Am 26. Mรคrz 2021 verรถffentlichte der Rapper Danger Dan auf dem YouTube-Kanal seiner Hip-Hop-Band Antilopen-Gang einen Song (oder nennt man es doch eher Track?) mit dem klangvollen Titel โDas ist alles von der Kunstfreiheit gedecktโ.
Ohne groรartig auf den Inhalt dieses neuesten Meisterwerkes gutmenschlicher Poesie eingehen zu wollen โ ich habe nicht so viel Zeit, als dass ich dem โHusten der Wรผrmerโ (ยฉ Schattenmacher) viel Beachtung schenken kรถnnte โ mรถchte ich dennoch kurz erwรคhnen, dass sich unser tapferer, antifaschistischer Recke insofern vor seiner geifernden Zuhรถrerschaft aufspielt, als er einige Figuren der rechten und neurechten Opposition mit scheinbar kontroversen Vorwรผrfen, Beleidigungen oder Pfeile schieรenden Sportgerรคten attackieren mรถchte, um mit seinen รuรerungen den rechtlichen Rahmen der sogenannten Kunstfreiheit neu auszuloten.
Ist das alles?
Natรผrlich wird sein Musikvideo nicht justiziabel sein und das sollte es auch nicht (zumindest nicht in der Bundesrepublik…), Danger Dan wird fรผr seinen aufgebrachten Mut ohnehin gefeiert werden (auch wenn ich mich frage, was fรผr ein โMutโ das sein sollโฆ), und ich erwarte von โunseremโ Lager, sich nicht blinder Empรถrungswut hinzugeben, denn damit legitimierte man die groรtuerische Tapferkeit dieses Mannes auch noch. Die Frage, die mir nach dem Anschauen des Videos am meisten unter den Nรคgeln brannte, war: โIst das alles?โ
Seit lรคngerem schon beobachte ich, dass ein Groรteil zeitgenรถssischer Kunst nichts anderes mehr kann, als den Zuhรถrer mit irgendwelchen zweitklassigen Moralpredigten zu belรคstigen. Dass zeitgenรถssische Kunst รผberhaupt noch etwas kann, grenzt ja schon an ein Wunder, aber warum um alles in der Welt mรผssen sich ihre Erschaffer samt deren Publikum dabei vor allem an der Zurschaustellung ihrer mickrigen Sklavenmoral ergรถtzen? Sind sie denn nicht zu mehr im Stande?
Ein paar Tage lang beschรคftigte mich diese Frage, und da las ich zwei Sรคtze, die der deutsche Philosoph Oswald Spengler in seinem Opus Magnum โDer Untergang des Abendlandesโ darnieder schrieb:
โNur in der Geistigkeit der groรen Stรคdte wird der Ausdrucksbetrieb vom Mitteilungsbetrieb รผberwรคltigt. [โฆ] Daraus entsteht jene Tendenzkunst, die belehren, bekehren oder beweisen will, seien es politisch-soziale oder moralische Ansichten, und gegen die sich in der Formel โlโart pour lโartโ dann wieder weniger eine รbung als eine Meinung auflehnt, die sich der ursprรผnglichen Bedeutung des kรผnstlerischen Ausdrucks wenigstens erinnert.โ
Tendenzkunst
Der ganze moderne Kunstbetrieb besteht zumeist aus nichts anderem als das, was Spengler hier โTendenzkunstโ nennt. Es der Ausdruck einer niedergehenden โSeeleโ, um bei Spenglers Termini zu bleiben, des Winters einer Hochkultur, das Sinnbild einer groรstรคdtischen Zivilisation. Und: Diese โTendenzkunstโ kann nichts anderes. Sie ist entweder nicht mehr in der Lage oder nicht mehr willens, hรถhere Werke zu schaffen, Grรถรe zu suchen oder die Maske der Moral abzulegen.
