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Sind Sie ein vanity publisher?

22. Januar 2021
in 5 min lesen

Interview mit A. Henry, Autor des Romans โ€žEin gewisser Brahmsโ€œ

Ihr Roman hat keinen Verlag gefunden. Das hat Sie offenbar nicht entmutigt. Sind Sie ein vanity publisher?

Ich halte mich nicht fรผr wahnsinnig. Wahnsinnig ist es, Krieg zu fรผhren. Wahnsinnig ist es, die Welt einem Wachstumszwang zu unterwerfen. Jeder Nicht-Wahnsinnige begreift, daรŸ nicht alles endlos wachsen kann โ€“ die GroรŸstรคdte, die Bevรถlkerungszahl, die Industrieproduktion, der Konsum, der Verbrauch, die im Umlauf befindliche Geldmenge, die EU โ€ฆ Doch die Wahnsinnigen machen immer weiter. Bรผcher kรถnnen dem Weltwahnsinn entgegenwirken.

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Inwiefern gilt das fรผr Ihren Roman?

Ich behaupte, es ist ein Freiheitsbuch. Die Sehnsucht nach Freiheit sollte darin als Grundthema zu spรผren sein. Ob jener gewisse Brahms, die Hauptfigur, nun zum Wehrdienst oder zum Erfolgstraining genรถtigt wird โ€“ die Sehnsucht nach Freiheit erwacht unter allen Verhรคltnissen, die zwanggeprรคgt und wahngesteuert sind, immer wieder neu. Es war mir wichtig, dabei Vergangenheit und Gegenwart gleichermaรŸen einzubeziehen und in mรถglichst zeitloser Form รผber eine Zeit und eine Generation zu berichten, so dass es jeder โ€“ an jedem Ort und zu jeder Zeit โ€“ verstehen kann.

Wie lรครŸt sich dieser Anspruch verwirklichen?

Indem ich versucht habe, der Handlung und den Charakteren mehr Gewicht zu geben als den Orten des Geschehens. Ich wollte kein Buch รผber die DDR schreiben und auch keines รผber das wiedervereinigte Deutschland. Egal wo man lebt und ob man sich mit dem historischen Hintergrund auskennt oder nicht โ€“ man soll dieses Buch spannend finden und mit Erkenntnisgewinn lesen. Das war die Herausforderung.

Dennoch tritt zum Beispiel die Stasi โ€“ wenn auch nicht als solche bezeichnet โ€“ mehrfach in Erscheinung. Die Szenen wirken sehr authentisch. Sind sie autobiografisch?

Ein Verhรถr hat tatsรคchlich einmal fast wortgetreu so stattgefunden wie in dem Buch beschrieben. Ich bin mir sicher, daรŸ sich der betreffende Stasimann wiedererkennen wird, falls ihm der Roman in die Hรคnde fallen sollte. Auch der erste Ausgang nach einem halben Jahr Kasernierung als Wehrpflichtiger hat sich genauso zugetragen, wie es Brahms in dem Buch erlebt.

Ich denke, niemand kann etwas schreiben, das nicht irgendwie mit ihm selbst, mit dem eigenen Leben, in Verbindung steht. Auch Science-Fiction-Romane und Fantasy-Literatur sind รœbertragungen aus der Wirklichkeit des Autors in eine andere Ebene. Ganz sicher steckt eine Menge von mir in der Hauptfigur des Romans. Doch sie ist nicht mein Doppelgรคnger. Sie hat einen eigenen Charakter. Sie รคhnelt mir, aber ich bin nicht Brahms. Ich bin ja auch nicht A. Henry.

Sondern?

Mein kompletter Vorname ist Henry Andreas โ€“ daraus wurde das Pseudonym A. Henry. Ich weiรŸ, daรŸ es in der Literatur schon einen berรผhmten O. Henry gibt. Erst im Nachhinein habe ich Bรผcher von ihm gelesen und war รผberrascht, daรŸ wir uns nicht unรคhnlich sind.

In Ihrem Buch kommt ein Pfarrer vor, der sich verbrennt. Zugleich widmen Sie Ihren Roman dem Andenken an Pfarrer Oskar Brรผsewitz, der vor mehr als 40 Jahren auf diese Weise in der ostdeutschen Stadt Zeitz ums Leben kam. Welche Bedeutung hatte das Ereignis fรผr Sie?

Mich hat das damals sehr erschรผttert, daรŸ jemand so weit gehen kann. Er hat sich รถffentlich verbrannt, um ein Zeichen gegen die Unterdrรผckung der Jugend in der DDR zu setzen. Er hat es also auch fรผr mich getan. Und natรผrlich wurde er fรผr wahnsinnig erklรคrt. Doch die Wahnsinnigen waren die anderen, die uns 28 Jahre lang eingesperrt und bespitzelt haben. Schlimm ist, daรŸ sich die Dinge wiederholen. 30 Jahre nach dem Fanal von Zeitz verbrannte sich ein weiterer Pfarrer, diesmal in Erfurt. Er wollte vor der Islamisierung warnen. Brennend rief er nach Jesus und Brรผsewitz und wurde so wie dieser als Wahnsinniger abgetan. Ich hรคtte mir fรผr beide Pfarrer gewรผnscht, daรŸ sie am Leben geblieben wรคren, daรŸ sie gepredigt und Bรผcher geschrieben hรคtten, um so dem wahren Wahnsinn zu begegnen.

