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Im Bann der Transatlantiker

13. April 2021
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Unter dem Jubel der Transatlantiker in NATO und EU verkรผndete US-AuรŸenminister Antony Blinken Ende Mรคrz in Brรผssel die lang ersehnte Botschaft: โ€žAmerica is back!“ DaรŸ Prรคsident Biden zuvor Wladimir Putin im Gossenjargon einen โ€žKiller“ genannt hatte, spielte fรผr den Jubelchor ebenso wenig eine Rolle wie Bidens anatomischer Befund, Chinas Staatschef Xi Jinping habe โ€žkeinen einzigen demokratischen Knochen in seinem Kรถrper“.

SchlieรŸlich hatte der 78-jรคhrige โ€žSleepy Joe“ damit nur etwas robuster ausgedrรผckt, was Europas politmediale Eliten seit langem ihrem Publikum einzutrichtern versuchen: daรŸ Putin und Xi hinter Orbรกn (Ungarn), Kaczyล„ski (Polen), Erdogan (Tรผrkei) und Bolsonaro (Brasilien) die beiden Hauptbรถsewichte der Welt sind, weil sie die โ€žwestlichen Werte“ mit FรผรŸen treten.

Menchenrechte in der Praxisโ€ฆ

Kein Wort davon, daรŸ Biden als Obamas Vizeprรคsident jahrelang dessen vรถlkerrechtswidrige Drohnen-Einsรคtze billigte, denen neben mutmaรŸlichen Feinden auch Hunderte Unschuldiger, Frauen wie Kinder, zum Opfer fielen. Zwei โ€žKiller“ also? I wo โ€“ bedauerliche Kollateralschรคden.

In Wahrheit verbirgt sich hinter Bidens verbalen Ausfรคllen die parteiรผbergreifend allen amerikanischen Politikern gemeinsame Furcht, die USA kรถnnten ihre globale Fรผhrungsrolle verlieren. Bereits in der ersten Pressekonferenz nach seiner Wahl nannte Biden RoรŸ und Reiter: Chinas Ziel sei es, das dominierende, reichste und mรคchtigste Land der Welt zu werden. Das jedoch, versprach der Prรคsident, โ€žwird nicht in meiner Amtszeit passieren!โ€œ

Als ersten Schritt lieรŸen Washingtons Emissรคre den unter Prรคsident Trump vernachlรคssigten Pakt mit Japan, Australien und Indien wiederaufleben. Ziel des โ€žquatrilateralen Sicherheitsdialogsโ€œ (kurz: Quad) ist angesichts chinesischer Machtansprรผche ein โ€žfreier und offener Indo-Pazifik“.

Den zweiten Schritt markierte Blinkens Besuch bei den europรคischen Partnern. Hier ging es um die Vergewisserung der gemeinsamen Front sowohl gegen Moskau als auch gegen Peking. Mit dieser Doppelstrategie wollen die USA dem grรถรŸten Alptraum ihrer geopolitischen Planer vorbeugen: einem Zusammengehen EU-Europas mit RuรŸland oder gar mit der Volksrepublik.

โ€ฆ und der Theorie

Das Konzept hat Zbigniew Brzezinski, einst Prรคsident Carters Sicherheitsberater, 1998 in seinem Buch โ€žThe Great Chessboard“ (auf deutsch: โ€žDie einzige Weltmacht“) entwickelt. Da man nicht alle Lรคnder zwischen Atlantik und Pazifik besetzen kรถnne, solle ein System aus internationalen Vertrรคgen und Organisationen die entsprechenden Staaten an die Amerikaner binden.

Um einen von Moskau dominierten eurasischen Block zu verhindern, so Brzezinski, mรผsse die Ukraine als strategischer Schlรผsselstaat dauerhaft von RuรŸland getrennt werden. Und der Politikwissenschaftler George Friedman erinnerte 2015 daran, daรŸ die USA seit mehr als hundert Jahren das Ziel verfolgten, eine Allianz zwischen Berlin und Moskau zu verhindern, da die Kombination aus russischen Bodenschรคtzen und deutscher Ingenieurskunst die grรถรŸte Gefahr fรผr Amerikas globale Vorherrschaft sei.

Um die wรคhrend des Kalten Krieges von der Sowjetunion ausgehende Gefahr zu bannen, war fรผr Westeuropa, besonders fรผr das geteilte Deutschland, die Allianz mit den USA eine Lebensversicherung. Doch seit 1991 โ€“ seit dem Zusammenbruch der UdSSR und der Auflรถsung des Ostblocks โ€“ hat sich die weltpolitische Lage grundlegend verรคndert.

Pech und Schwefel

Unverรคndert ist indes nach wie vor Europas Geographie: Mit rund 150 Millionen Einwohnern ist RuรŸland nicht nur der bevรถlkerungsreichste Staat des Kontinents, sondern mit siebzehn Millionen Quadratkilometern der flรคchenmรครŸig grรถรŸte Territorialstaat der Erde. Es verfรผgt รผber ein Zehntel der weltweiten Agrarflรคchen, ist der grรถรŸte Getreideexporteur und besitzt nahezu sรคmtliche Industrie-Rohstoffe, darunter 25 Prozent der globalen Gasreserven.

