Folgender Text ist ein Auszug aus dem achten Kapitel von Odin, Nietzsche und der Pfad zur linken Hand.
Im Alltag drรผckt sich Glaube vor allem durch meist unbewusste Glaubenssรคtze aus. Diese Glaubenssรคtze sind zugleich Filter und Referenzpunkte fรผr unsere Interpretation der Welt. Wir werden ins Leben geworfen und mรผssen uns irgendwie zurechtfinden, wir brauchen Orientierung, in jederlei Hinsicht. Wir mรผssen verstehen, wie die Dinge laufen, wenn wir uns nicht verlaufen wollen.
Also konstruieren wir uns innerlich eine Vorstellung von der Welt und uns selbst und von der Wechselwirkung zwischen beiden. Wir konzeptualisieren und basteln uns unsere persรถnliche Weltsicht zusammen. Wir erarbeiten uns ein Konzept der Welt – um in ihr agieren zu kรถnnen, um uns zu orientieren.
Was ist ein Konzept?
Laut Duden hat das Wort Konzept drei Bedeutungen:
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โskizzenhafter, stichwortartiger Entwurf, Rohfassung eines Textes, einer Rede o. ร.โ
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โklar umrissener Plan, Programm fรผr ein Vorhabenโ
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โIdee, Ideal; aus der Wahrnehmung abstrahierte Vorstellungโ
Und was ist unsere Weltsicht, wenn nicht unsere aus unserer Wahrnehmung abstrahierte Vorstellung von der Welt? Entsprechend fรผhrt der Duden „sich ein Konzept von der Welt erarbeiten“ auch als Beispiel fรผr die dritte Bedeutung auf. Weil die Welt unendlich komplex ist, aus Perspektive des Individuums praktisch nur aus Unbekanntem besteht und wir uns nur einen verschwindend geringen Teil der Welt durch unmittelbare Wahrnehmung erschlieรen kรถnnen, brauchen wir zwingend ein Konzept von der Welt.
Ohne Konzept wรผssten wir nie, wie die Dinge laufen und wรคren orientierungslos. Das wir basierend auf unserer Wahrnehmung die Welt konzeptualisieren ist also zwingend notwendig – doch aufgrund der endlosen Komplexitรคt der Welt mรผssen wir dazu immer auch vereinfachen, und hier spannen sich die Fallstricke.
Wenn ein Konzept eine aus Wahrnehmung abstrahierte Vorstellung ist, dann entsteht unser Konzept durch unsere Wahrnehmung und unsere Abstraktion. Menschen mit unterschiedlicher Wahrnehmung und unterschiedlicher Abstraktionsfรคhigkeit werden also zwangslรคufig die gleichen Dinge unterschiedlich konzeptualisieren.
Die Erfahrung habe ich auch gemacht!
Tendenziell fรผhrt gemeinsame Erfahrung zu kompatiblen Konzepten und sich widersprechende Erfahrung zu sich widersprechenden Konzepten. Tendenziell, am Ende spielt die individuelle Abstraktionsfรคhigkeit eben immer auch noch eine Rolle. In jedem Fall abstrahieren wir aus unserer Wahrnehmung Vorstellungen – wir bekommen eine Idee von der Sache, erarbeiten uns ein Konzept und machen uns eine Vorstellung.
Im Groรen ist das dann unsere Weltsicht, unsere Vorstellung davon, wie die Welt funktioniert und wie wir mit ihr in Wechselwirkung stehen. Da wir aber nie alles wahrnehmen kรถnnen und unsere Rohdaten somit immer unvollstรคndig sind, und wir diese unvollstรคndigen Rohdaten dann auch nur mittels unseres individuell begrenzten Abstraktionsvermรถgens auswerten kรถnnen, sind unsere Konzepte zwangslรคufig immer zu einem gewissen Grad falsch.
Umso mehr man รผber eine Sache wahrnimmt und umso besser das Abstraktionsvermรถgen ist, desto besser wird das Konzept – aber perfekt wird es nie. Allein schon weil unsere menschliche Wahrnehmung begrenzt ist – wir kรถnnen beispielsweise kein Infrarotlicht sehen und Tรถne nur in der Spanne von 20 bis 20.000 Hertz hรถren. Und von unserer begrenzten Denk- und Abstraktionsfรคhigkeit ganz zu schweigen!
Am Anfang war der Plan
Es hilft aber alles nichts, wir mรผssen konzeptualisieren. Sonst wรคre jedes Kraftfahrzeug ein singulรคres technisches Wunder, das wir uns zunรคchst durch ausfรผhrliche Wahrnehmung und Erfahrung erschlieรen mรผssten, bevor wir es fahren kรถnnen; jeder Mensch ein singulรคres biologisches Wunder, auf das man keinerlei Vorerfahrungen mit anderen Menschen รผbertragen kรถnnte und so weiter.
Ohne zu konzeptualisieren wรคren wir nicht lern- und nicht lebensfรคhig. Aber unsere Konzepte basieren auf unvollstรคndiger Wahrnehmung und beschrรคnkter Abstraktionsfรคhigkeit und sind somit immer fehlerhaft. Wir lernen und leben also basierend auf fehlerhaften Konzepten – zwangslรคufig. Trotzdem ist der Mensch zu Groรem fรคhig. Aller menschlicher Fortschritt wurde von Menschen voller fehlerhafter Vorstellungen basierend auf unvollstรคndiger Wahrnehmung und beschrรคnkter Denkfรคhigkeit errungen.
Weil wir unsere Konzepte verfeinern kรถnnen. Weil wir unsere Vorstellungen รผberprรผfen kรถnnen. Weil wir unsere Weltsicht prรคzisieren kรถnnen. Unsere Konzepte sind zwar zwangslรคufig immer zu einem gewissen Grad falsch, aber wir kรถnnen diesen Grad reduzieren. Wir kรถnnen dazu lernen. Wir kรถnnten. Wenn wir nur die Augen รถffnen wรผrden…
Wo gehobelt wird, fallen Spรคhne
Denn das ist genau das, was wir Menschen kaum freiwillig tun. Wir beharren auf unseren Konzepten und klammern uns an sie, wie sich Schiffbrรผchige an ein Stรผck schwimmendes Holz klammern. Weil wir Schiffbrรผchige sind, schiffbrรผchig im Ozean der Informationen.
Wenn wir nicht gut aufpassen, ertrinken wir im Meer unserer Wahrnehmungen. Und die Augen zu verschlieรen reduziert die Informationsflut. Deswegen laufen wir blind durchs Leben, schauen auf unsere kleinen Bildschirme statt auf die Welt – weil die Welt furchterregend kompliziert ist.
Und jedes Mal, wenn wir eins unserer Konzepte loslassen, dann lassen wir das Sicherheit spendende Stรผck Holz los und schwimmen solange ganz auf uns allein gestellt durch den Ozean der Informationen und der Wahrnehmung, bis wir uns ein neues Konzept machen und ein neues Stรผck Holz zu fassen bekommen. Oder vielleicht sogar ein Rettungsboot.
Denn das ist genau, worauf wir hoffen. Anstatt auf unsere Schwimmfรคhigkeit zu vertrauen und an den Strand zu schwimmen, hoffen wir auf Rettung. Und bis wir errettet werden, klammern wir uns รคngstlich an jedes Stรผck Treibgut, dass uns noch ein bisschen lรคnger รผber Wasser hรคlt.
