Im Jahr 1889 verรถffentlichte Rudyard Kipling eine Ballade mit den berรผhmten Eingangsversen: โOst ist Ost, und West ist West, und es verbindet sie nichts, / Bis Erde und Himmel stille stehn am Tage des Jรผngsten Gerichts“. Kiplings Osten hat nichts mit dem damals in Ruรland heraufziehenden Kommunismus zu tun, sondern meint den asiatischen Kulturkreis, der vielen auch heute noch fremd und rรคtselhaft ist.
Als Helmut Schmidt 2012 im Alter von 93 Jahren Abschied von seinem bewunderten China nahm, traf er bei einem Zwischenstop in Singapur den 89jรคhrigen Freund Lee Kwuan Yew, der einst den Stadtstaat gegrรผndet und jahrzehntelang regiert hatte. Eines ihrer Gesprรคchsthemen waren die Menschenrechte und deren unterschiedliche Bewertung in Ost und West.
Manifest Destiny
Lee erklรคrte: โWeder die Chinesen noch die Japaner noch die Koreaner glauben, es sei ihre Pflicht, anderen Vรถlkern zu sagen, wie sie sich verรคndern mรผssen und wie sie besser regiert werden kรถnnen. Das ist eure Sache, sagen sie: ,Ihr mรผรt uns nicht folgen, und wir mรผssen euch nicht folgen!ยด“
Der Westen, so Lee, habe dagegen diesen โevangelikalen Zug“, den Glauben, er besitze ein System von universalem Wert, das รผber die ganze Welt verbreitet werden mรผsse: Demokratie und Menschenrechte. Dieser Einschรคtzung stimmte sein deutscher Gast zu, und beide verwiesen besonders auf den missionarischen Eifer der USA.
Und in der Tat: In seinem Aufsatz โAmerika als Modell โ Die neue Weltordnung in historischer Perspektive“ (1992) weist der Historiker Hans-Jรผrgen Schrรถder nach, daร die Geschichte der Vereinigten Staaten seit ihren Anfรคngen von einer kontinuierlichen, zunรคchst kontinentalen, dann รผberseeischen Expansion gekennzeichnet ist, die letztlich zum globalen Fรผhrungsanspruch Amerikas auch in moralischer Hinsicht gefรผhrt hat.
Im Unterschied zu den europรคischen Kolonialstaaten zielte die Expansion nicht primรคr auf die formelle Beherrschung รผberseeischer Territorien, sondern auf indirekte Einfluรnahme mittels รถkonomischer Durchdringung (โOpen-Door-Prinzip“). Um zur Sicherung der Absatzmรคrkte รผberall den freien Handel zu gewรคhrleisten, muรte Washington bald jedoch immer รถfter als ultima ratio zur militรคrischen Intervention greifen, wie die beiden Weltkriege zeigten, die den Aufstieg der USA zur dominierenden Macht besiegelten.
In vierzehn Punkten hatte Prรคsident Woodrow Wilson 1918 sein Programm fรผr eine Friedensordnung nach amerikanischem Muster dargelegt, das unter Prรคsident Franklin Roosevelt als โOne-World“-Konzept fortgesetzt wurde: Freiheit der Meere und Freiheit des Handels als wirtschaftliche Grundlage; Errichtung einer kapitalistischen Weltordnung auf der Basis liberaler demokratischer Prinzipien.
Messias mit Macken
Bis heute versuchen die USA, durch diese Verzahnung von Eigeninteressen und Export des Demokratie-Modells den politischen und รถkonomischen Fรผhrungsanspruch durchzusetzen. Als โKatastrophe“ bezeichnete die Historikerin Hedwig Richter in der Sรผddeutschen Zeitung (15. Januar 2021) Amerikas Selbsteinschรคtzung als โbest democracy“ und โgreatest country“. Aufgrund der im Land grassierenden Gewalt und des strukturellen Rassismus sei diese Hybris und Selbstvergรถtterung mittlerweile zum globalen Problem geworden.
Es kann somit nicht verwundern, daร Peking angesichts der Anklagen aus Washington, China verstoรe gegen das Vรถlkerrecht und verletze stรคndig die Menschenrechte, eine Gegenbilanz aufmacht und die USA des Egoismus, der Doppelmoral und einer hegemonialen Denkweise beschuldigt.
Anfang April lieร die chinesische Gesellschaft fรผr Menschenrechtsstudien verlautbaren: โUnter dem Deckmantel der ยดhumanitรคren Interventionห haben die Vereinigten Staaten oft andere Lรคnder angegriffen. Nach einer unvollstรคndigen Statistik hat es seit Ende des Zweiten Weltkriegs zwischen 1945 und 2001 in 153 Regionen der Welt 248 bewaffnete Konflikte gegeben, von denen 201, also etwa 81 Prozent, von den USA initiiert worden sind.“ Viele dieser Aktionen hรคtten zu humanitรคren Katastrophen gefรผhrt.
Nach den Verheerungen durch den 2003 aufgrund einer Lรผge ausgelรถsten Irak-Krieg und den bis heute andauernden Kรคmpfen in Libyen zeichnet sich in Afghanistan das nรคchste Debakel ab. Wenn am 11. September die letzten NATO-Truppen nach zwanzig Jahren das Land verlassen, steht der Rรผckkehr der Taliban an die Macht nichts mehr im Weg. Damit werden am Hindukusch die archaischen Stammesstrukturen einmal mehr alle Trรคume von Demokratie und Liberalismus zunichte machen.
