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Der Wille zur Macht

24. Januar 2021
in 4 min lesen

Der nachfolgende Text ist ein Auszug aus dem Nietzsche-Kapitel meines in 2021 erscheinenden Buchs Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.

โ€œDiese Welt ist der Wille zur Macht โ€“ und nichts auรŸerdem! Und auch ihr selber seid dieser Wille zur Macht โ€“ und nichts auรŸerdem! โ€œ

– Friedrich Nietzsche, Aus dem Nachlass der 1880er Jahre, Nr. 1067

Im ersten Kapitel haben wir das Glรผck als Sinn und Zweck des Spiel des Lebens etabliert. Im zweiten Kapitel haben wir Odin und seine Selbstermรคchtigung untersucht. Beides korrespondiert mit dem Willen zur Macht. Nietzsche hat diesen Begriff nie erklรคrt und entsprechend beliebig wird er im philosophischen Diskurs interpretiert. Wir wollen hier zu einer pragmatischen Definition kommen und den Willen zur Macht in das Spiel des Lebens integrieren.

Was ist Macht?

Zuerst mรผssen wir uns eins klar machen: Macht ist das Gegenteil von Machtlosigkeit. Der Duden listet sechs Synonyme fรผr Machtlosigkeit auf: Ohnmacht, Hilflosigkeit, Schwรคche, Einflusslosigkeit, Wehrlosigkeit und Schutzlosigkeit. Ich benutze fortan primรคr den Begriff Ohnmacht, da hier immer auch die Zweitbedeutung von Bewusstlosigkeit mitschwingt. Und wer sich einer Gefahr nicht bewusst ist, kann sich auch nicht gegen sie verteidigen.

Man muss sich eines Problems bewusst sein, um es lรถsen zu kรถnnen. Daher korrespondiert Macht immer mit Bewusstsein – auf vielen Ebenen – und somit sind Macht und Ohnmacht das bessere Begriffspaar als Macht und Machtlosigkeit.

Zurรผck zum Willen zur Macht: Wer mรคchtig ist, kann selbst bestimmen. Wer ohnmรคchtig ist, รผber den wird bestimmt. Macht und Selbstbestimmung gehen Hand in Hand, so wie Ohnmacht und Fremdbestimmung. Im allgemeinen Sprachgebrauch ist der Begriff „Macht“ negativ besetzt – was mitunter Ausdruck von Sklavenmoral ist, wie wir noch sehen werden – doch jenseits aller Moral ist Macht einfach die Fรคhigkeit etwas zu machen. Macht kommt von machen.

Wer mehr Macht hat, der kann mehr machen. Zum Beispiel Fremdbestimmung und Versklavung abwehren oder seinen Leuten Gutes tun. Natรผrlich wird Macht immer auch missbraucht – Machtmissbrauch ist essentieller Bestandteil unser kranken Gesellschaft – aber an und fรผr sich ist Macht ein wertneutrales Werkzeug. Du kannst deine Macht fรผr Gutes oder fรผr Schlechtes einsetzen, du kannst sie nutzen oder missbrauchen.

Aber was hat Macht mit dem Spiel des Lebens und mit dem Glรผck zu tun?

โ€œNur, wo Leben ist, da ist auch Wille: aber nicht Wille zum Leben, sondern โ€“ so lehre ich’s dich โ€“ Wille zur Macht!ย โ€œ

ย โ€“ Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-รœberwindung, Nr. 369

Was ist der Unterschied zwischen dem Willen zum Leben und dem Willen zur Macht? Der Wille zum Leben kann als anspruchsloser รœberlebenswille verstanden werden: Es kommt nur aufs bloรŸe รœberleben an, Selbstachtung und Aufrichtigkeit werden bereitwillig geopfert, jeglicher Anspruch, jeder Wert, alles wird dem nackten รœberleben untergeordnet. Besser kriechend leben als stehend sterben ist hier die Devise.

Anders beim Willen zur Macht: Hier wird die eigene Macht รผber das bloรŸe รœberleben gestellt, hier werden Risiken eingegangen und Selbstopfer fรผr Aufstieg und Wachstum gebracht. Besser stehend sterben als kriechend leben ist hier die Devise undย Selbstermรคchtigung das Ziel.

Macht wollen

โ€œVieles ist dem Lebenden hรถher geschรคtzt, als Leben selber; doch aus dem Schรคtzen selber heraus redet โ€“ der Wille zur Macht!โ€

ย โ€“ Friedrichย Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-รœberwindung, Nr. 369

Offensichtlich gehรถren Wille zur Macht und Wille zum Leben zusammen. Nur wer lebt, kann mรคchtig sein. Doch wie man lebt, das ist eine Frage des Willens zur Macht. Wenn es nur um mรถglichst sicheres รœberleben geht und der Wille zum Leben nicht durch den Willen zur Macht ausgeglichen wird, ergibt sich ein Leben, das jeden Konflikt und jedes Risiko zu meiden sucht.

