Man kann sich vor den Nachrichten aus Afghanistan kaum noch retten. Wรคhrend sich das rechte Lager an Talibanmemes erfreut und sich vor ein neues 2015 fรผrchtet, kรถnnen die meisten Linken die Tatsache, dass in Kabul nun doch keine Toiletten fรผr das โdritte Geschlechtโ gebaut werden, kaum verkraften.
Alle fragen sich, was um alles in der Welt der Westen dort die letzten 20 Jahre gemacht hat. Doch welche Geschichte, in deren Verlauf die USA nicht die Ersten waren, die an der Eroberung dieses Landes scheiterten, hat Afghanistan? Wer sind โdie Afghanenโ รผberhaupt?
Die Gebiete, die heute zum afghanischen Staate gehรถren, standen lange unter der Fremdherrschaft grรถรerer Reiche. So verleibte sich das altpersische Achรคmeniden-Reich das heutige Afghanistan ein, spรคter wurde es von Alexander dem Groรen erobert. Danach etablierte sich ein griechisches Diadochenreich โ als Diadochen werden die Generรคle Alexanders bezeichnet, die sich nach seinem Tod um dessen Erben stritten โ in diesem Gebiet; zu dieser Zeit wurde die Region nach der Stadt Baktra (heute: Balch) als โBaktrienโ bezeichnet.
Nach dem Zerfall des griechischen Staates erlangten die iranischen Parther die Kontrolle รผber die Region, ehe sie von dem Sassanidenreich โ auch neupersisches Reich genannt โ abgelรถst wurde.
Die Sassaniden fielen schlieรlich dem Expansionsdrang der muslimischen Araber zum Opfer โ und mit ihnen auch das jetzige Afghanistan. Das unwegsame Bergland machte es aber auch den arabischen Eroberern schwer, das Land zu islamisieren. Stรคdte wie Balch hatten zwar arabischer Herrscher, die Bevรถlkerung aber blieb buddhistisch.
Das letzte Volk, die Nuristani, wurden erst 1896 zwangsislamisiert โ bis dahin wurde ein Angehรถrige der Nuristani von den Muslimen verรคchtlich โsauze kafirโ (Sing., dt.: โgrรผnรคugiger Unglรคubigerโ) genannt. Ein weiteres Volk, das ebenfalls relativ spรคt zum Islam konvertierte โ vermutlich erst im 11. Jahrhundert, waren die Paschtunen. Die Paschtunen stellten damals wie heute einen Groรteil der Bevรถlkerung Afghanistans dar; sie leben innerhalb verschiedener Stammesverbรคnde, haben im Zuge eine Islamisierung eine sehr strenge, orthodoxe Form der Religion des Friedens รผbernommen und besitzen zudem noch einen eigenen Rechts- und Ehrenkodex, den Paschtunwali.
Von den Persern, die ab 1501 in Form des schiitischen Safawiden-Reiches den Westen des Landes kontrollierten, werden die Paschtunen โAfghanenโ genannt. Im Sรผdosten Afghanistans herrschten derweil die indischen Moguln, die regelmรครig Krieg gegen die Perser fรผhrten. Im 18. Jahrhundert gelang es den Paschtunen, in einer Revolte das persische Safawiden-Reich zu zerschlagen. Dieser Erfolg hielt jedoch nicht lange an, da sich die einzelnen paschtunischen Stรคmme untereinander zerstritten, sodass der neue persische Herrscher, Nader Schah Afschar, die verlorenen Gebiete wieder zurรผckerobern konnte.
Als Nader Schah 1747 ermordet wurde, stieg einer seiner Generรคle, der Paschtune Ahmad Khan Abdali, zum neuen Schah auf. Dieser baute ein Machtzentrum im Osten des heutigen Irans auf, nach und nach umfasste sein Einflussgebiet ein Reich von der iranischen Stadt Isfahan im Westen bis zum indischen Delhi im Sรผdosten. Da Ahmad Khan selbst aus einem Stamm im westlichen Siedlungsgebiet der Paschtunen stammte und er selbst unter einem persischen Herrscher als General diente, wurde er selbst wohl deswegen als โAfghaneโ bezeichnet.
Seine Herrschaft, die das sogenannte Durrani-Reich begrรผndete, gilt als Geburtsstunde des modernen Afghanistans, weshalb er auch Ahmad Shah Baba (dt.: โAhmad Shah der Vaterโ) genannt wird. Ahmads Sohn machte Kabul zu seiner Hauptstadt. Das Reich zerfiel im frรผhen 19. Jahrhundert aufgrund von Erbschaftsstreitigkeiten und Rebellionen; Nachfolgestaat wurde das โEmirat Afghanistanโ im Jahre 1823.