In den Zeiten der โTendenzkunstโ wird eher derjenige zum Kรผnstler, der sich durch moralische Reinheit zu profilieren weiร als durch sein handwerkliches Geschick oder dem Ausdruck seines tiefsten Innern, seiner Seele (das ist das Kokettieren mit der herrschenden Moral zumeist nicht, und wenn nur das wรคre, so wรคre das ziemlich erbรคrmlichโฆ).
Weiterhein suggeriert die Frage โIst das alles?โ noch ein anderes Merkmal der โTendenzkunstโ: Sie ist langweilig! Furchtbar langweilig! Ich verstehe nicht, wie ein angeblich groรer Geist seine Freude daran haben kann. Es soll mir beim besten Willen niemand weismachen, dass jemand beim Hรถren von Danger Dans Track oder รคhnlich sklavenmoralschwangerer Musik dieselbe tiefe, innere Freude empfindet, wie ich sie beim Hรถren einer Bachfuge empfinde!
Bloร ein weiterer NPC
Und gerade heute wird einem auch nichts Neues mehr geboten, es ist immer dasselbe: โKapitalismus schlechtโ, โrechts bรถseโ, โwir schuldigโ, โbraune Loide armโ usw., und wรคre das nicht schlimm genug, werden vor lauter pseudosittlicher Trunkenheit die Grenzen der Weltbilder der unliebsamen, politischen Gegner verwischt; so bezeichnet Danger Dan in seinem Song Alexander Gauland als Nationalsozialisten (von der Unsinnigkeit dieser Aussage hinsichtlich ideologischer Aspekte mal abgesehen, wer wird wohl dadurch mehr beleidigt: Der NS-รsthetik und -Ideologie verabscheuende Gauland, oder die Nationalsozialisten, denen auf einmal dieser anglophile, neokonservative Gentleman in die Reihen gestellt wird?).
Zurรผck zu Spengler: Er schreibt in dem oben zitierten Satz von Kรผnstlern, die sich auf die โFormel โlโart pour lโartโโ (fรผr die Frankophoben unter euch: das heiรt โKunst um der Kunst Willenโ) berufen, um gegen die โTendenzkunstโ zu rebellieren. In dieser Gruppe fรผhle auch ich mich heimisch. Aber Spengler erkennt, wenn man das oben geschriebene genau liest, auch bei diesen Leuten ein Problem: Diese sind nรคmlich nicht mehr in der Lage, den ursprรผnglich Geist ihrer Kultur, ihrer Seele widerzugeben.
Sie stehen wie die ersten Tendenzkรผnstler am รbergang vom Herbst zum Winter einer Kultur, sie spรผren den Verfall, sehen ihn vor sich, und versuchen mit aller Kraft, dem entgegenzuwirken. Aber schaffen sie es?
Eine letzte These zum Abschluss: Sobald die Kunst zur โTendenzkunstโ wird und sie damit die flache, weltliche Moral in den Vordergrund stellt, anstatt, wie in der Hochphase unserer Kultur, ein gut ausgewogenes Verhรคltnis zwischen hoher, transzendenter/gรถttlicher Moral, handwerklichem Schaffen sowie Demut vor der Sache an sich, zu etablieren, verliert sie ihre Grรถรe. Ihr Dasein wird nur noch auf einfache Belange der menschlichen Existenz reduziert: Anstatt den Menschen zu erheben und wachsen zu lassen, sich mit ihm auf hรถchster Ebene zu verschmelzen, dient die Kunst nur noch zur Ergรถtzung, zur Befriedigung niederer Triebe, sie soll nur noch รผber die Leere des abendlรคndischen Seelenwinters hinwegtรคuschen.
Aber keine Sorge, das Beste, was wir tun kรถnnen, ist, dem hohen Ideal nachzueifern; und wer weiร, vielleicht wird sich eine neuerwachte Kultur in ihrem Frรผhling oder Sommer von unseren Werken und Taten inspirieren lassen, auch wenn sie nie in der Lage sein wird, sie vollstรคndig nachzuvollziehen, sodass unser Tun in den Zeiten des Niedergangs nicht umsonst gewesen sein wird!