Im letzten Kapitel Ihres Romans taucht eine Politikerin auf โ€ฆ

Ja, und ich versuche, die menschliche Dimension von ihr zu erfassen, indem ich Brahms Jahre zuvor mit ihr in eine Klappbadewanne setze, beide ein gemeinsames Bad nehmen lasse. Fรผr mich ergibt sich die Frage, warum und wie sich Menschen verรคndern, die zu Politikern werden. Welchen Weg sie genommen haben, wie sie sich entfremden. Plรถtzlich ist da das Sicherheitsglas einer gepanzerten Limousine zwischen Brahms und ihr. Es teilt die Welt in zwei Hรคlften ein.

Am Ende des Buches fragt man sich, was aus Brahms werden wird, wie sein Leben weitergeht. Was denken Sie darรผber?

Wahrscheinlich schlรคgt er sich recht und schlecht durch, und wenn es seine Zeit erlaubt, schreibt er Bรผcher. Das Leben heute bietet ihm ja jede Menge Stoff. Im Schreiben findet er die Freiheit, die er sucht. AuรŸerdem hat er dabei immer das Gefรผhl, unter Seinesgleichen zu sein. Er hรคtte ja auch Stasi-Mann werden kรถnnen, aber irgendwie paรŸt das nicht zu ihm. Er kann nicht verstehen, warum sich immer wieder Leute finden, die in dieser Welt die Schmutzarbeit machen, nur weil es gut bezahlt wird. Er ist weder als Bomberpilot, noch als Henker geeignet und hat seinen Sรถhnen sehr ans Herz gelegt, sich niemals zu einem ErschieรŸungskommando zu melden. In Gedanken ist er sich mit Charles Bukowski einig, der in seiner unlรคngst von einem Verlag verรถffentlichten Briefesammlung behauptet: โ€žGestapos wird es immer geben und รผberall; und wer an der Macht ist, schafft sich seine eigene, nur unter einer anderen, unverfรคnglichen Bezeichnung wie FBI oder ร„rztebund oder CVJM.โ€œ

Sicher wรคre es auch interessant zu erfahren, was aus dem Stasi-Mann geworden ist, der Brahms so authentisch verhรถrt hat?

Wer weiรŸ โ€“ er kรถnnte Geschรคftsfรผhrer einer Firma sein oder hat einfach in einem neuen Geheimdienst weitergemacht. Der unter Merkel errichtete gigantische Geheimdienstkomplex mitten in Berlin bietet ja genรผgend Raum. Ein kafkaesker Bau, in dem man Mielkes alte Stasizentrale gleich mehrfach versenken kรถnnte. Ich frage mich, wie man darin sein kostbares, einmaliges, als unerhรถrtes Geschenk zu begreifendes Leben verbringen kann? Aber manchen โ€“ sehr vielen โ€“ fรคllt offenbar nichts anderes ein. Man braucht sich nur umzusehen: Stasileute sitzen รผberall in besten Positionen. Als Behรถrdenleiter, Lehrer, Anwรคlte, Richter, Journalisten, Professoren, Kirchenvertreter, Abgeordnete und Politiker bis in allerhรถchste Kreise. Sie ziehen an der Spitze moralischer Institutionen durchs Land und richten den Finger auf Andersdenkende. 2009 gab es ein bezeichnendes Pressefoto vom brandenburgischen Ministerprรคsidenten, wie er die stasibelastete Fraktionschefin der Linken kรผรŸt und mit ihr ein Regierungsbรผndnis schlieรŸt. Das Bild sagt mehr als tausend Worte. Da wรผnsche ich mir einen deutschen Bukowski! Stattdessen Verlage, die โ€žPippi Langstrumpfโ€œ auf politische Korrektheit prรผfen โ€“ was ist das รผberhaupt? Lieber bleibe ich ein vanity publisher! Oder wie Erich Kรคstner dichtete: โ€žNie dรผrft Ihr so tief sinken, von dem Kakao, durch den man Euch zieht, auch noch zu trinken!โ€œ

Wann gibt es das nรคchste Buch von Ihnen?

Derzeit arbeite ich an einer Novelle รผber meinen Klosteraufenthalt 2016 โ€“ die Begegnung mit einer Nonne und eine anschlieรŸende Verfolgungsjagd auf der Autobahn. Ich wollte lรคngst damit fertig sein, doch der Text hat sich mehr und mehr zu einer tiefen persรถnlichen Auseinandersetzung mit elementaren Lebensfragen wie Sinn und Tod, Liebe, Gott, Schuld und Vergebung und den Mysterien des Katholizismus ausgeweitet. Vielleicht ist es gar keine Novelle mehr. Ich bin selbst gespannt auf das Ergebnis.

Vielen Dank fรผr dieses Gesprรคch.


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