In dieser Zeit geriet Zentralasien, und damit auch Afghanistan, das erste Mal in das Augenmerk europรคischer Groรmรคchte. Seit Peter dem Groรen versuchte das Russische Reich, an einen eisfreien Hafen nicht nur in Europa, sondern auch am Indischen Ozean zu gelangen. Hierfรผr gab es z. B. Abmachungen zwischen Russland und dem napoleonischen Frankreich, gemeinsam gegen Groรbritannien vorzugehen und Indien zu erobern.
Auch wenn dieses Vorhaben unrealisiert blieb, fรผrchteten die Englรคnder โ die รผber ihr Spionagenetzwerk von den russischen รberlegungen erfahren hatten โ, dass das europรคische Gleichgewicht der Mรคchte mit einem zu starken Russland aus den Fugen geriet. Um dem Zarenreich zuvorzukommen, marschierten die Briten 1839 in Afghanistan ein: Damit wurde das Land Teil des โGreat Gamesโ, wie der anglo-russischen Konflikt um Zentralasien genannt wurde.
Auch wenn weite Teile des Landes inklusive Kabul rasch erobert werden konnten, waren die Briten dennoch nicht in der Lage, die Stรคmme komplett zu unterwerfen. Nach mehreren Aufstรคnden zogen sich die Englรคnder 1842 ergebnislos zurรผck; wรคhrend dieses Rรผckzuges wurden sie von bewaffneten Paschtunen รผberfallen und komplett aufgerieben. London hatte mit einer letzten Strafaktion gegen Kabul auf diesen รberfall reagiert, ehe man gedemรผtigt Afghanistan verlieร.
Im Jahre 1878 starteten die Briten einen zweiten Eroberungsversuch, nachdem sich der afghanische Emir zu sehr an Russland angenรคhert hatte. Auch hier gelang es ihnen nicht, Afghanistan komplett in ihr Empire einzuverleiben, erhielten aber die Kontrolle รผber die afghanische Auรenpolitik vertraglich zugesichert. Dies fรผhrte dazu, dass die Englรคnder das Emirat im Jahre 1893 dazu zwangen, etwa ein Drittel des Landes sรผdรถstlich der sogenannten Durand-Linie an Britisch-Indien abzutreten.
Diese Linie verlief direkt durch das Siedlungsgebiet der Paschtunen; noch heute bildet diese Linie die Grenze zum modernen Pakistan. 1919 schafften es die Afghanen, sich in einem dritten Krieg vom durch den Ersten Weltkrieg geschwรคchten Empire zu lรถsen. Damit wurde Afghanen, so wie es in den heutigen Grenzen existiert, ein unabhรคngiger Staat. Dieses neue Staatsgebilde war voll und ganz eine Folge des Great Games: Ein Vielvรถlkerstaat mit Turkvรถlkern wie die Usbeken ganz im Norden, iranischen Vรถlkern im Norden und Nordosten sowie den Paschtunen, deren Groรteil noch heute im heutigen Pakistan siedelt, im Sรผden des Landes.
Weiterhin ist der Wachankorridor โ ein schmaler, gebirgiger Landstrich im Nordosten des Landes, der u. a. eine Grenze mit China bildet โ, der eine Pufferzone zwischen dem Russischen Reich und Britisch-Indien bilden sollte, ein Relikt des โGreat Gamesโ.
Im Laufe des 20. Jahrhunderts modernisierte sich das Land immer weiter: 1926 rief der regierende Emir das konstitutionelle โKรถnigreich Afghanistanโ aus, spรคter wurden Dinge wie ein Parlament, das Frauenwahlrecht und die Pressefreiheit eingefรผhrt; zudem wurden erstmals in der Gesetzgebung alle Bewohner Afghanistans, und nicht nur die Paschtunen, als โAfghanenโ bezeichnet.
Weiterhin trieb der damalige Schah den Ausbau der Infrastruktur sowie die โEmanzipationโ der Frau voran. All diese Maรnahmen trafen auch auf Widerstand in der traditionellen afghanischen Bevรถlkerung. Das Kรถnigshaus wurde 1973 von Mohammed Daoud Khan, der zuvor zehn Jahre lang Ministerprรคsident des Landes und zudem ein Cousin (!) des amtierenden Kรถnigs war, mit Unterstรผtzung der kommunistischen Partei (!!) gestรผrzt. Die Republik wurde ausgerufen.
Der neue Prรคsident Daoud lehnte sich anfangs noch an die Sowjetunion an, verfolgte aber spรคter eine blockfreie Auรenpolitik. Er duldete damit auch keine Einmischung seitens der Sowjets, was dazu fรผhrte, dass die Kommunisten im Lande Daoud die Unterstรผtzung versagten. In der โSaurrevolutionโ von 1978 stรผrzten die Roten Daoud โ ob mit oder ohne Hilfe seitens Moskau ist umstritten โ und riefen die โDemokratische Republik Afghanistanโ aus. Die Kommunisten versuchten mit brutalen Mitteln, eine kommunistische Transformation im Lande durchzufรผhren โ so wurde u. a. die Straรenverkehrsordnung der DDR eingefรผhrt, die bis heute noch gilt.
