Corona hat es an den Tag gebracht: Fรผr die EU entpuppte sich schon bei der Impfstoff-Beschaffung das von Ursula von der Leyen mit groรem Pathos verkรผndete โeuropรคische Momentum“ als ein makabres Memento mori โ durchaus passend angesichts der Seuchentoten.
Nicht das vermeintliche Vaterland Europa, sondern das vom grรผn-rot-gelb-schwarzen Polit-Potpourri geรคchtete Europa der Vaterlรคnder war es, das seinen Bรผrgern letztlich aus der Not half. Die Konsequenz: Mehrere EU-Staaten, darunter erstaunlicherweise auch die Bundesrepublik, wollen kรผnftig durch eigene Produktionskapazitรคten eine sichere Versorgung ihrer Bevรถlkerung gewรคhrleisten.
Nichts klappt
In Deutschland brachte das oft chaotische Corona-Management ein zweites, noch ernรผchternderes Erwachen: die Erkenntnis, daร das Land nach sechzehn Merkel-Jahren in vielen Bereichen nur noch ein Scheinriese ist. Durch die Regentschaft eines planlosen, von den Claqueuren in Politik und Medien gleichwohl stets bejubelten Linksopportunismus ist die 1990 glรผcklich vereinte Republik auf unvorstellbare Weise heruntergewirtschaftet.
Euro-Rettung, Atomausstieg, Masseneinwanderung, Aussetzung des Wehrdienstes sind Stichworte eines nicht fรผr mรถglich gehaltenen Niedergangs. Die Infrastruktur? Mancherorts auf frรผherem Ostblock-Niveau. Die Verwaltung? Karteikarten und Zettelwirtschaft statt Digitalisierung. Das Bildungssystem? Durch Inklusion und kulturfremde Zuwanderung ein fortdauernder Regressionsprozeร. Die Armee? Ein nur noch peinlicher Torso.
Wer wie Bundesprรคsident Frank-Walter Steinmeier meint, โim besten Deutschland, das es je gab“, zu leben, malt sich seine Welt nach dem Pippi-Langstrumpf-Prinzip. Es sind die Bonner Altparteien CDU/CSU, SPD und FDP, die das Desaster zu verantworten haben. Waren die Liberalen im zweiten Kabinett Merkel (2009-2013) vertreten, teilen die Sozialdemokraten seit nunmehr zwรถlf Jahren die Regierungsbรคnke mit der Union.
Neutrale Beobachter kรถnnen sich daher nur wundern, wie nach den jรผngsten Wahlen in Baden-Wรผrttemberg und Rheinland-Pfalz jene vier Parteien und ihre bislang treuen Propagandisten in Presse, Funk und Fernsehen plรถtzlich einen โAufbruch“, einen โNeubeginn“ und einen โgrundsรคtzlichen Kurswechsel“ fordern. Kein Wort war davon zu hรถren, als sie noch sicher an den Schalthebeln und den Trรถgen der Macht saรen.
Wer auf den Schmutz hinweist, wird geรคchtet
Wer Kritik รผbte oder gar auf die Nacktheit des Kaisers (hier: der Kaiserin) hinwies, fand sich schnell in der Extremisten-Ecke wieder und/oder wurde ein Fall fรผr den Verfassungsschutz. Und die Aussichten? Finster.
Die CDU, einst staatstragende Kanzlerpartei, hat lรคngst abgewirtschaftet; sie ist programmatisch entleert und dient nur noch als Machtmaschine zur Umsetzung gesellschaftspolitischer Wohlfรผhl-Themen. Die โgeistig-moralische Wende“, die Helmut Kohl 1982 versprach, aber nie verwirklichte, ist von seiner Nachfolgerin peu ร peu ins Gegenteil verkehrt worden.
Unter der Parole einer vermeintlichen โModernisierung“ lรคuft die CDU dem grรผn-roten Zeitgeist nach, zur Gaudi des Publikums angetrieben von Sรถders jetzt ebenfalls gewendeter CSU. Doch die Landtagswahlen haben die Unionsbrรผder und -schwestern das Fรผrchten gelehrt: Abgesehen vom rot-grรผnen Schrรถder/Fischer-Intermezzo (1998-2005), sind erstmals wieder Koalitionen ohne CDU-Beteiligung mรถglich.
Die auf Werte um zwanzig Prozent abgemagerte SPD kann ebenso wie die stets wankelmรผtige FDP auf Sitze in einem Kabinett Baerbock oder Habeck hoffen. Eine derartige erneute Linksverschiebung wรผrde Deutschland endgรผltig in den nicht nur finanziellen Bankrott treiben. Historisch wรคre er die Konsequenz eines Liberalismus, der durch die 68er-Revolution in Westdeutschland absichtsvoll ins Werk gesetzt wurde.
Arthur Moeller van den Bruck ahnte es
Bereits 1923 hatte der Publizist Arthur Moeller van den Bruck (1876-1925) darauf aufmerksam gemacht, daร Liberalismus keineswegs an jene Partei gebunden ist, die ihn im Namen fรผhrt, sondern eine Strรถmung, die sich anschickt, in allen Parteien und Organisationen, ja selbst in Gewerkschaften und Kirchen Fuร zu fassen.
โAn Liberalismus“, so Moellers Diktum, โgehen die Vรถlker zugrunde. Der Liberalismus behauptet, daร er alles, was er tut, fรผr das Volk tut. Aber gerade er schaltet das Volk aus und setzt ein Ich an dessen Stelle. Der Liberalismus ist der Ausdruck einer Gesellschaft, die nicht mehr Gemeinschaft ist.“
Durch liberales Denken werde das Individuum aus allen Bindungen gelรถst; aus dem Staat werde die Interessengemeinschaft eines Regierungsklรผngels gemacht, der sich opportunistisch nur noch nach der โAuguren-Weisheit“ (sprich: nach demoskopischen Vorgaben) richte.
Die Utopie des Liberalismus ist Moeller zufolge das selbstbestimmte, autonome Individuum, das sich โ losgelรถst von jeder Bindung an Volk, Nation oder Staat โ in einer Welt ohne Grenzen bewegt. Als Kosmopolit, aufgeklรคrt und vorurteilsfrei, genieรt dieses Individuum sein Leben gemรคร dem hedonistischen Dreiklang: โIch โ alles โ sofort!“
Angesichts der aus den USA importierten Identitรคtspolitik, der โCancel Culture“, der โCritical Whiteness“, der Political Correctness, der Gender Studies etc. lรครt sich auch fรผr Deutschland feststellen, daร der von Moeller van den Bruck vor hundert Jahren diagnostizierte Linksliberalismus sein zerstรถrerisches Werk vollbracht hat: Wie in fast allen westlichen Staaten tobt auch hier ein geistiger Bรผrgerkrieg, wรคhrend die Politiker wie der Zauberlehrling in Goethes Gedicht nach dem angerichteten Schaden verzweifelt den Zusammenhalt der vielfach gespaltenen Gesellschaft beschwรถren โ vergebens.
Einen ersten, gleichwohl entscheidenden Schritt aus dem Dilemma hat dieser Tage das von eigenen Genossen als โReaktionรคr“ gescholtene SPD-Urgestein Wolfgang Thierse gewiesen:
โIn Zeiten dramatischer Verรคnderungen ist das Bedรผrfnis nach sozialer und kultureller Beheimatung groร. Eine Antwort auf dieses Bedรผrfnis ist die Nation. Das nicht wahrhaben zu wollen, halte ich fรผr elitรคre, arrogante Dummheit.“

