Jens Lehmann ist eine lebende Legende. Nicht zuletzt seine Paraden besorgten der deutschen Elf bei unserer Heim-WM 2006 einen respektablen 3. Platz. Recht genau erinnere ich mich an das Viertelfinale gegen Argentinien, in dem er sensationell hielt.
Nur ein paar Wochen zuvor berief der damalige Bundestrainer Jรผrgen Klinsmann ihn zur Nummer 1 im deutschen Tor. Dies kam fรผr Viele รผberraschend. Lange galt der seinerzeitige Bayern-Torwart Oliver Kahn als gesetzt. Auch ich fand damals wie heute den leidenschaftlicheren Kahn deutlich sympathischer. Lehmann wirkte immer irgendwie abwesend, gleichgรผltig, kรผhl und nichtssagend.
Der hat Quotenschwarzer gesagt!
Das hat sich bis heute nicht so richtig geรคndert, wobei man die letzten Jahre vermutlich weniger รผber Lehmann nachgedacht hat. Wie viele Ex-Fuรballer machte er jahrelang irgendetwas im karitativen Bereich und war seit einiger Zeit im Hertha-Aufsichtsrat, wovon auch nur Wenige Notiz genommen hatten. Diese Woche sprach aber plรถtzlich die gesamte brรผckentagsdeutsche, wechselwรคhlende Moralprovinzler-รffentlichkeit รผber ihn. Was war geschehen?
Jens Lehmann hatte am Abend zuvor eine Nachricht an Ex-Nationalspieler und TV-Experte Dennis Aogo geschickt die wie folgt lautete: โIst Dennis eigentlich euer qotenschwarzer :D?โ – Diese offensichtlich nicht fรผr Aogo gedachte Nachricht ist aus dem Zusammenhang gerissen und macht fรผr sich genommen wenig Sinn.
Aogo hat aber nicht etwa um Klarstellung gebeten, einen abfรคlligen Spruch gemacht oder das Ganze mit Humor genommen (wie es laut Smiley ja auch augenscheinlich gemeint war). Er hat es direkt in seine Story bei Instagram hochgeladen in dem Wissen, dass er sich damit zum Rassismus-Opfer stilisieren kann. Bei dem nun anstehenden Gang nach Canossa entschuldigte sich Lehmann nicht nur รถffentlich, er gab zu Protokoll, dass der Zusammenhang eigentlich sogar ein positiver gewesen sein soll.
Angeblich ging es in dem Gesprรคch um die gute Zuschauerquote und um die hohe Fachkompetenz von Aogo. Das mag so gewesen sein. Lehmann hat in einer Privatnachricht ein harmloses, politisch inkorrektes Wortspiel gemacht. Deshalb kann man ihn natรผrlich fรผr ein Arschloch halten.
Unsere Vorzeigedullis
Bevor man allerdings groร von โWertenโ und von โstrukturellem Rassismusโ der beim FC Arschloch, beim Arschloch e.V. oder in der Arschloch-Stiftung โkeinen Platz hatโ schwadroniert, sollte man sich lieber รผberlegen, ob jede einzelne Nachricht, die man jemals privat versendete, dem Urteil des Volksgerichtshofs Aogo und seinen 88.500 Follower stand halten wรผrde.
Hertha BSC ist, was den linksgrรผnen โUnser Ball ist bunt!โ-Zeitgeist angeht, sehr weit vorne mit dabei – ganz im Gegensatz zur Bundesliga-Tabelle. Gerne importiert man auch das amerikanische Knien vor einem Spiel und zeigt so โHaltungโ bei einem gesellschaftlichen Konflikt, den es weder in Berlin noch in Deutschland in der ursprรผnglich mit der Geste adressierten Form gibt. Das ist den provinziellen Pseudokosmopoliten aber natรผrlich vรถllig egal.
Hauptsache irgendwie gegen den allgegenwรคrtigen Rassismus ein bisschen Gratismut verdienen kรถnnen. Deshalb war auch klar, wie das Urteil fรผr Lehmanns dรผmmliche WhatsApp-Nachricht lautet: Raus aus dem Hertha-Aufsichtsrat! Auch sein soziales Engagement fรผr die Laureus-Stiftung ruht bis auf Weiteres. Lehmann entschuldigte sich รถffentlich wie oben angesprochen und zweimal telefonisch bei Dennis Aogo persรถnlich, der ganz jovial meinte, er kaufe Lehmann die Reue ab.
Er sah also nach der von ihm initiierten, vorlรคufigen Existenzvernichtung, einem Tag Twitter-Schandkette und online-Pranger der Medien keinen Grund, ihn zur รถffentlichen Selbstgeiรelung auf einem Marktplatz zu zwingen. Wie groรzรผgig.
Ist Aogo jetzt Quotenschwarzer oder ist er es nicht?
Fakt ist, Aogo wusste genau, was er tat. Die Reaktion des hysterischen Mobs war vorher klar. Auf solche Sachverhalte ist man in Deutschland dank groรer Anti-Rassismus-Industrie bestens geschult. Dafรผr reicht auch eine dรผmmliche, spรคtabendliche WhatsApp auf Herrenwitz-Niveau und man ist fรผr immer als รผbler Rassist gebrandmarkt.
