Von Ferdinand Vogel
In Berlin werden nur wenige Sozialwohnungen gebaut. Wenn รผberhaupt noch gebaut wird, sind es groรe Investoren, die den roten Volkszorn der โEnteignen-Fraktion!โ auf sich ziehen, weil sie Berlin mit immer exklusiveren Eigentumswohnungen voll stellen, die sich der Normalverdiener in der Hauptstadt gar nicht leisten kรถnnte.
Und selbst die Gutverdiener der Stadt, die auf den gut bezahlten Posten in der linken Verwaltung sitzen oder sonst irgendwie vom Zeitgeist profitieren, also mehr als ihre 1500 Netto jeden Monat nach Hause bringen, werden bis an ihr Lebensende die 75mยฒ Wohnung im Stadtzentrum abzuzahlen haben. Aber wer kann, der kauft. Oder er mietet sich zu horrenden Preisen in angesagte Immobilien ein. Dabei ist ein Trend kaum zu รผbersehen: Sicherheit und Exklusion.
Gated Communities sind lรคngst im Trend
รberall in Berlin, egal ob in den Kernbezirken oder am Rand, entstehen Wohnblรถcke, die das Gefรผhl vermitteln, dass es sich um eigene Lebensrรคume, ja interurbane Habitate einer anderen Klasse innerhalb der eigentlich eher armen Hauptstรคdter handelt. Am Gleisdreieck stehen alabasterfarbene Fassaden auf steinerne Sockeln, umringt von Ziegelsteinmauern und zwei Meter hohen Stahlzรคunen, hinter denen die mit Kameras รผberwachten Glasfassaden Einblick in das Innenleben hochmoderner Wohnrรคume bieten, die, gemessen am Publikum des nahen urbanen Spielplatzes, offensichtlich zu 99% europรคische Weiรe sind.
Durchaus ein internationales Grรผppchen, aber allein dem Kleidungsstil und den parkenden Autos zu urteilen eines, das sich einen Range Rover und einen Tesla eben leisten kann. Keine 200 Meter weiter liegen an einem anderen Eck der Nachbarschaft zugedrรถhnte Obdachlose zwischen dem Mรผll der Stadt und unterhalb der grollenden Bahngleise, die ja oberhalb der Kรถpfe verlegt wurden.
Auch am Rand, beispielsweise nun auch im Osten von Berlin, kann man eine รคhnliche Entwicklung sehr genau beobachten. Neubauten, darunter auch schรถne Einfamilien- und Reihenhรคuser, kommen gleich mit dunklen, blickdichten und hohen Stahlzรคunen. Schildchen weisen auf die Anwesenheit eines in der Nachbarschaft verkehrenden, eigenen Sicherheitsdienstes hin. Die Einfahrten sind verriegelt, dunkle Kugelkameras hรคngen in den Ecken.
Das gleiche am Hauptbahnhof in der Seydlitzstraรe. Keine 500 Meter von der Turmstraรe, der Justizvollzugsanstalt, dem Drogenpark von Moabit und den berรผchtigten Clangebieten und islamistischen Moscheen entfernt, in denen ja auch Amri zu Gast war, wohnen gut betuchte Bรผrger in weiรen Reihenhรคuschen mitten am Ghetto. Kameras und hohe Stahlzรคune schirmen auch hier die heile Welt der in den klein geschnittenen Gรคrten spielenden Kinder vom Rest der Nachbarschaft ab.
Die Segregation verlรคuft nicht nur entlang der Einkommenshรถheโฆ
Auf dem nahen Spielplatz vor der JVA dominieren Kopftuchfrauen das Bild. Ihre Familie gehรถren wahrscheinlich zu dem Teil der Bevรถlkerung, die nicht in den weiรen Reihenhรคuschen mit Kleingarten und Dachterrasse wohnen. Weiter die Lehrter Straรe herunter kann man auf der rechten Seite in Richtung Perleberger das gleiche Bild sehen. Hohe Mauern schรผtzen eine ganze Reihe riesiger Neubauwohnblรถcke, die wie in einem eigenen Kiez vom Rest der Straรe abgesondert stehen.
