Der folgende Auszug aus Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand diskutiert einige Gedanken Nietzsches bezรผglich des Christentums.
Nietzsche sieht das Christentum vor allem als schรคdliche Sklavenmoral โ halte die andere Wange hin und unterwerfe dich. Es gibt allerdings auch ein dem widersprechendes wehrhaftes Christentum, รผber das ich mich hier mit einem angehenden Geistlichen unterhalten habe.
Aber genug der Vorrede, kommen wir zu Nietzsche und seinen Angriffen auf das sklavenmoralische Christentum
Disclaimer: Das folgende Nietzsche-Zitat ist nicht antisemitisch zu verstehen. Was Nietzsche hier beklagt, ist der Sieg des jรผdisch-christlichen Moralsystems รผber das polytheistisch-heidnische.
„Alles, was auf Erden gegen ยปdie Vornehmenยซ, ยปdie Gewaltigenยซ, ยปdie Herrenยซ, ยปdie Machthaberยซ getan worden ist, ist nicht der Rede wert im Vergleich mit dem, was die Juden gegen sie getan haben; die Juden, jenes priesterliche Volk, das sich an seinen Feinden und รberwรคltigern zuletzt nur durch eine radikale Umwertung von deren Werten, also durch einen Akt der geistigsten Rache Genugtuung zu schaffen wuรte.
So allein war es eben einem priesterlichen Volke gemรคร, dem Volke der zurรผckgetretensten priesterlichen Rachsucht. Die Juden sind es gewesen, die gegen die aristokratische Wertgleichung (gut = vornehm = mรคchtig = schรถn = glรผcklich = gottgeliebt) mit einer furchteinflรถรenden Folgerichtigkeit die Umkehrung gewagt und mit den Zรคhnen des abgrรผndlichsten Hasses (des Hasses der Ohnmacht) festgehalten haben, nรคmlich ยปdie Elenden sind allein die Guten, die Armen, Ohnmรคchtigen, Niedrigen sind allein die Guten, die Leidenden, Entbehrenden, Kranken, Hรครlichen sind auch die einzig Frommen, die einzig Gottseligen, fรผr sie allein gibt es Seligkeit
โ dagegen ihr, ihr Vornehmen und Gewaltigen, ihr seid in alle Ewigkeit die Bรถsen, die Grausamen, die Lรผsternen, die Unersรคttlichen, die Gottlosen, ihr werdet auch ewigย die Unseligen, Verfluchten und Verdammten sein!ยซ… Ich erinnere in betreff der ungeheuren und รผber alle Maรen verhรคngnisvollen Initiative, welche die Juden mit dieser grundsรคtzlichsten aller Kriegserklรคrungen gegeben haben, an den Satz, auf den ich bei einer andren Gelegenheit gekommen bin (ยปJenseits von Gut und Bรถseยซ: II 653)
โ daร nรคmlich mit den Juden der Sklavenaufstand in der Moral beginnt: jener Aufstand, welcher eine zweitausendjรคhrige Geschichte hinter sich hat und der uns heute nur deshalb aus den Augen gerรผckt ist, weil er โ siegreich gewesen ist…ย โ
– Genealogie der Moral, erste Abhandlung, Nr. 7ย
Die groรe Umkehrung
Nietzsches Konzept der Sklavenmoral ist ein Moralkodex, eine Wertgleichung, in der Schwรคche als moralisch gut angesehen wird. Alles Weitere leitet sich davon ab. Wenn Schwรคche gut ist, dann ist Stรคrke… bรถse. Die Starken sind ursprรผnglich die Mรคchtigen, die Herrscher – folglich sind sie in der Sklavenmoral die Bรถsen, wรคhrend die Schwachen, die Unterdrรผckten, die Guten sind.
Nietzsche sieht den Ursprung der Sklavenmoral in den jรผdisch-christlichen Anfรคngen. Fรผr Nietzsche gibt es keine grundlegenden Unterschiede zwischen Juden und Christen: Jesus war ein Jude, der das Judentum reformieren wollte – und die dadurch entstehende Teilung in Judentum und Christentum fรผhrte nur zu zwei Varianten des gleichen Grundgedankens. Juden und Christen haben also die gleichen Wurzeln – und damit auch den gleichen Ansatz in Sachen Moral.
