Es gibt keinen Zweifel mehr: In den nรคchsten Jahrzehnten wird die Rivalitรคt zwischen Amerika und China die Weltpolitik dominieren. Bereits in seinem ersten Telefongesprรคch mit dem chinesischen Staats- und Parteichef warf US-Prรคsident Joe Biden am 10. Februar Xi Jinping den Fehdehandschuh hin und drohte ihm einen โextremen Wettbewerb“ an.
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Die โShandongโ, Chinas erster selbstgebauter Flugzeugtrรคger.
Bildquelle: GG001213, CC0 1.0, Wikicommons
Schon kurz nach seinem Amtsantritt hatte Biden sein auรenpolitisches Grundsatzprogramm verkรผndet, das bei Europas Eliten Jubel, bei realistischen Beobachtern indes Befรผrchtungen auslรถste: In Abkehr von seinem isolationistischen Vorgรคnger Trump beansprucht Biden fรผr die USA erneut die internationale Fรผhrungsrolle und verspricht, โDemokratie, Freiheit und Menschenrechte“ wieder ins Zentrum zu stellen โ besonders hinsichtlich autoritรคrer Staaten wie China und Ruรland.
Jetzt weht ein anderer Wind
Damit wird einmal mehr Programm, was der ehemalige Prรคsidentenberater Henry Kissinger als โamerikanischen Exzeptionalismus“ gegeiรelt hat. Dieser sei missionarisch und stehe fรผr die Ansicht, โdaร die USA die Pflicht haben, ihre Werte auf der ganzen Welt zu verbreiten“.
Statt dessen plรคdierte Xi in dem Telefonat mit Biden fรผr Kooperation und warnte Trumps Nachfolger vor einer Konfrontation, โdie definitiv fรผr beide Lรคnder und die Welt katastrophal ist“.
Im Konflikt zwischen beiden Groรmรคchten geht es somit nicht nur darum, wer die globale Fรผhrungsrolle einnehmen wird, sondern auch um eine weltanschauliche Grundsatzfrage: Wird das Eine-Welt-Konzept des Westens mit dem Ziel einer die Nationalstaaten eines Tages obsolet machenden Weltregierung das Ende der Geschichte sein, oder ist nur die fortdauernde Koexistenz souverรคner Staaten realistisch, weil dies allein auf Dauer den Frieden sichern kann?
Auf dem im Januar virtuell abgehaltenen Davos-Wirtschaftsforum erklรคrte Xi, so wie es in der Natur keine zwei Blรคtter gebe, die genau gleich seien, so gebe es unter Vรถlkern und Nationen auch keine identische Geschichte oder Kultur und keine identischen sozialen Systeme.
Diese dauernde Vielfalt sei eine objektive Realitรคt und bedinge die Achtung der jeweiligen Souverรคnitรคt sowie die Nichteinmischung in innerstaatliche Angelegenheiten.
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Ambitionierte Plรคne
Kulminationspunkt der chinesisch-amerikanischen Konfrontation kรถnnte das Jahr 2049 werden, an dessen erstem Oktobertag die Volksrepublik den hundertsten Jahrestag ihrer Grรผndung feiert. Zu jenem Datum, so das von Xi Jinping proklamierte Ziel, sollen sowohl Hongkong und Macao als auch die Insel Taiwan wieder Festlandchina eingegliedert sein.
Wรคhrend die ehemals britische Kronkolonie Hongkong im Juli 2047 โ fรผnfzig Jahre nach Rรผckgabe der Briten und, als Sonderverwaltungszone ausgestattet mit weitgehenden Autonomierechten gemรคร dem Prinzip โEin Land, zwei Systeme“ โ endgรผltig Teil Chinas wird, folgt zwei Jahre spรคter die einstige portugiesische Kolonie Macao nach den gleichen Regeln. Doch ob bis 2049 auch die Wiedervereinigung mit Taiwan gelingt, hรคngt nicht zuletzt von den USA ab.
Drei von Biden in seinem Telefonat angesprochene Themen sind es, die der Volksrepublik den Vorwurf des Bruchs des Vรถlkerrechts und der Verletzung der Menschenrechte eintragen: Taiwan, Hongkong und Xinjiang. In allen drei Fรคllen โ fรผr Peking rote Linien, da sie die nationale Souverรคnitรคt und territoriale Integritรคt tangieren โ wird in den hiesigen Mainstream-Medien meist lรผckenhaft und damit einseitig berichtet.
So ist die Behauptung, das โdemokratisch regierte Taiwan“ habe nie zur kommunistischen Volksrepublik gehรถrt, absurd, denn das Vรถlkerrecht kennt nur Staaten, nicht Regierungen. Unstrittig ist, daร die Insel 1683 dem chinesischen Kaiserreich eingegliedert wurde, seit 1895 japanische Kolonie war und 1945 der Republik China zurรผckgegeben wurde.
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Taiwan – Schlachtfeld der Zukunft?
Nach der Niederlage im Bรผrgerkrieg gegen die Kommunisten unter Mao Zedong war die nationale Regierung des Generalissimus Tschiang Kai-schek 1949 nach Taiwan geflohen und hatte, von den USA politisch und militรคrisch unterstรผtzt, auf die Rรผckeroberung des Festlands gehofft โ im Glauben, das isolierte und im Westen geรคchtete KP-Regime werde bald zusammenbrechen.