Es wรผrde reichen ein stรคhlernes Tor zwischen die Mauern zu setzen, um das Wohngebiet hier vom Rest der Auรenwelt zu isolieren. Setzt man noch einen Wรคchter in ein Wรคrterhรคuschen und lรคsst die Amazon-Pakete dann via Schleuse eintrudeln, wรคre die โGated Communityโ beinahe perfekt.
Diese Tendenzen hin zur Exklusion, zur Selbstisolation der besser verdienenden Bรผrger, ist ja nichts neues. In Deutschland hat man diese Entwicklungen schon vor zehn Jahren langsam in einigen westdeutschen Ecken wie Essen, Hanau und andernorts sehen kรถnnen.
Im SWR berichtete man bereits 2018 รผber diesen Trend hin zur Gated Community. Immer mehr Firmen wรผrden auf den Bedarf und diese Nachfrage nach Sicherheit und Isolation der Gutverdiener reagieren. Modellprojekte stehen bereits in vielen Stรคdten und scheinen sich, wenngleich kaum vergleichbar mit Sรผdamerika, durchzusetzen.
Atomisierung der Gesellschaft
Aber wo heute ein Trend ist, mag Morgen schon die neue Normalitรคt sein. รhnlich wie in Sรผdafrika, den USA oder Sรผdamerika bewegt sich auch Westeuropa mehr und und mehr in Richtung einer atomisierten Gesellschaft, in der soziale, ethnische und religiรถse Gruppen ihre eigenen Enklaven aufbauen und sich zunehmend vom Rest der Bevรถlkerung isolieren wollen.
Reiche mit Reichen, Linke mit Linken, Rechte mit Rechten, Muslime mit Muslime, Christen mit Christen. Oder linke Reiche mit linken Christen, die auch wohlhabend sind. Kombinationen sind mรถglich und werden auch zur Norm gehรถren.
Wahrscheinlich werden wir in zwanzig Jahren, wenn derzeitige Trends bezรผglich Zuwanderung und soziale Verschiebungen (sterbende Mittelschicht) anhalten, einen westlichen Teil Europas haben, in dem der Unterschied zu Brasilien oder Venezuela nur im Wetter und der Verbreitung von scharfen Soรen besteht. Reiche, die die Negativentwicklungen des Landes ausblenden wollen, an denen sie wahrscheinlich selbst einen groรen Anteil haben, werden in eigenen Kommunen ein Leben in relativer Zufriedenheit leben, wรคhrend weite Teile der Hauptstรคdte und Groรstรคdte zu einer Art groรen Favela werden.
Und auch dort wird es dann Enklaven der Gutverdiener geben, die sich mit hohen Mauern und Panzerglas innerhalb der hippen Gebiete ihrer Stรคdte vom Rest des Volkes isolieren kรถnnen. In Frankreich sind solche Areale lรคngst gelebte Realitรคt und Normalitรคt.
Sie nennen es โVielfaltโ
Angesichts dieser Verwerfungen ist es fast schon Hohn von Gemeinschaft oder โVolkโ zu sprechen. Diese fรผr jede Demokratie und halbwegs partizipatorisch-freiheitliche Gesellschaft schรคdlichen Entwicklungstendenzen stehen scheinbar in keinem ideologischen Widerspruch zur โschรถnen neuen Weltโ, die vor allem von Links immer wieder verkรผndet wird.
Vรถllig egal scheint dabei, wenn sich das Staatsvolk in โStaatsvรถlkerโ dividiert und jegliche Kommunikation bzw. Verstรคndigung untereinander schon aufgrund der groรen sozialen Unterschiede nahezu unmรถglich gemacht wird. Kommen noch sprachliche, kulturelle und religiรถse Unterschiede hinzu, wรคre die totale Atomisierung der Gesellschaft vollendet.
Bis zu seinem logischen Ende gedacht, wรคre dies das Ende der Demokratie und der Beginn einer neuen Oligarchie.

