Frankreich โ das Mutterland der Revolution, des Jakobinertums, der modernen, zentralisierten Republik. Der Albtraum eines jeden Reaktionรคrs. Nicht verwunderlich also, dass es in unserem โreaktionรคr-libertรคrenโ Lager eine gewisse und ja durchaus auch berechtigte Frankophobie gibt, ich selbst stelle keine Ausnahme dar.
Dennoch will ich mich nicht auf simples, dumpfes Franzosen-Bashing herabbegeben โ dafรผr war auf dem Schulhof genug Zeit (โhehe, innerhalb von sechs Wochen kapituliert, hahaโ) โ, sondern auch die positiven Seiten der franzรถsischen Philosophiegeschichte beleuchten.
Ein reaktionรคrer Leuchtturm innerhalb der stรผrmischen See des Progressivismus, welche Frankreich samt seinen Nachbarn nunmehr seit รผber 200 Jahren รผberflutet, soll euch nicht vorenthalten werden: Joseph de Maistre (sprich: โde Mรคtreโ). Zugeben, eine wirkliche Ausnahme ist er nicht. Seine Muttersprache war ein italienischer Dialekt, er selbst betrachtete sich nicht als Franzose (Zitat: โIch bin kein Franzose, ich war nie einer und ich mรถchte auch keiner sein.โ), aber er schrieb immerhin auf Franzรถsisch, lebte als junger Mann fรผr mehrere Jahre in Frankreich, und sein Name ist bei Gott nicht italienisch.
Jedenfalls jรคhrte sich vor knapp drei Monaten, am 26. Februar, sein Todestag zum 200. Mal. In der FAZ nahm dies der Feuilletonist Benjamin Loy zum Anlass, sich mit de Maistre nรคher zu beschรคftigen. Er betitelt ihn in seinem Artikel als โGespensterseher politischer Unordnungenโ (lag der denn damit wirklich so falsch, wie die Formulierung es suggeriert?), โGeburtshelfer des autoritรคren Denkensโ und โroyalistischen Pamphletistenโ. Was soll ich sagen, diese Vorwรผrfe machen ihn auf dem ersten Blick doch sympathisch, nicht wahr?
1753 als รคltester Sprรถssling einer savoyischen Adelsfamilie geboren, wuchs de Maistre in seiner Heimatstadt Chambรฉry im heutigen Sรผdosten Frankreichs auf โ es sei angemerkt, dass diese Stadt bis 1860 unter dem Namen Ciamberรฌ Teil des Kรถnigreichs Sardinien-Piemont war. Als er Anfang 20 war, wurde er Mitglied bei den Freimaurern und verbrachte einen Teil seines Lebens in Lyon.
Der Einmarsch revolutionรคrer Truppen 1792 in Norditalien veranlasste ihn, nach Lausanne am Genfer See auszuwandern; nachdem auch die Eidgenossenschaft Opfer franzรถsischer Aggressionen wurde, ging de Maistre nach Sardinien. Dort wurde er fรผr den sardischen Kรถnig Botschafter in Sankt Petersburg. Nach der Niederlage Napoleons wurde er bis zu seinem Tode Staatsminister im restaurierten Kรถnigreich Sardinien-Piemont.
Die Erfahrungen mit der Revolution, aber auch der Einfluss des irischen Philosophen Edmund Burke โ dem geistigen Vater des Konservatismus โ, fรผhrten dazu, dass sich de Maistre zu einem der eifrigsten Verteidiger der Alten Ordnung, speziell in Frankreich des sogenannten Ancien Rรฉgime etablierte. Sein ideelle Hauptgegner war dabei Jean-Jacques Rousseau, einer der bedeutendsten franzรถsischen Aufklรคrer und Vordenker der Franzรถsischen Revolution und ihrer ideologischen Nachgeburten.
Das Emporheben von Gleichheit und Freiheit (wohlgemerkt: Freiheit im linken Sinne), so stellt de Maistres heraus, mรผsse zwangslรคufig zum Ausbruch scheinbar endloser Brutalitรคt fรผhren. Der Groรe Terror, der in Frankreich und insbesondere in Paris in den Jahren 1793 und 1794 unter der Herrschaft der Jakobiner ungezรผgelt dahinmordete, war eine zwangslรคufige Konsequenz der Revolution. Die Folgen manch anderer erfolgreicher Revolution sollten diese Behauptung bestรคtigen.
De Maistres Gegenmittel: die gรถttliche Ordnung mit einer streng hierarchischen Gesellschaft. Er betrachtet, im Gegensatz zu Rousseau, das Zusammenleben der Menschen nicht als ein rationales Gebilde, auf das man sich mit einem Gesellschaftsvertrag o. รค. einigen kรถnne, viel mehr sei eine Gesellschaft etwas organisches, eine mit der Vernunft nicht eindeutig greifbare Ordnung, die, soll sie reibungslos funktionieren, nur auf gรถttlicher Basis stehen kann.
Als menschliches Oberhaupt dieser Ordnung gilt der Kรถnig, รผber ihn steht nur Gott. Die Demokratie sieht er dementsprechend als unehrliches Konstrukt an โ der โVolkswilleโ sei lediglich eine kurzlebige Widerspiegelung einer schwankenden รถffentlichen Meinung; die Masse werde von der durch die Aufklรคrer gepriesenen Vernunft ohnehin kaum Gebrauch machen.
Generell seien Staaten nie durch den freiwilligen Zusammenschluss von Individuen entstanden, auch der demokratische Staat nicht, obwohl sie es den Menschen vorgaukele. Wenn รผberhaupt, so de Maistres, sei Demokratie nur in einem kleinen Rahmen verwirklichbar, jedoch nicht in einem groรen Land wie Frankreich.