Wenn besser kriechend leben als stehend sterben die Devise ist, dann ist ein Leben als Kriecher die Folge. Eins der Synonyme fรผr Ohnmacht ist die Wehrlosigkeit. Das Gegenteil von Wehrlosigkeit ist Wehrhaftigkeit – und Wehrhaftigkeit stรผtzt die Wahrhaftigkeit.

Wer wehrhaft ist, braucht vor niemandem kriechen und kann aufrecht und wahrhaftig leben. Wir sehen hier bereits Berรผhrungspunkte zu allem Kรคmpferischen, doch dazu spรคter mehr.

Klar ist jedenfalls, dass der Wille zur Macht auch รผbersteigert werden und schlieรŸlich das Leben kosten kann. Wenn der Wille zur Macht so groรŸ ist, dass unangemessne Risiken eingegangen werden und kaum noch Rรผcksicht auf das eigene รœberleben genommen wird, dann zerstรถrt die Selbstermรคchtigung das Selbst und fรผhrt sich ad absurdum.

Der Ausgleich

โ€œWo ich Lebendiges fand, da fand ich Willen zur Macht; und noch im Willen des Dienenden fand ich den Willen, Herr zu sein.

DaรŸ dem Stรคrkeren diene das Schwรคchere, dazu รผberredet es sein Wille, der รผber noch Schwรคcheres Herr sein will: dieser Lust allein mag es nicht entraten.

Und wie das Kleinere sich dem GrรถรŸeren hingibt, daรŸ es Lust und Macht am Kleinsten habe: also gibt sich auch das GrรถรŸte noch hin und setzt um der Macht willen โ€“ das Leben dran.

Das ist die Hingebung des GrรถรŸten, daรŸ es Wagnis ist und Gefahr, und um den Tod ein Wรผrfelspielen.โ€

โ€“ย Friedrich Nietzsche, Also sprach Zarathustra, Von der Selbst-รœberwindung, Nr. 369

Wir sehen also, dass ein aufrechtes, wehrhaftes, im wohlverstandenen Sinne mรคchtiges Leben immer den Ausgleich, die Balance, zwischen dem Willen zum Leben und dem Willen zur Macht erfordert. Beide gehรถren zusammen und bedingen sich gegenseitig.

Im wohlverstandenen Sinne ist der Wille zur Macht also einfach die risikoaffine und wachstumsorientierte Seite eines Lebewesens, komplementรคr zu seiner risikoaversen und sicherheitsorientierten Seite. Selbstverstรคndlich kann man den Begriff Wille zur Macht auch falsch verstehen und missbrauchen. Nietzsche war sich dessen bewusst und schrieb:

โ€œAber, wie gesagt, das ist Interpretation, nicht Text; und es kรถnnte jemand kommen, der, mit der entgegengesetzten Absicht und Interpretationskunst, aus der gleichen Natur und im Hinblick auf die gleichen Erscheinungen, gerade die tyrannisch-rรผcksichtenlose und unerbittliche Durchsetzung von Machtansprรผchen herauszulesen verstรผnde โ€“ ein Interpret, der die Ausnahmslosigkeit und Unbedingtheit in allem ยปWillen zur Machtยซ dermaรŸen euch vor Augen stellte, daรŸ fast jedes Wort und selbst das Wort ยปTyranneiยซ schlieรŸlich unbrauchbar oder schon als schwรคchende und mildernde Metapher โ€“ als zu menschlich โ€“ erschiene;ย โ€œ

โ€“ Friedrichย Nietzsche, Jenseits von Gut und Bรถse, Nr. 22

Macht und Leben

Um zu einer wohlverstandenen Definition des Willens zur Macht zu kommen, mรผssen wir ihn mit dem Willen zum Leben vereinigen: Der wohlverstandene Wille zur Macht ist einfach das Streben nach einem selbstbestimmten Leben. Selbstbestimmt zu leben impliziert Macht, vor allem รผber sich
selbst, und die Fรคhigkeit, der Macht anderer Grenzen zu setzen.

Du bist in dem MaรŸe fremdbestimmt, in dem du ohnmรคchtig bist – und in dem MaรŸe selbstbestimmt, in dem du mรคchtig bist. Und da Glรผck und Selbstbestimmung Hand in Hand gehen, ist ein gesunder Wille zur Macht essentieller Bestandteil eines glรผcklichen Lebens.

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