Da die Republik China (so nennt sich Taiwan offiziell bis heute) 1945 Grรผndungsmitglied der Vereinten Nationen war, hatten ihre Vertreter auch als Exilregierung einen der fรผnf Stรคndigen Sitze im Weltsicherheitsrat inne.
Im Oktober 1971 indes erlitten die USA mit dem Ausschluร Nationalchinas aus der UNO und der รbertragung der Mitgliedschaft auf die Volksrepublik ihre bislang schwerste diplomatische Schlappe.
Schon fรผnf Monate spรคter zog Richard Nixon auf Anraten seines Vertrauten Kissinger die Konsequenzen und besuchte als erster US-Prรคsident in Peking den Erzfeind von gestern.
Im Schanghaier Communiquรฉ vom 27. Februar 1972 bestรคtigten die USA, daร Taiwan wie Tibet ein integraler Bestandteil Chinas sei, und verpflichteten sich zur Nichteinmischung in dessen innere Angelegenheiten. 1979 tauschten beide Staaten Botschafter aus.
Washington brach die diplomatischen Beziehungen zur Republik China ab, versprach der Insel aber im โTaiwan Relations Act“ weitere militรคrische Hilfe und erkannte die Regierung der Volksrepublik als einzig rechtmรครige ganz Chinas an. Seitdem hat jedes Land, das Beziehungen mit Peking unterhรคlt, diese Ein-China-Politik akzeptiert.
Taiwan wird nur noch von fรผnfzehn Kleinstaaten, darunter dem Vatikan, als โRepublik China“ anerkannt. In den USA wollen jetzt jedoch offenbar sowohl die Republikaner als auch die Demokraten ihre bisherige Position revidieren. Fรผr Peking wรคre ein derartiger Vertragsbruch der Casus belli.
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Die Sache mit Hongkong
Im Fall Hongkong wird in hiesigen Medien gern unterschlagen, daร die vornehmlich von jungen Leuten aus der Mittelschicht getragene Demokratie-Bewegung keineswegs den Anspruch erheben kann, allein fรผr die ehemalige Kolonie zu sprechen.
Rund drei Millionen Einwohner unterzeichneten im Mai 2020 eine Petition zur Unterstรผtzung eines vom chinesischen Volkskongreร beschlossenen Sicherheitsgesetzes; einer der Initiatoren war der Kung-Fu-Star Jackie Chan.
Als es immer hรคufiger zu blutigen Straรenkรคmpfen mit der Polizei kam und Rufe nach der Unabhรคngigkeit Hongkongs laut wurden, sah sich die Pekinger Regierung zum Eingreifen gezwungen und setzte Ende Juni das Sicherheitsgesetz in Kraft, das โSeparatismus, Subversion, Terrorismus und Verschwรถrung mit auslรคndischen Krรคften“ unter Strafe stellt.
Verglichen mit der Lage unter der britischen Herrschaft von 1842 bis 1997, genieรen die rund sieben Millionen Einwohner trotz des neuen Gesetzes Freiheiten und Rechte, die in der Kolonialzeit undenkbar waren.
Chinas Antwort auf den Islamismus
Daร die Uiguren in Xinjiang von zugezogenen Han-Chinesen dominiert werden, ist unstrittig. Wie Trumps ehemaliger Auรenminister Mike Pompeo und dessen demokratischer Nachfolger Antony Blinken von โVรถlkermord“ zu sprechen, geht jedoch entschieden zu weit.
Ob es in Xinjiang Straflager und Zwangsarbeit gibt, oder ob es sich, wie Peking behauptet, um Gebรคudekomplexe handelt, die der Berufsausbildung dienen, um islamistischen Extremismus auszumerzen, ist kaum nachprรผfbar. Die in westlichen Medien prรคsentierten Kronzeugen sind wenig glaubwรผrdig.
So soll Adrian Zenz, ein deutscher Anthropologe, Peking zufolge nie in Xinjiang gewesen sein. Gleichwohl hat er 2019 in den USA eine Studie verรถffentlicht, in der es heiรt, seit Ende 2016 seien rund eine Million Uiguren interniert worden. In einer weiteren Studie behauptet er, die chinesische Regierung habe ein Programm zur gewaltsamen Geburtenkontrolle mit erzwungenen Abtreibungen eingefรผhrt. Dafรผr soll Zenz nur acht uigurische Frauen interviewt haben, die im Exil in den USA leben.
Fest steht indes, daร es zwischen 1997 und 2015 Terroranschlรคge mit mehr als 430 Todesopfern gab, verรผbt von Untergrundkรคmpfern, die fรผr Xinjiang einen Gottesstaat anstreben. Vielleicht sollten die Kritiker einmal nach Frankreich blicken, das รคhnlich wie China vom radikalen Islamismus heimgesucht wird und รผber ein Gesetz gegen โreligiรถsen Separatismus“ debattiert, das eine stรคrkere Aufsicht รผber Moscheen, Schulen und Sportvereine vorsieht.

