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Kunst? Markt!

3. Februar 2021
in 5 min lesen

Von Gunnar Obentraut

Unabhรคngig von ihren รคsthetischen, erbaulichen und belehrenden Aspekten, oder solchen der Kapitalanlage, erzรคhlen Kunstwerke vor allem einiges von der Zeit, in der sie entstanden sind. Damit beschรคftigt sich die Kunstgeschichte ebenso wie die Geschichtsschreibung, sofern Sie denn Kunst als Quelle heranzieht.

Etwas auรŸer Acht gelassen wird zumeist, dass die Werke nicht nur รผber den Zeitpunkt ihrer Entstehung Vieles zu erzรคhlen wissen, sondern auch von der Zeit in der Sie geschรคtzt werden, und jener, in welcher sie geschmรคht werden. Ein Abbild der Tendenz zwischen diesen Zeiten ist der Kunst- und Antiquitรคtenmarkt, dem darin, neben der Produktion von immensen Renditen und grotesken Verlusten, die Funktion zukommt, dem Bild vom Zustand der Gesellschaft eine weitere, nicht zu unterschรคtzende Perspektive, hinzuzufugen.

Katastrophe!

Offensichtlichstes Ergebnis bei flรผchtiger Betrachtung: es steht nicht gut um den Kunstmarkt und die Gesellschaft. Bei eingehender Betrachtung: Katastrophal! Denn der Markt fรผr Kunst und historisches Kunsthandwerk ist Opfer eines bedenklichen Wandels, was man vom Zustand der entsprechenden Gesellschaft spiegelbildlich auch behaupten kann. Denn eine solche, die ihrer Kunstproduktion und -geschichte derart gleichgรผltig gegenรผber steht, hat irreparablen Schaden genommen, der naturlich kaum wahrgenommen oder mindestens stark unterschรคtzt wird.

Was soll das nun heiรŸen, der Kunstmarkt sei nicht mehr vorhanden? Man liest doch monatlich von neuen Rekorden auf den einschlรคgigen Auktionen und Messen. Erst kรผrzlich eine sagenhafte halbe Milliarde fur den โ€žSalvator mundiโ€œ, ein stark restauriertes Gemรคlde da Vincis, welches in den 50er Jahren noch fur knapp 45 Pfund versteigert worden war.

Schall und Rauch

Das muss die grรถรŸte Wertsteigerung innerhalb eines halben Jahrhunderts auf allen Gebieten jemals gewesen sein. Doch der Fokus auf derlei Superlative zeigt, dass es vor allem darum geht: Spektakel, Gier und Neid fรผr die Zuschauer โ€“ Anlage, Geldwรคsche, Rendite und Glamour fur die Teilnehmer. Doch das ist nur ein kleiner Teil der Wahrheit und ein noch kleinerer des gesamten Kunst- und Antiquitatenmarktes, der weltweit jรคhrlich allein รผber Auktionen zwischen 20 und 30 Milliarden US-Dollar einfรคhrt.

Geld ist aber ein schlechter Indikator zu Bewertung kultureller Angelegenheiten. Es ist geradezu selbstverstรคndlich geworden den Kunstkauf unter der Prรคmisse des Wertzuwachses zu betrachten. Ein Kauf, der nach 5 Jahren im Wert nicht gestiegen ist, gilt als Fehlkauf. Kunst ist jedoch mehr als Wertanlage, ja sie ist eigentlich das Gegenteil. Denn da, wo es um Kunst geht, geht es nicht um den monetรคren Wert, und da, wo es um Wert geht, kann es nicht um Kunst gehen.

Jรคger und Sammler

Es sind zwei verschiedene Blickrichtungen. Die Grundlage eines gesunden Kunstmarktes ist der Sammler und seine Motivation. Und es gibt nur noch wenige Kรคufer aus Lust an der Rekonstruktion vergangener Epochen, zum Zwecke der Identifikation mit diesen. Ihnen wohnt ein als Kontinuitรคt verstandener Kunst- und Kulturbegriff inne und ein Selbstverstรคndnis als vorรผbergehend Verantwortlicher fรผr die gesammelten Kleinodien.

Die Museen sind lediglich Verwalter ihrer Sammlungen mit relativ wenigen Zukรคufen. Was auf dem freien Markt kursiert, ist also gewissermaรŸen angewiesen auf kenntnisreiche Sammler, die sich den Werken annehmen, sie gegebenenfalls restaurieren und sogar wissenschaftlich aufarbeiten.

Wer italienisches Kunsthandwerk des 18. Jahrhunderts, hollรคndische Genremalerei des 17., romantische deutsche Zeichnungen des 19. oder Wiener Bildhauerei des frรผhen 20. Jahrhunderts sammelt, versteht meist mehr von dem was Europa ausmacht, als alle Korrespondenten in Brรผssel zusammen genommen.

Hier lebt der Geist Europas

Sich mit den Werken seiner Vorfahren zu umgeben, zeigt einen Respekt vor den Leistungen jener, welche die Grundlagen fur den eigenen Wohlstand geschaffen und gedeutet haben, sowie ein gesundes Empfinden fur den eigenen Platz innerhalb einer historischen Kontinuitรคt.

Insbesondere, da es sich zumeist nicht um familiรคre Vorfahren, sondern um vergangene Generationen einer Kultur handelt, in deren Geiste man sich heimisch fรผhlt. Man muss das Leuchten in den Augen eines Sammlers gesehen haben, der einem die deutsche Geschichte anhand der Entwicklung von Zinnhumpen erklรคren kann, um zu begreifen, wie tief diese Sammlerkenntnis vermag Schachte zu schlagen in den Mutterboden der eigenen, ihn umgebenden und formenden Alltagswelt.