Weiterhin sollte mithilfe staatlichen Terrors eine Bodenreform durchgesetzt, das Land sรคkularisiert und die Oberschicht enteignet werden. Auf dem Land bildete sich rasch bewaffneter Widerstand; dies war die Geburtsstunde der islamischen Mudschahidin in Afghanistan. Lehnten die Sowjets anfangs eine Intervention ab, entschloss sich Leonid Breschnew โ รผberzeugt, dass sich der damalige Prรคsident Amin zur Not an die USA wenden kรถnnte โ 1979, sowjetische Truppen in Afghanistan einmarschieren zu lassen. Amin wurde liquidiert und durch einen sowjettreuen Mann ersetzt.
Mit der Invasion sowjetischer Truppen begann ein Bรผrgerkrieg, der, auch wenn die โSpielerโ immer wieder ausgetauscht wurden, bis zu diesem Jahr anhielt. Weiterhin wurde Afghanistan nun zu einem Teil des Kalten Krieges: Um eine sowjetische Vormacht zu verhindern, unterstรผtzen die USA in Form ihres Geheimdienstes CIA die Mudschahidin mit Geld und Waffen. Weitere Unterstรผtzer der islamischen Kรคmpfer waren Pakistan und Saudi-Arabien.
Bald mussten die Russen aufgeben; 1989 zogen sie sich, so wie schon die Englรคnder vor ihnen, gedemรผtigt aus Afghanistan zurรผck. Die kommunistische Regierung in Kabul konnte sich noch bis 1992 halten. Im selben Jahr wurde der โIslamische Staat Afghanistanโ ausgerufen. Regiert wurde dieser Staat hauptsรคchlich von Angehรถrigen der Tadschiken, einem iranischen Volk im Norden des Landes. Schon bald zerstritten sich die Mudschahidin und kam es zu Konflikten zwischen der Regierung in Kabul und rebellierenden Milizen im Sรผden des Landes. Kabul konnte sich, trotz mehrfacher Bombardierungen, dank des damaligen Verteidigungsministers Ahmad Schah Massoud โ dieser Mann, selbst Tadschike und tiefglรคubiger, jedoch die extremen Strรถmungen wie die saudischen Wahhabiten ablehnender Sunnit, wird heute noch als Nationalheld verehrt โ, halten.
Entscheidende Rolle spielte in diesem Konflikt Pakistan, welches Interesse daran hatte, seinen Einfluss bis Zentralasien auszuweiten. Deshalb unterstรผtze es verschiedene rebellierende Paschtunenmilizen โ die Durand-Linie war ohnehin kaum bewacht, sodass die vom pakistanischen Geheimdienst ausgebildeten Milizenfรผhrer ohne weiteres die Grenze passieren konnten; ein Umstand, der den USA spรคter ordentlich zu schaffen machen wรผrde โ, unter ihnen auch die 1994 erstmals im internationalen Bewusstsein auftretenden Taliban.
1996 gelang es den Taliban mit der Hilfe Pakistans โ ein Groรteil der Kรคmpfer waren keine โAfghanenโ, sondern Pakistanis โ, Kabul das erste Mal einzunehmen. Sie riefen daraufhin das โIslamische Emirat Afghanistanโ aus. Einzig allein Massoud konnte sich gegen die Taliban behaupten. Diese setzten ihr islamisches Gesetz derweil mit brutalsten Mitteln durch; Massaker an Zivilisten waren nicht unรผblich, und รผber eine Millionen Menschen flohen in die Gebiete Massouds.
2001 wurde zum weiteren Schicksalsjahr in Afghanistan: Am 9. September wurde Massoud von al-Qaida-Terroristen ermordet, gerade mal zwei Tage spรคter ereigneten sich die Anschlรคge in New York (An die Verschwรถrungsenthusiasten unter euch: Zufall?). Im Oktober begann die Invasion Afghanistans durch die USA. Die Amerikaner konnten die Taliban zwar weitgehend zurรผckdrรคngen, jedoch nie komplett besiegen. Die Islamisten blieben, auch dank der Pakistanis, die mit den Amerikanern ein doppeltes Spiel trieben โ offiziell sind sie ja Verbรผndete der USA โ, immer ein Stachel im Fleische des US-Imperiums.
Damit wรคren wir an dem Punkt, an dem wir heute stehen: Die USA sind nun die dritte Groรmacht, die an Afghanistan gescheitert ist und sich von irgendwelchen paschtunischen Stammesfรผrsten demรผtigen lassen musste. Fragt sich, wer es als nรคchster versuchen mรถchte. China vielleicht?