Fรผr Nietzsche entstehen diese gemeinsamen moralischen Wurzeln mit der Versklavung der Juden in รgypten. Dass sowohl Juden als auch Christen darauf Bezug nehmen, sehen wir beispielsweise daran, dass die Bรผcher Mose sowohl Teil der Bibel als auch Teil des Tanach sind.ย
Ursprรผnge
Frรผh in der jรผdischen Geschichte – und damit in der Vorgeschichte der Christen – lebten die Juden als Sklaven ihrer mรคchtigen รคgyptischen Herren. Doch die Juden รผberstanden ihre Versklavung und fanden einen Weg, ihre Religion und ihre Kultur trotz mitunter grausamster Widerstรคnde bis heute am Leben zu halten – wรคhrend ihre รคgyptischen Herren bereits lange untergegangen sind.ย
Wie haben die Juden das geschafft? Nietzsche sagt, dass die in รgypten versklavten Juden sich dazu pragmatische und realistische Fragen gestellt haben: Wenn es gut ist zu รผberleben, welches Verhalten ist dann gut? Welches Verhalten als Sklave fรผhrt zu Bestrafung durch die Herren und welches Verhalten fรผhrt zu vergleichsweise guter Behandlung durch die Herren? Wie kannst du als Sklave am besten รผberleben? Und wie kannst du die Wahrscheinlichkeit erhรถhen, dass auch deine Sklavenkinder รผberleben? Was ist die beste รberlebensstrategie fรผr Sklaven?
Moral ist also nicht eine Frage von gรถttlichen Geboten, sondern eine Frage der Umstรคnde. Unterschiedliche Umstรคnde erfordern unterschiedliche Moral – die Umstรคnde eines Herren unterscheiden sich von den Umstรคnden eines Sklaven, und so entwickeln sie auch unterschiedliche Moralsysteme. Gut ist immer, was das eigene รberleben sichert – und was das ist, das hรคngt immer von den Umstรคnden ab.ย
Was hilft dir also als Sklave zu รผberleben? Gehorsam und Unterwรผrfigkeit. Und so werden Gehorsam und Unterwรผrfigkeit zu moralisch guten Werten. Das ist unnatรผrlich – alle Lebewesen haben einen Willen zur Macht, einen Drang zur Selbstbestimmung, einen natรผrlichen Impuls, sich zu entfalten – und genau das muss der Sklave unterdrรผcken, wenn er รผberleben will.ย
Stell dir vor, du bist ein Sklave. Wenn der Herr befiehlt, musst du gehorchen – oder du bekommst Schlรคge. Wenn du Schlรคge bekommst, darfst du dich nicht wehren – oder du bekommst noch mehr Schlรคge. Dein Herr und Meister gibt dir zwar zu Essen und ein Dach รผber dem Kopf, aber nur wenn du seine Befehle befolgst. Ungehorsam fรผhrt zu Bestrafung und Hunger. Und du hast schon mehrmals gesehen, wie andere Sklaven totgeprรผgelt wurden – weil sie immer wieder aufbegehrt haben und nicht gehorsam waren.
Anderen Sklaven gewรคhrt der Herr sogar eigene Rรคume im Sklavenhaus, einige dรผrfen sogar heiraten und eine Familie grรผnden. Auch den Kindern gibt der Herr dann Nahrung. Und all das wird denjenigen Sklaven gewรคhrt, die immer gehorsam sind und nicht aufbegehren. Und wenn du die Wahl zwischen Hunger und Peitsche auf der einen Seite und Nahrung und Bevorzugung auf der anderen Seite hast, wofรผr entscheidest du dich dann?
Anpassung
Also lernst du, deine natรผrlichen Impulse zu unterdrรผcken. Du lernst, um Erlaubnis zu fragen, statt einfach zu handeln. Du lernst, Befehle zu befolgen statt zu hinterfragen. Du lernst, geduldig zu sein und deinen Frust runter zu schlucken. Du lernst Ungerechtigkeit zu ertragen – denn Widerstand fรผhrt zu noch grรถรerer Ungerechtigkeit.
Du lernst dich zu fรผgen – und so gewรคhrt dir der Herr eines Tages auch eine Sklavenfrau und eine eigene Kammer im Sklavenhaus. Was wirst du deinen Kindern in den kommenden Jahren beibringen? Stolz und Kampfgeist oder Unterwรผrfigkeit und Gehorsam?ย
Und so entstehen im Laufe der Zeit, รผber mehrere Generationen, kulturelle Werte und Normen der Sklaven. Diese Werte und Normen sind also das Produkt von Machtverhรคltnissen – und nicht das Wort Gottes. Moral entwickelt sich ursprรผnglich aus praktischen Anforderungen des Alltags, und wir dann spรคter in Religion und Kultur kodifiziert und รผberliefert.
Es war also die Versklavung der Juden durch die รgypter, die zur Entstehung der Sklavenmoral fรผhrte. Einfach als รberlebensstrategie der Sklaven – nicht als Ergebnis gรถttlicher Offenbarungen.ย
Fortsetzung folgt in Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand, Verรถffentlichung im vierten Quartal 2021.
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