Was lag also damals nรคher als eine Zusammenarbeit zwischen der EU und ihrem kontinentalen NachbarkoloรŸ? Zweimal machte der russische Prรคsident den Europรคern ein entsprechendes Angebot: 2001 in einer auf deutsch gehaltenen Rede im Bundestag und 2007 auf der Mรผnchner Sicherheitskonferenz plรคdierte Putin fรผr einen โ€žgemeinsamen Wirtschaftsraum von Lissabon bis Wladiwostok“. Doch das Echo war, zur Erleichterung der USA, kรผhl bis ablehnend.

Als sich RuรŸland am 18. Mรคrz 2014 nach einem Referendum die Krim mit ihren mehr als zwei Millionen Einwohnern einverleibte, wurde dies im Westen unisono als โ€žBruch des Vรถlkerrechts“ verurteilt und die Rรผckgabe der Halbinsel an Kiew gefordert. An dieser Position hat sich bis heute nichts geรคndert, wie die Reaktionen auf die jรผngsten russischen Truppenbewegungen im Osten der Ukraine zeigen.

Die Krim oder geschaffene Tatsachen

Unstrittig ist jedoch, daรŸ sich das Zarenreich unter Katharina der GroรŸen im ersten russisch-tรผrkischen Krieg 1774 mit der Eroberung der Krim erstmals den Zugang zu einem โ€žwarmen Meer“ sicherte โ€“ ein schon von Peter I. angestrebtes Ziel. Als โ€žNeuruรŸland“ (Noworossija) gliederte Katharina die Gebiete im Sรผden und Osten der heutigen Ukraine ihrem Reich ein und lieรŸ sie nicht zuletzt durch die Anwerbung auslรคndischer Kolonisten besiedeln.

1802 wurde Noworossija eine Provinz des Zarenreiches und blieb bis 1917 integraler Bestandteil RuรŸlands. Erst die Bolschewiki traten die Region an die 1919 neugebildete โ€žUkrainische Sozialistische Sowjetrepublik“ ab โ€“ warum, das wisse โ€žnur Gott“, erklรคrte Prรคsident Putin im April 2014.

Genauso schleierhaft sei nicht nur ihm das Motiv des damaligen sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow, der 1954 die Krim seiner ukrainischen Heimat zum Geschenk machte. In der Tat: Unter Katharina hatte RuรŸland das nรถrdliche Ufer des eisfreien Schwarzen Meeres endgรผltig gewonnen, damit die natรผrliche Grenze im Sรผden erreicht und sie dauerhaft gesichert.

Bis hier hin und nicht weiter

Das Recht der freien Schiffahrt ins Mittelmeer hat sich Moskau seitdem nicht mehr streitig machen lassen. Aus wirtschaftlichen und militรคrstrategischen Grรผnden ist dies auch fรผr das aus der Konkursmasse der Sowjetunion wiedererstandene RuรŸland von existentieller Bedeutung. Man muรŸ daher kein โ€žPutin-Versteher“ sein, um zu erkennen, daรŸ EU und NATO die Ukraine โ€“ ein historisch labiles Gebilde, das erst 1991 zur staatlichen Unabhรคngigkeit fand โ€“ als nรผtzliches Werkzeug benutzen, um Moskau zu schwรคchen und das EinfluรŸgebiet des Westens zu erweitern.

Besonders in Deutschland hat sich die politische Russophobie in den letzten Jahren deutlich verschรคrft. Das liegt nicht zuletzt an den Mainstream-Medien, die schon lange nicht mehr neutral berichten, sondern immer hรคufiger im proamerikanischen Sinn โ€žHaltung“ zeigen. Kein Wunder: Viele Journalisten haben โ€“ wie zahlreiche ihrer Jahrgangsgenossen aus Kultur, Wirtschaft und Politik โ€“ das Studium in den USA begonnen oder dort fortgesetzt und sind nach der Rรผckkehr Organisationen wie der Atlantik-Brรผcke beigetreten.

Als รผberzeugte Transatlantiker haben sie neben Xi Jinping seit Jahren Prรคsident Putin im Visier, der jedoch zu ihrem Leidwesen offensichtlich noch immer die Mehrheit der Russen hinter sich hat. Wer sich als Journalist oder Politiker so willfรคhrig zum Verfechter raumfremder Interessen macht, begibt sich auf nationaler wie auf EU-Ebene der Souverรคnitรคt selbstbestimmten Denkens und Handelns โ€“ zum Schaden des eigenen Landes, wie die von Moskau verhรคngten Importverbote als Antwort auf westliche Sanktionen zeigen.

ABOS

Bรผcher

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