Das Establishment braucht solche Fรคlle zur zirkulรคren Selbstbewahrheitung. Nun hat man wieder eine Grundlage 8 Netflix-Dokus mit ausschlieรlich schwarzen Darstellern, 24 Anti-Rassismus-Programme und 47347389473 โXY ist bunt und weltoffenโ-Distanzierungen geschaffen. Alles natรผrlich, um โawarenessโ herzustellen. Jens Lehmann wird fรผr immer mit Entschuldigungen und Beteuerungen versuchen, wieder hinter diese Welle zu kommen.
Ein Teil wird aber an ihm haften bleiben. In ein oder zwei Jahren darf er dann eventuell wieder mitspielen, indem er sich in diesem Theater der Heucheleien zum gelรคuterten Buntheits-Paulus machen lรคsst, der den schwersten Fehler seines Lebens machte und nun aber verstanden hat, wie privilegiert er doch ist.
Ein Ritterkreuz am Regenbogenband fรผr den Heisinger SV
Es bleibt zu erwรคhnen, dass der Heisinger SV Jens Lehmann aufgrund der Vorfรคlle Hausverbot gab. Nein, das ist keine Satire und auch, wenn es so klingt, ist der Vereinsname nicht ausgedacht. Von 1975 bis 1978 spielte Lehmann dort. Der Heisinger Sportchef Peter Kรผpperfahrenberg (auch dieser Name nicht vom Autor ausgedacht) รคuรerte sich in seinem unendlichen, ritterlichen Mut wie folgt:
โUnd nur fรผr den Fall, dass Jens Lehmann das hier wider Erwarten lesen sollte: Auch wenn Du Dich in den letzten 40 Jahren keine dreimal hast sehen lassen und Dir das wahrscheinlich vรถllig egal ist: Du hast Hausverbot!โ
Das war der letzte Beweis, den es benรถtigt hatte: Keine drei Mal in vierzig Jahren lieร sich Lehmann beim Heisinger SV blicken! War doch klar, dass so jemand ein rassistisches Charakterschwein sein muss! Niemand versteht, wie Jens Lehmann fรผr den Essener Bezirksligisten keine Dauerkarte haben kann. Aogo hat diese fรผr seinen Jugendverein, den Bulacher SC, doch sicher ganz bestimmt, kennt jeden Fan mit Vornamen und gibt bei Heimspielen allen Zuschauern rundenweise Bier aus. Groรe Treue zum Jugendverein und nullkommanull Sรถldnermentalitรคt, dafรผr sind alle Fuรballprofis auรer Jens Lehmann bekannt.
Und ein Lolli fรผr Kartsen Baumann
Das stellt auch der folgende, groรe Sportsmann klar: Ex-Mitspieler Karsten Baumann antwortete auf Lehmanns Canossagang bei Twitter mit den Worten:
โDu warst schon damals ein Vollidiot.โ
Dass er hier den Straftatbestand der Beleidigung erfรผllt, ist vรถllig egal. Da er anscheinend schon immer ein Problem mit Lehmann hatte, tritt er nun auch nochmal krรคftig rein und sichert sich mit diesem Gratismut auch noch viel mediale Aufmerksamkeit.
Viel Aufmerksamkeit erhรคlt nun auch Dennis Aogo. Als er jรผngst das Spiel zwischen Paris St. Germain und Manchester City analysieren sollte, sagte er รผber die Englรคnder:
โEs ist einfach unglaublich schwer, sie zu verteidigen. Weil, davon gehe ich aus, sie das trainieren bis zum Vergasenโ.
Nun wird also auch der hohe political-correctness-Maรstab an den feinen Herrn Aogo angelegt, der sich sogleich entschuldigte. Bisher wurde ihm allerdings nur ma
ngelnde Sensibilitรคt vorgeworfen, niemand hat bisher die eindeutige Verharmlosung des Holocausts angesprochen.
Vielleicht sollte man bei seinem Jugendverein und sรคmtlichen ehemaligen Mitspielern nachfragen. Sicher findet man Jemanden, der bestรคtigt, dass Aogo โschon damalsโ ein โVollidiotโ war. Sein Jugendverein, der Bulacher SC, sollte ihm vielleicht auch besser die Dauerkarte entziehen und ihm das Geld fรผr die vielen Biere rรผckรผberweisen mit der Begrรผndung, dass Bulach bunt, weltoffen und tolerant ist und dort โkein Platz fรผr Holocaustverharmloser*innenโ ist.
Ach, er hatte gar keine Dauerkarte und war in den letzten 40 Jahren nur drei mal da? War ja klar. Dieses Spiel kann man sicher ewig weiterspielen, bis irgendwann niemand mehr รผberhaupt noch irgendetwas sagt, weil alles irgendwie unsensibel, mikroaggressiv oder gegen die Menschenwรผrde gerichtet ist.
Ich bleibe bei dem eingangs Gesagten. Ich konnte noch nie besonders viel mit Jens Lehmann anfangen und es mag sogar sein, dass er ein Idiot, ein Arschloch oder ein Charakterschwein ist, dass er auf seinen Jugendverein pfeift und ab und zu dรคmliche Sprรผche mit Freunden bei WhatsApp macht. Wenn ich aber zwischen ihm, Dennis Aogo, Karsten Baumann, Peter Kรผpperfahrenberg und dem aus der Anonymitรคt heraus lynchenden Twitter-Mob der Hypermoralisten wรคhlen mรผsste, wรผrde ich mich fรผr den entscheiden, der sich in dieser ganzen Affรคre am wenigsten als Arschloch erwiesen hat.