Der โWilleโ des Volkes werde nie umsetzbar sein, der einzelne Bรผrger in der Bedeutungslosigkeit versinken. Die Monarchie hingegen sei wenigstens ehrlich: Sie mache keinen Hehl aus der Notwendigkeit der Herrschaft, sie verfolge keine Illusion der Gleichheit. Er bedauert die mangelnde Strenge vor allem der franzรถsischen Monarchie, die es erst dazu habe kommen lassen, dass sich die aufklรคrerischen Gedanken in der Revolution entluden.
Sie hรคtte durch energischeres Vorgehen verhindert werden kรถnnen. Weiterhin vertritt de Maistres die These, dass Demokratien keine groรe Kunst mehr hervorbringen kรถnnen. Es brรคuchte einen Kรถnig, oder zumindest eine hierarchische Ordnung, damit sich Kรผnste entfalten kรถnnen, andernfalls wรคren sie zu sehr dem Geschmacke der Volksmassen ausgeliefert, was eine geistige Verarmung zur Folge hรคtte.
Nun, wo lag er denn groรartig falsch? Die meisten seiner Vorhersagen, insbesondere in puncto Demokratie und Kunst, sind eingetroffen. Sobald sich ein Staat auf eine moderne Ideologie beruft, wird die Bevรถlkerung belogen. In allen drei groรen Ideologieblรถcken des 20. Jahrhunderts โ โFaschismusโ, Kommunismus, parlamentarische Demokratie โ war bzw. ist das so.
Sie alle behaupteten bzw. behaupten immer noch, den โWille des Volkesโ (mittlerweile eher der Bevรถlkerungโฆ) zu reprรคsentieren. Sie alle wollten und wollen das โGuteโ erreichen, enden aber immer im geistigen Niedergang. Wo wir gerade dabei sind: Es ist schon auffรคllig, dass mit der Demokratisierung Europas das Abendland seine kรผnstlerische Schaffenskraft verlor, nicht wahr? Natรผrlich, auch heute gibt es noch groรe Kunst, aber ein Niedergang lรคsst sich nicht verleugnen.
Es sei mir an dieser Stelle ein kurzer Ausflug in die Gedankenwelt Oswald Spenglers, meines momentanen Lieblingsautors, gestattet: Fรผr ihn ist dieser Niedergang zwangslรคufig, schicksalhaft. Sowohl die Demokratisierung, d. h. das Niederwerfen der Alten Ordnung und das darauffolgende Annehmen von fรผr das Abendland untypischen Staatsformen โ die Demokratie ist eine solche โ, als auch die geistige Abstumpfung der abendlรคndischen Kunst โ einer Kunst, die, der โfaustischen Seeleโ entsprechend, nach dem Unendlichen strebt und damit nur wenigen, auserwรคhlten Geistern greifbar ist โ, sind nach Spengler die unausweichliche Konsequenz der abendlรคndischen Kulturentwicklung.
So wie ein Mensch die Kindheit, die Jugend und schlieรlich das Alter durchleben und danach sterben muss, so muss auch eine Hochkultur wie die des Abendlandes ihr Ende finden: Und das ist eben das Zeitalter der Moderne, der Ideologien, der gottlosen Demokratie.
De Maistre muss zum Lebensende eine รคhnliche Ahnung gehabt haben, jedenfalls wurde er nach den Erfolgen des revolutionรคren Heeres und Napoleons zunehmend pessimistischer. Und auch wenn er es nicht mehr selbst erlebte: Vermutlich ahnte er, dass die Restauration von 1815 nicht lange anhalten wรผrde.
Um den Bogen zurรผck zur FAZ zu schlagen: Loy beschreibt noch einmal die Wirkungsgeschichte de Maistres, seinen Einfluss auf Antonio Gramsci, Alain de Benoist und Carl Schmitt. Auch zeitgenรถssische Autoren wie Michel Houellebecq seien durch die autoritรคren Thesen geprรคgt.
Ich will unserem Feuilletonisten jedoch zugutehalten, dass er de Maistre nicht ganz dem Bรถsen zuschlรคgt. So verteidigt Loy ihn gegen den Vorwurf des russisch-jรผdischen Philosophen Isaiah Berlins, de Maistre sei ein geistiger Vorlรคufer des Faschismus (es scheint, als mรผsste dieser Begriff noch einmal behandelt werden). Vielleicht bin ich zu sehr durch andere Medien ร la Spiegel geprรคgt, jedenfalls war ich von dieser doch differenzierten Betrachtung unseres reaktionรคren Helden ein wenig รผberrascht.
De Maistre nimmt, รคhnlich wie es Edmund Burke im Bezug zum (englischen) Konservatismus tut, die Rolle des geistigen Vaters der reaktionรคren Theorie ein. Daher empfehle ich, sich mit diesem Mann noch einmal nรคher zu beschรคftigen; sein Werk โVon der Souverรคnitรคt. Ein Anti-Gesellschaftsvertragโ, entstanden im Schweizer Exil, ist zumindest schon auf meine Liste der noch zu lesenden Bรผcher hinzugefรผgt worden.
Neben seinen Schriften verfasste de Maistre auch einige Aphorismen; zum Abschluss sei hier sein wohl bekanntester, da hinsichtlich der aktuellen politischen Lage in heutiger Zeit oft zitierter, Aphorismus wiedergegeben: โJedes Volk hat die Regierung, die es verdientโ. Oh Dieu, si vrai!