Erst dann vermag man vielleicht den Verlust zu verstehen, der mit der vรถlligen Ignoranz gegenรผber allem Vorangegangenen einhergeht. Wo sollte diese Tendenz eher deutlich werden als dort, wo mit Dingen von gestern und vorgestern gehandelt wird? Wo das, was bleibt, wenn die ehemaligen Besitzer aus dem Weltlichen hinausgestorben sind, wieder aufbereitet, gewogen, fรผr zu leicht befunden und zerteilt wird.

Der Zustand des Antiquitรคtenmarktes ist Gradmesser fรผr die Identifikation der Zeitgenossen mit sich selbst und dem, was sie zu dem gemacht hat, was sie sind. Eine Eisenschale des 19. Jahrhunderts ist nicht nur ein Erbe von Uroma aus fremder Zeit. Sie ist auch ein Statement, eine Botschaft, eine Geschichte, die von den Mรผhen unserer Ahnen erzรคhlt, aber auch von der Entdeckung des Eisens als Gebrauchsmaterial in Zeiten des Friedens, vom Reiz des Unedlen.

Auch vom Stolz etwas geopfert zu haben, fรผr die Verteidigung des Eigenen. โ€žGold gab ich fur Eisenโ€œ und โ€žGold zur Wehr, Eisen zur Ehrโ€œ, steht auf den Uhrenketten der Metallsammlungen des 1. Weltkrieges, die sichtbar getragen wurden, sein Opfer und seinen Patriotismus zur Schau stellend. Zu dem Gott der Eisen wachsen lieรŸ, hatten die Deutschen stets einen engen Bezug.

Ein Sinken der Nachfrage in Bezug auf Gegenstรคnde, die nicht den alltaglichen Bedarf decken, hat in der Regel viele Faktoren, die alle mit dem Zustand der Gesellschaft zu tun haben. Grundvoraussetzung fur Nachfrage sind Geld und Bildung, gefolgt von Interesse und Sekundรคrnutzen. Im Idealfall finden sich alle vier Voraussetzungen vereint. Da wir aber von alten Schinken und angestaubten Preziosensprechen, sind die Superhelden eher fern und so fehlt es fast immer an mindestens einem Faktor. Der groรŸte Sekundรคrnutzen, den das kunstsinnige Sammeln ehemals hatte, war seine Statussymbolik. Wer sich mit Antiquitรคten und Kunst umgab, galt als gebildet, geschmackvoll und weltgewandt. Voraussetzung dafรผr ist wiederum eine fundierte Bildung, auch beim Gegenรผber.

Wie sollte jemand den Empiresekretรคr auf dem antiken Aubusson unter einem Schinkelleuchter als geschmackvoll, exklusiv und teuer erkennen, wenn jener gar nicht wusste was es war? Beeindrucken kann man nur jemanden, der รผber dasselbe Verlangen aber geringere Mittel verfรผgt. Naturlich kann das Evozieren von Neid nicht die Raison d’etre des Kunst- und Antiquitatensammelns sein. Im besten Falle รผberlagern sich intellektueller und emotionaler Zugang. Aber was nutzen alle Zugรคnge, wenn die Taschen leer sind? Trotz stark gesunkener Preise bedarf es immer noch eines finanziellen Polsters, doch obwohl wir im โ€žbesten Deutschland aller Zeitenโ€œ leben, haben die Deutschen im Schnitt weniger รผbrig denn je.

Ohne Mittelstand keine Kunst!

Wer schon an Brot und Urlaub spart, hat fur Kunst erst recht keinen Heller parat. Auch in diesem Sinne ist der Zustand in der Tat katastrophal. Das Bรผrgertum, bzw. der s
ogenannte Mittelstand war der Trรคger unserer kulturellen Identitat und damit auch des Kunst- und Antiquitรคtenmarktes. Der Verlust der Mitte wird nirgends deutlicher als dort. รœberraschenderweise springt uns ausgerechnet das Reich der Mitte bei. Dort weiรŸ man das โ€žtypisch Deutscheโ€œ noch zu schatzen. Vielleicht ist es ein befremdlicher Gedanke. Es gibt offensichtliche Stil- und Geschmacksverwandtschaften der letzten Kaiserreiche. Sie kaufen eine Qingvase aus ihrer eigenen Geschichte und zwei historistische Meissenvasen gleich mit. Chinesen lieben offenbar das Verkitschte, das รผberbordend Ornamentale, aber auch das hochwertig Prรคzise. Am liebsten geeint in Form deutschen Porzellans oder Schweizer Uhren oder der akademischen Landschaftsmalerei der Spรคtromantik. Containerweise kaufen Chinesen deutsche Antiquitรคten auf, um damit in China zu handeln, ihre meistmรถbliert angebotenen Immobilien auszustatten oder ihre Weltgewandtheit zu demonstrieren, so wie es die weitgereisten Europรคer einst taten. China wird damit zu einem Hort unseres heute verschmรคhten Kulturgutes und wir sollten ihm dankbar sein. Viele Stimmen des Marktes wettern, die Chinesen wรผrden wie eine Plage uber Deutschland herfallen und es leer kaufen, erkennen aber nicht, dass die Alternative zumindest im Bereich der Volkskunst und der Antiquitaten der Schuttberg wรคre. Sie sind oft erstaunlich Kenntnisreich und bewahren unsere Kultur im Exil, die so hinรผbergerettet wird, in eine Zeit, in der Deutschland wieder aus seinem Fieberwahn erwacht.

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