Von Flying Dutchman
รberschwemmungen in Deutschland sind zum Glรผck selten, aber in Taiwan sind Taifune so sicher wie der beissende Weihrauchdunst in den vielen buddhistischen und taoistischen Tempeln. 2020 blieb die Insel jedoch von ihnen verschont.
Auf den ersten Blick ist es sicher ein Grund zur Freude, wenn einem der Wind nicht mit einer Geschwindigkeit von bis zu 250 Stundenkilometern um die Ohren weht und der Niederschlag manchmal horizontal zu fallen scheint. Doch demenstprechend wurde im Frรผhjahr auch aufgrund diverser sehr wasserintensiver Industrien (wie der Halbleiterproduktion) in mehreren Regionen das Wasser knapp, weil die Kapazitรคt der Staudรคmme auf teilweise unter 10% Auslastung gesunken war.
Fremde Lรคnder, fremde Wetter
Zu jenem Zeitpunkt hatte ich meinen zeitweiligen Europaaufenthalt noch nicht beendet. Aus der Ferne in Spanien fiel es mir nach รผber 20 Jahren Asienerfahrung echt schwer, mir das praktisch vorzustellen. Wie konnte es bei dem schwรผlen, subtropischen Klima Taiwans mit einer durchschnittlichen Luftfeuchtigkeit von fast 80% so etwas wie anhaltende Trockenheit geben? Doch es stimmte!
Einen Monat nach meiner Rรผckkehr durften wir uns รผber Wolkenbrรผche freuen. Die seit Wochen bestehende Wasserrationierung in einigen weiter sรผdlich gelegenen Landkreisen war damit zunรคchst vom Tisch. Ein Taifunerlebnis im eigentlichen Sinne blieb in Taipei aber dieses Jahr bisher aus, doch dieses kann uns noch bis mindestens Oktober geboten werden, bevor die Saison normalerweise beendet ist.
Aber seinem asienspezifischen meteorologischen Schicksal kann man trotzdem nicht immer entrinnen. Im September 2001 suchte uns hier im Norden Taiwans, wo wir aufgrund des als โWellenbrecherโ fungierenden zentralen Bergmassivs relativ gut geschรผtzt sind, Nari heim. Dieser schwere Taifun forderte nicht nur ca. 100 Menschenleben, die unteren Stockwerke des Hauptbahnhofs Taipei liefen voll. Erst zu Weihnachten war der Normalbetrieb der U-Bahn wiederhergestellt. Eine kleine Gedenktafel zeigt den damaligen Wasserhรถchststand an.
Unterschรคtzte Gefahr
Leute in anderen Erdteilen denken womรถglich, dass das Wetter plรถtzlich umschlรคgt und es dann einfach lรคnger in Strรถmen gieรt und windet. Doch das Auge des Taifuns, das sich irgendwann รถffnet, vermittelt den falschen Eindruck, dass das Schlimmste schon รผberstanden sei. Wind und Regen lassen nach oder hรถren ganz auf. Der Himmel mag sich aufklรคren und die Sonne wieder scheinen. Nach einer Weile jedoch kommt dann das dicke Ende, bevor der Taifun weiterzieht oder sich von selber abschwรคcht.
Immer wieder kommen leichtsinnige Menschen zu Tode, die die Gefahr unterschรคtzen, sich nach drauรen begeben und von losgerissenen, durch die Luft fliegenden Objekten wie z.B. Werbetafeln oder umstรผrzenden Bรคumen erschlagen werden. Ich selbst befolgte damals ohne nachzudenken den kรผhnen Vorschlag eines deutschen Kumpels und traf mich doch tatsรคchlich in der Mitte der entfesselten Naturgewalten auf ein paar Hotelbiere mit ihm.
Es war gar nicht so einfach, ein Taxi zu bekommen, denn viele Fahrer verzichten lieber auf doch eher hart verdientes Geld. Aber letztendlich hat alles gut geklappt und nach ein paar Stunden saร ich wieder, leicht angeheitert, in meiner sturmgepeitschten Bude. Derartige Sorglosigkeit gehรถrt zum Glรผck lรคngst der Vergangenheit an, auch dank der sechs Jahre in einer Terrassenwohnung, in der ich stets bei diesen Gelegenheiten meine Pflanzen sichern musste. Auch wenn sie manchmal ausbleiben, Taifune sind nun mal nicht zu unterschรคtzenโฆ