Was immer man von Donald Trump hรคlt, eines muร man ihm trotz seiner miserablen Manieren zugutehalten: er hat keinen neuen Krieg vom Zaun gebrochen, sondern die angemaรte Rolle des Weltpolizisten abgelehnt und statt dessen zahlreiche Soldaten zurรผckbeordert. Daร sein Nachfolger demgegenรผber den alten Kurs wieder aufnehmen will, hat Joe Biden unmiรverstรคndlich klargemacht.
Die Gefahr, daร an Washingtons Seite auch Deutschland in militรคrische Konflikte verwickelt werden kรถnnte, ist nicht von der Hand zu weisen. So soll sich im August die Fregatte Bayern zu einer siebenmonatigen Fahrt in Richtung Indopazifik aufmachen โ als Bekenntnis zu offenen Seewegen und als Botschaft an Peking, das im Sรผdchinesischen Meer umstrittene Gebietsansprรผche erhebt.
Die Rechten haben keine Idee von China
Hierzulande dรผrfte die Mission auf wenig Widerstand stoรen, denn nicht nur in den Medien ist die Volksrepublik lรคngst zum Feindbild Nummer 1 avanciert. Wรคhrend die Linken Chinas Staatskapitalismus verurteilen, der zu einer immensen sozialen Ungleichheit gefรผhrt habe, schรผtteln sich die Liberalen vor Abscheu angesichts eines digitalen รberwachungsstaates.
Und die Rechten? Viele von ihnen sehen eine Funktionรคrsclique in der Nachfolge Mao Zedongs am Werk, die nicht nur das eigene Volk versklave, sondern die ganze Welt im Visier habe. Die meisten im konservativen Lager verharren im eurozentrischen Denken, haben sich noch nie mit Chinas Entwicklung auseinandergesetzt und plappern nach, was die Mainstream-Presse oder Propaganda-Postillen wie Epoch Times verbreiten.
Vor wenigen Wochen jedoch kam es in Kreisen der Neuen Rechten zu einer aufgeregten Debatte. Anlaร war das im letzten Jahr auf deutsch erschienene Buch des Philosophen Zhao Tingyang โAlles unter dem Himmel โ Vergangenheit und Zukunft der Weltordnung“. In seinem erstmals 2016 in Peking verรถffentlichten Opus plรคdiert Zhao dafรผr, das gegenwรคrtige โinternationale Dominanzsystem“ durch das Konzept einer kosmischen Universalitรคt zu ersetzen โ einer โinklusiven Welt“, die durch auf Vertrauen basierender Partnerschaft Konflikte in Kooperation verwandelt.
Als geschichtliches Vorbild dient dem Autor die Zhou-Dynastie (ca. 1050 – 256 v. Chr.), in der nach dem Prinzip des Tianxia (โalles unter dem Himmel“) Vรถlker und Kulturen friedlich zusammengelebt hรคtten. Diese utopisch anmutende Vision wurde in den meisten Medien als โWeltfrieden auf Chinesisch“ (Deutschlandfunk) oder als antiwestliches โRegime der Harmonie, das das Kollektiv รผber den Einzelnen stellt“ (Die Zeit) abgekanzelt. Auch die Neuen Rechten verloren bald das Interesse und widmeten sich wieder abstrusen Verschwรถrungstheorien vom โGreat Reset“, dem โGroรen Neustart“ โ sei es die angeblich geplante Einfรผhrung eines Milliardรคrs- oder Konzernsozialismus, sei es eine globale Diktatur im Schatten von Corona.
Verschwรถrungstheorie statt Regierungspraxis
Als Hauptverschwรถrer gilt Klaus Schwab, der Grรผnder des Davoser Weltwirtschaftsforums, der im letzten Jahr dazu aufrief, nach dem Ende der Pandemie die รkonomie weltweit gerechter und nachhaltiger zu gestalten.
Soll die Menschheit im Zeitalter der durch das Internet vorangetriebenen Globalisierung รผberleben, ist eine neue Weltordnung in der Tat unumgรคnglich. Mit seinem Buch liefert Zhao hierfรผr den entscheidenden Schlรผssel, wenn er konstatiert: โKoexistenz ist die Voraussetzung der Existenz“. Dies gilt fรผr das auf Gemeinschaft angewiesene Individuum wie fรผr den Staat. Bei Klima, Umwelt, Pandemien etc. handelt es sich lรคngst um globale Probleme, die sich nur kooperativ รผber Grenzen hinweg lรถsen lassen.
Man ist kein Propagandist des autoritรคren chinesischen Systems, wenn man feststellt, daร die erstmals 1953 vom damaligen Regierungschef Zhou Enlai vorgestellten โFรผnf Prinzipien der friedlichen Koexistenz“, fรผr Pekings Auรenpolitik verbindlich bis heute, grundlegende Maximen internationaler Beziehungen sind:
1. Gegenseitige Achtung der nationalen Souverรคnitรคt und der territorialen Integritรคt;
2. gegenseitiger Nichtangriff;
3. Nichteinmischung in die inneren Angelegenheiten;
4. Gleichberechtigung und gegenseitiger Nutzen;
5. friedliche Koexistenz.
In einem globalen Pluriversum sollten Unterschiede bezรผglich Geschichte, Kultur und Gesellschaftssystem keine Rolle spielen. Im Rรผckblick auf Kiplings eingangs zitierte Ballade lรครt sich indes sagen, daร die groรe Differenz zwischen Ost und West in der gegensรคtzlichen Wertung von Gemeinschaft und Individuum besteht: im Osten groรes Wir und kleines Ich, im Westen groรes Ich und kleines Wir. Nur bei beidseitiger Koexistenz, nicht durch hegemoniales Machtstreben, lassen sich hieraus entstehende Konflikte vermeiden.

