lieben zu besuchen (denn ja, es wird auch eine Welt nach Corona geben).
Nun sitze ich hier und erinnere mich an all das. Der Umzug, die Startschwierigkeiten im neuen Land, die Sprachbarrieren, das nicht selten einsetzende Heimweh, denn man ist ja doch nur ein Mensch. Ich komme ins Philosophieren… In der heutigen Zeit erzรคhlt man uns oft, wir lebten in einer Wissensgesellschaft, Informationstechnologie bestimmt unseren Alltag.
Und wรคhrend wir googeln und Wikipedia bemรผhen, um unsere Unwissenheit zu besiegen, haben wir vergessen, dass Wissen nicht nur ein Wissen wie ist (Know-how), sondern in erster Linie ein Wissen von etwas (Fakt). Nehmen wir noch einmal das Beispiel der Mittdreiรiger im Park.
Ich hรคtte mich weiter darรผber aufregen kรถnnen, hรคtte mich รผber die Gesetzeslage informieren kรถnnen, ob ich oder die beiden im Recht waren, wรคre diesen Menschen vielleicht am nรคchsten Tag wieder begegnet, hรคtte mich auf eine Diskussion mit ihnen einlassen kรถnnen. (Glauben Sie mir, das habe ich mehr als einmal in รคhnlichen Situationen versucht, und ich bin immer gescheitert.
Was ist eigentlich Rรผckzug?
Vielleicht waren meine Argumente zu schwach, vielleicht waren die Unterschiede zu groร.) Dabei hรคtte ich aber den Kern des รbels nicht beseitigt. Sie hรคtten mich nicht verstanden. Und ich hรคtte sie damit nicht aus meiner Welt geschafft.
Sie mรถgen mir nun vorhalten, dass ich den Kampf aufgegeben und den Rรผckzug angetreten habe. Richtig. Aber ein guter Soldat weiร, was zu tun ist, wann der Zeitpunkt gekommen ist, genau dieses Was zu tun, denn er kann praktisches mit theoretischem Wissen verknรผpfen und รผber den Tellerrand hinaus blicken, um rechtzeitig die Reiรleine zu ziehen anstatt sehenden Auges in den Untergang zu stรผrmen. Ja, Deutschland, mein reaktionรคres Herz vermisst dich manchmal. BRD, du hingegen kannst mir gestohlen bleiben.
Jeder soll auf seine Art glรผcklich werden und sein. Ich freue mich fรผr alle, die sich da wohlfรผhlen, wo sie gerade sind. Aber Patriotismus fรผr ein untergegangenes Land ist auf Dauer ungesund – jedenfalls fรผr mich. Man kann sein kleines Leben auch andernorts lieben, Hauptsache, man fรผhlt sich daheim. Darum mein Appell: Wenn es nicht mehr geht, geht! Denn Fakt ist eben auch, seine kostbare Lebenszeit mit Meckern allein und dem Nachtrauern nicht wiederherstellbarer Zustรคnde zu vergeuden, hilft, wenigstens mir, am Ende nicht.

