Von Dr. Th. F. Ritter
Die Kleinstaaten, die รผber Jahrhunderte das Gesicht Deutschlands prรคgten, sind heute fast aus dem kollektiven Gedรคchtnis des deutschen Volkes verschwunden. Und das, obwohl deren Auflรถsung in grรถรeren staatlichen Gebilden noch nicht einmal einhundert Jahre zurรผckliegt.
1947 schloร sich als letzter verbliebener Kleinstaat, der Freistaat Lippe, mit seiner Hauptstadt Detmold dem ein Jahr zuvor durch die britische Besatzungsmacht geschaffenen Bundesland Nordrhein-Westfalen an. Als kรผmmerlicher Rest dieser deutschen Tradition kรถnnte heute hรถchstens noch das Saarland gesehen werden, das aber nicht รผber eine jahrhundertelange Eigenstaatlichkeit verfรผgte. Bremen, Hamburg und Berlin zรคhlen ebenfalls nicht zu den Kleinstaaten, da sie keine Flรคchen- sondern Stadtstaaten sind.
Kulturelle Blรผte
Der Historiker Heinrich von Treitschke beurteilte den Verdienst der Kleinstaaten in seinem Hauptwerk โDeutsche Geschichte im Neunzehnten Jahrhundertโ folgendermaรen: โUnsere Kultur verdankt ihnen unsรคglich viel, unser Staat gar nichtsโ.
Als Grund dafรผr sieht er an, daร sie โvon der Ernsthaftigkeit des Staatesโ nie etwas verstanden hรคtten. Doch wer waren diese Staaten, die bis 1918 ein eigenes Herrscherhaus nebst Hofhaltung hatten und vor der Reichsgrรผndung vollstรคndig souverรคn waren?
Als am 18. Januar 1871 im Spiegelsaale von Versailles das Deutsche Reich gegrรผndet wurde, gab es unter den 25 Bundesstaaten 14 Kleinstaaten. Sie alle besaรen im Bundesrat nur je eine Stimme und teilten sich in drei Groรherzogtรผmer, fรผnf Herzogtรผmer und sieben Fรผrstentรผmer auf.
Souverรคnitรคt, nicht ohne Kompromisse
Trotz der allmรคhlichen Zentralisierung des Reiches konnten alle Kleinstaaten ihre Souverรคnitรคt bewahren und blieben auch finanziell unabhรคngig. Eine Ausnahme bildet das Fรผrstentum Waldeck-Pyrmont, das seine Verwaltung in Folge der zu zahlenden Steuern an das Reich bereits 1867 an Preuรen รผbertragen hatte.
Alle einzelstaatlichen Armeen waren in das preuรische Heer eingegliedert und unterstanden dem preuรischen Kรถnig. Das Post- und Eisenbahnwesen lag ebenfalls in preuรischer Hand. Auf anderen Gebieten hingegen bewahrten sich die Kleinstaaten ihre politische Hoheit, wodurch sie in der Lage waren eigene Akzente innerhalb des Reiches zu setzten. Diese fanden teilweise sogar europa- und weltweite Anerkennung.
Herausragende Beispiele fรผr kulturelle Hรถchstleistungen sind das Groรherzogtum Sachsen-Weimar-Eisenach und das Herzogtum Sachsen-Meiningen. Beispielsweise erlangte die 1860 gegrรผndete Groรherzoglich-Sรคchsische Kunstschule in Weimar hohe Bedeutung, da an ihr bedeutende Kรผnstler lehrten und von ihr unter anderem Innovationen fรผr die Landschaftsmalerei ausgingen. Das Meininger Hoftheater unter Leitung des regierenden Herzogs Georg II. von Sachsen-Meiningen erlangte ebenfalls eine groรe kulturelle Bedeutung. Es beeinfluรte die europรคische zeitgenรถssische Theaterwelt nachhaltig und reiste europaweit zu Gastspielen. Als die โMeiningerโ sind sie in die Theater-Geschichte eingegangen.
Fortschritt durch Wettbewerb, Wettbewerb durch Vielfalt
Auch auf politischen Gebiete gelang es einzelnen Kleinstaaten als eigenstรคndige Akteure hervorzutreten und dadurch reichsweite Aufmerksamkeit zu erlangen. So konnte zum einen ein regierender Fรผrst beispielsweise mit politischen Denkschriften in die aktuellen Diskurse eingreifen. Andererseits bestand die Mรถglichkeit, daร Regierungspositionen an Vertreter von verfemten politischen Parteien oder Positionen vergeben wurden. Auch hier sollen kurz zwei Beispiele angefรผhrt werden.
Der bis zum Jahre 1893 regierende Herzog Ernst II. von Sachsen-Coburg und Gotha (dem โGestรผt Europasโ wie Bismarck das Herrscherhaus auf Grund seiner dynastischen Verflechtungen nannte) identifizierte sich mit den liberalen Ideen seiner Zeit und suchte diese sowie die deutsche Einigung aus liberalem Geiste heraus zu fรถrdern. Verfolgten Liberalen bot er in seinem Herzogtum Unterkunft und eine Anstellung in hohen Staatspositionen.
Nach der Grรผndung des Reiches behielt Ernst II. diese Praxis bei. Der Gegenentwurf hierzu ist Heinrich XXII. Reuร รคlterer Linie, der den Liberalismus entschieden bekรคmpfte und sich als einziger Bundesfรผrst offen zum Legitimismus โ also zur Unabsetzbarkeit eines angestammten Herrscherhauses โ bekannte. Er unterstรผtzte Parteigรคnger der 1866 von Bismarck entthronten Dynastien und deren Presse.
In einer Zeit des zunehmendem Zentralismus wird der Fรถderalismus als hinderlich betrachtet und allmรคhlich entkernt. Doch ermรถglicht er, daร in einem Staate ein Wettbewerb der Ideen stattfinden kann. Erfรผllen wir die fรถderale Tradition Deutschlands wieder mit Leben.

